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"Der Klimawandel ist ein finanzielles Risiko"

Von Ronald Schönhuber

Klimawandel

Immer mehr Unternehmen entdecken den Klimaschutz für sich.


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"Wiener Zeitung": Der Weltklimarat IPCC kommt in seinem vor kurzem veröffentlichten Sonderbericht zu dem Schluss, dass selbst eine Erwärmung von zwei Grad Celsius schwerwiegende Folgen für unseren Planeten hat. Zugleich wird eindringlich davor gewarnt, dass wir mit den derzeit geplanten Maßnahmen zur Reduktion von klimaschädlichen Treibhausgasen nicht einmal das Zwei-Grad-Limit schaffen. Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Klimawandel. Gibt es irgendwas, das Sie hoffen lässt, dass nicht alles in einem völligen Desaster endet?

Alzbeta Klein: Der IPCC-Bericht hat eines in den Fokus gerückt, und das ist die Dringlichkeit. Wir haben alle gedacht, dass wir 20, 30 oder 40 Jahre haben, um eine Veränderung zu bewirken. Aber die Sache hat absolute Dringlichkeit. Und diese Dringlichkeit betrifft unsere heutigen Entscheidungen: Was und wie bauen wir? Was entwickeln wir? Davon wird es abhängen, welchen Effekt wir im Jahr 2030 haben. Allein in Indien werden etwa in den nächsten Jahren 600 Millionen Klimaanlagen verkauft werden. Der Preisunterschied zwischen einem effizienten und stromsparenden Klimagerät und einem nicht effizienten ist nicht sehr hoch, aber die jetzt verkaufte Generation an Klimageräten wird für die nächsten fünf bis zehn Jahre da sein. Grundsätzlich bin ich aber auf der optimistischen Seite des Spektrums, und zwar wegen zwei Dingen. Das erste ist Innovation, das zweite ist Technologie. Zusammen wird das einen Unterschied machen.

Lassen Sie uns dabei bleiben. Viele Experten gehen davon aus, dass Unternehmen eine wesentliche Rolle im Kampf gegen den Klimawandel spielen werden. Und diese Unternehmen werden ihren Ausstoß an klimaschädlichen Treibhausgasen nicht deshalb reduzieren, weil ihnen das mit Gesetzen vorgeschrieben wird, sondern weil sie es selbst wollen. Was ist da passiert? Bis vor kurzem wurde Klimaschutz von Firmen vor allem als teuer und als Jobkiller gebrandmarkt.

Ein paar Dinge sind hier passiert. In einer großen Anzahl von Ländern ist das Klimathema mittlerweile von den Umweltministerien zu den Finanz- und Wirtschaftsministerien gewandert. Es bewegt sich in diese Richtung, weil Klima mittlerweile eine Frage des finanziellen Risikos, der finanziellen Regulierung und der Geschäftschancen für Unternehmen ist. Und das lässt sich natürlich weiter herunterbrechen. Wenn Sie heute ein Versicherungsunternehmen sind, das stark in der Schadens- und Unfallversicherung engagiert ist und viele Kunden im Süden der USA hat, dann häufen Sie derzeit wohl gerade Verluste wegen der aktuellen Hurrikan-Saison an. Das ist kein Umwelt-, sondern ein finanzielles Risiko.

Der zweite Punkt, den ich erwähnen möchte, sind die Möglichkeiten von morgen. Sie haben vorher Arbeitsplätze genannt. Wenn Sie die USA hernehmen und die Kohleindustrie mit der Solarbranche vergleichen, dann gibt es in dieser zehn Mal so viele Jobs. Das sagt wohl alles. Die erneuerbaren Energien sind eine sehr lebensstarke Branche geworden. Wenn wir uns anschauen, was große multilateralen Banken wie etwa die Weltbank-Gruppe im Jahr 2016 in Erneuerbare Energie investiert haben, dann waren das zusammengenommen fünf Milliarden Dollar. Das gesamte globale Investment betrug aber 260 Milliarden Dollar. Das heißt, 255 Milliarden wurden auf kommerziell-privatem Weg investiert.

Was sind denn die aus Ihrer Sicht die vielversprechendsten technologischen Entwicklungen?

Ich würde gerne zwei Technologien herausstreichen. Die eine ist Energiespeicherung. Solarenergie gehört in vielen Ländern mittlerweile zu den günstigsten Energieformen. Wie wir wissen, scheint die Sonne aber nur tagsüber und nicht in der Nacht. Wir brauchen für diese Zeit also ein Back-up, und dieses Back-up sind elektrische Speicher. Mit ihnen können wir der Inkonsistenz der erneuerbaren Energien begegnen. Deswegen hat die Weltbankgruppe auch ein Fünf-Milliarden-Dollar-Investmentprogramm lanciert, mit dem wir die Entwicklung und Verbreitung von Speicherbatterien für den Hausgebrauch vorantreiben wollen.

