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Der kurdische Knoten

Von Ali Can

Gastkommentare
Ali Can ist Journalist und Sprecher des kurdischen Dachverbands Feykom in Österreich, wo er seit 1988 lebt (seit 1999 besteht ein Einreiseverbot in die Türkei aus politischen Gründen). 2010 war er SPÖ-Kandidat bei der Wiener Gemeinderatswahl und wurde im selben Jahr Gastronomie-Ausschussmitglied in der Wirtschaftskammer.

Die Gefahr, die der "Islamische Staat" nicht nur für die Kurden darstellt, sondern auch für andere Ethnien, wurde lange ignoriert. | Nun sollten die Kurden als Schutzmacht für Christen, Schiiten und Jesiden unterstützt werden.


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Die Bilder der Flüchtenden in der Wüste von Schengal und in den Sincarbergen sind fast identisch mit Bildern aus den Jahren 1914 und 1915, die von den Türken auf den Todesmarsch geschickte Armenier zeigen. Kinder, die hoffnungsvoll an ihren Müttern, Schwestern, Omas und Opas hängen, bringen sogar die Wüste zum Weinen.

Damals gingen diese Bilder nicht gleich in die Welt hinaus. Die armenischen Kinder hatten nicht so viel Glück, dass man ihnen aus der Luft Hilfspakete geschickt hätte. Aber dass sich 100 Jahre später das Gleiche am selben Ort wiederholt, will auch heute niemand in seiner ganzen Dimension wahrhaben.

Seit Jahrhunderten kämpfen die Kurden, das größte Volk der Welt ohne eigenen Staat, gegen die Besatzungsmächte und für ihre Freiheit. Seit Jahren leisten sie einen von der Welt ignorierten Kampf gegen die IS-Faschisten und haben sie eigenständig aus allen kurdischen Gebieten von "Rojava" vertrieben, wie die Kurden jenen Teil Kurdistans nennen, der auf syrischem Staatsgebiet liegt.

Lange wurde der "Islamische Staat" von den Ländern in der Region offen unterstützt. Auch die Europäische Union wollte jahrelang nicht wahrhaben, dass viele dieser Dschihadisten aus Europa in die Region kommen und nicht nur dort eine Gefahr für die Kurden darstellen. Unsere Warnungen, dass die IS-Schlächter eine Gefahr auch für Europa sind, wurden leider meist überhört.

In der Region haben die kurdischen Kämpfer und Kämpferinnen nun gezeigt, dass sie nicht nur für die Kurden, sondern auch für alle andere Ethnien und Religionen eine Schutzmacht sind. Tausende von Christen, Schiiten und Jesiden haben Sicherheit in jenen Gebieten gefunden, die von den kurdischen Guerillas abgesichert werden.

Wir Kurden wollen mit allen Mitteln verhindern, dass die Christen, Schiiten, Juden, Jesiden und Aleviten, die in Kurdistan zu Hause sind, vertrieben werden. Wir sind mit allen unseren ethnischen und religiösen Minderheiten eine vielfältige Gesellschaft. Den Weg zu einer friedlichen, multiethnischen und demokratischen Zukunft der Region wird in den seit drei Jahren unter Selbstverwaltung stehenden kurdische Kantonen vorgelebt: Vor allem sind die Frauen gleichberechtigt und arbeiten auf allen politischen Ebenen mit. Genau das stört andere Länder im Nahen Osten, daher unterstützen sie Banden wie IS.

Aber auch der Westen sieht die Selbstverwaltungsstrukturen der Kurden als Gefahr für seine Einflussmöglichkeiten und unterstützt sie nicht. Im Gegenteil: Die kurdische Befreiungsbewegung wird in der EU als terroristisch verfolgt.

Es ist zu begrüßen, dass die Bereitschaft für humanitäre Hilfe groß ist, aber das allein genügt nicht. Die EU muss ihren Partnern in der Region streng auf die Finger schauen, mehr Druck auf die Türkei ausüben, dem IS-Terrorismus keine Hilfe zu geben, und die kurdischen Guerillas PKK und PYD als wichtige Verbündete im Kampf gegen islamistischen Fundamentalismus anerkennen.