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Der Kreml und die Islamisten

Von Gerhard Mangott

Gastkommentare
Gerhard Mangott ist Politikwissenschafter und Professor für Internationale Beziehungen an der Universität Innsbruck mit dem Schwerpunkt Osteuropa und Russland. privat

Russland unterstützte nach 9/11 die westliche Intervention in Afghanistan - allerdings mit Vorbehalten.


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Am Samstag jähren sich die 9/11-Terrorangriffe zum 20. Mal. Russland hat damals sehr rasch und umfassend darauf reagiert. Der Kreml hat sich mit den USA umgehend solidarisiert und erklärt, beide Staaten seien Opfer des transnationalen islamistischen Terrorismus. Präsident Wladimir Putin war der erste ausländische Regierungschef, der US-Präsident George W. Bush sein Mitgefühl ausdrückte. Zudem hat Russland nach innerem Ringen (es gab Widerstand im Verteidigungsministerium) den USA das Recht eingeräumt, in seinem Hinterhof - in Tadschikistan, Usbekistan und Kirgistan - Militärbasen zu errichten, um sowohl die militärischen Kampfhandlungen als auch die Versorgung der US-Truppen zu gewährleisten. Außerdem hatte Russland die "Nordallianz", eine Widerstandsgruppe aus Usbeken und Tadschiken, gegen die Taliban im Norden Afghanistans unterstützt. Diese Kämpfer waren für die USA wichtige Bodentruppen, um die Taliban aus Kabul zu vertreiben.

Russland verfolgte damit zwei zentrale Ziele: Zum einen sollte die aktive Unterstützung der USA das bilaterale Verhältnis verbessern. Putin war damals noch an kooperativen Beziehungen mit den USA interessiert. Zum anderen erwartete sich Russland durch den US-Militäreinsatz zu Recht die Beendigung des Einsickerns islamistischer Terroristen aus Afghanistan in die zentralasiatischen Bündnisstaaten. Diese - vor allem die Islamische Bewegung Usbekistans - hatten während der Taliban-Herrschaft 1996 bis 2001 die innere Lage in diesen Ländern destabilisiert.

Russland versuchte mit 9/11 auch, den eigenen "Kampf gegen Terror" gegen nordkaukasische Islamisten - im Westen zu Recht umstritten - zu rechtfertigen: Die USA und Russland seien gemeinsame Opfer islamischen gewalttätigen Radikalismus. Die westlichen Staaten müssten dies endlich anerkennen. Diese Forderung wurde noch stärker, als Russland 2002 (Moskau) und 2004 (Beslan) erneut Opfer von islamistischem Terror wurde.

Russland hat aus den genannten Gründen die westliche Intervention in Afghanistan nicht nur geduldet, sondern aktiv unterstützt. Zugleich betrachtete man die militärische Intervention zur Durchsetzung eines westlichen Regierungs- und Entwicklungsmodells skeptisch. Dieser von neokonservativen und liberal-internationalistischen Akteuren im außenpolitischen Establishment der USA unterstützte Militäreinsatz sollte jedenfalls anderswo nicht wiederholt werden. Die USA als unipolare Macht sollten im Rahmen von gewaltsamer Demokratisierung nicht einer völligen Hybris erliegen und versuchen, die Welt nach ihrem Vorbild zu formen.

Später erst sah Russland in der Verstrickung der USA in Afghanistan ein willkommenes Schlamassel einer Supermacht, die zahlreiche Menschenleben und viel Geld in dem zentralasiatischen Land verloren hat. Nun sieht der Kreml mit Genugtuung, dass die USA und ihre Verbündeten in Afghanistan weitgehend gescheitert sind, ihre Glaubwürdigkeit als globale Führungsmacht erschüttert und das Konzept der militärischen Demokratisierung diskreditiert ist.