Die zweite Technologie ist die Offshore-Windkraft, die mittlerweile schon eine Mainstream-Industrie ist. Wir setzen stark auf diese Technologie und würden sie gerne von Westeuropa in die Schwellen- und Entwicklungsländer in Afrika und Südostasien bringen. Aber es gibt natürlich auch noch eine Menge anderer technologischer Fortschritte wie etwa in der klimafreundlichen Landwirtschaft. Das ist nicht unerheblich, schließlich ist Landwirtschaft für 35 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Ob Klimaschutz erfolgreich ist, wird letzten Endes auch sehr stark von der Bevölkerung abhängen. In Westeuropa und in Nordamerika haben immer mehr Menschen bei ihren Kaufentscheidungen den Klimaschutz im Hinterkopf, etwa wenn es um die Anschaffung eines neuen Autos geht oder darum, ob man seinen Strom von einem grünen Versorger bezieht. Aber was ist mit China und Indien? Gibt es dort ebenfalls eine solche Veränderung im Denken und Handeln?

Wenn man die Emissionen wirklich reduzieren will, kann das nicht nur in Europa oder Amerika passieren. Es muss auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern geschehen, und dort vor allem in den größten Volkswirtschaften China und Indien. In vielen dieser Länder erleben wir gerade einen massiven Sinneswandel. So haben sich inzwischen 1400 Unternehmen weltweit unserer CO2-Preis-Initiative angeschlossen; das sind Firmen, die an die Notwendigkeit eines CO2-Preissystem glauben oder es auch schon selbst verwenden. In Indien gibt es zum Beispiel Dalmia Cement, das ist der drittgrößte Zementhersteller im Land. Die Zementindustrie ist ja sehr CO2-intensiv. Doch Dalmia hat es mit Strategien zur Materialeinsparung, grünen Produktionsmethoden und Effizienzprogrammen geschafft, seine Emissionen drastisch zu senken. Wir sehen also sehr viel Bewegung, nicht unbedingt auf Regierungs-, dafür aber auf Unternehmensebene.

Aber warum machen Firmen wie Dalmia das? Welchen Vorteil hat das für das Unternehmen?

Es gibt mehrere Gründe. Zum einen ist es ein offensichtlich von Visionen geprägter Führungsstil, zum anderen aber auch der zunehmende Druck der Kunden. Auch in den Entwicklungsländern stellen vor allem junge Leute immer häufiger Fragen. Sie wollen etwa wissen, wie groß der ökologische Fußabdruck ihres Hauses ist oder ob die verwendeten Baumaterialen grün produziert worden sind. Dazu gebe ich Ihnen noch ein Beispiel aus Südafrika, wo wir den Bau von Häusern finanziert haben, die auch für ärmere Bevölkerungsschichten erschwinglich sind. Den Menschen, die dort eingezogen sind, ist es dabei sehr wichtig gewesen, dass sie auch in einem grünen Haus leben. Und das hast einen ganz einfachen Grund. Denn in einem grünen Haus fällt ihre Energie- und Wasserrechnung um rund 35 bis 40 Dollar pro Monat niedriger aus. Und für diese Menschen, die Schalterbedienstete oder Reinigungskräfte sind, also zur unteren Mittelklasse gehören, sind 40 Dollar ziemlich viel Geld. Zusammengefasst haben wir also drei Hebel: eine Führungspersönlichkeit mit Visionen, dann ein Regularium seitens einer Regierung, die den Klimawandel sehr ernst nimmt, weil es für sie schon kein Luxusproblem mehr ist. Und schließlich der Konsument, der ein grünes Haus oder Nahrungsmittel aus der Region mit guter CO2-Bilanz will.

Selbst wenn man das alles, was Sie bis jetzt gesagt haben, in Rechnung stellt: Nachdem die USA aus dem Pariser Klimaabkommen ausgestiegen sind, leistet der zweitgrößte Klimasünder der Welt keinen Beitrag mehr. Können die anderen da wirklich die Kluft überbrücken?

Alzbeta Klein ist Direktorin für Climate Business bei

Die Vereinigten Staaten sind ein großes Land. Und abseits der großen Schlagzeilen, die wir tagtäglich sehen, gibt es in den USA tatsächlich viel Bewegung beim Klimaschutz. Das passiert auf der Ebene der Städte und auf der Ebene der Bundesstaaten. So hat der kalifornische Gouverneur Jerry Brown im September einen großen Klimagipfel abgehalten und dort eine ganze Reihe an Zusagen gemacht, mit denen Kalifornien beim Klimaschutz noch deutlich stärker vorangehen wird.

Und nicht zuletzt ist Klimaschutz auch in den USA ein Geschäftsmodell geworden. All das zusammen hat dazu geführt, dass die Vereinigten Staaten ihren Treibhausgassausstoß bereits deutlich reduziert haben.