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Der Landarzt - eine aussterbende Spezies?

Von Brigitte Pechar

© Fotolia

Ärztekammer: In den nächsten zehn Jahren gehen 56 Prozent der Landärzte in Pension.


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Wien. Hilde Fellmann ist 88 Jahre alt und schon etwas gebrechlich. Sie lebt in einer niederösterreichischen Gemeinde mit 1000 Einwohnern. Sie hat das Glück, dass dort ein Arzt ist - noch dazu mit Hausapotheke. Denn Frau Fellmann ist Witwe, hat keine Kinder und kein Auto und könnte selbst nicht mehr in die fünf Kilometer entfernte Stadt fahren, um sich die Arzneien zu besorgen.

Die Hausapotheke ist möglich, weil die Arztpraxis aus dem Zentrum an den Ortsrand verlegt wurde und damit die Sechs-Kilometer-Grenze zur nächsten Apotheke eingehalten werden konnte. Die Hausapotheke ist aber für viele Landärzte "die Butter aufs Brot", wie es ein Arzt im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" bei einem Symposion der Ärztekammer zum Landarztsterben formuliert hat. Dieses Zugeständnis ist für viele Mediziner heute noch ein Grund, Landarzt zu werden.

"Die Arbeit im ländlichen Raum gilt als relativ unattraktiv"

Aber Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger warnt: "Wir laufen auf einen Versorgungsnotstand auf dem Land zu." In den kommenden zehn Jahren wird die Hälfte der derzeit 1800 Landärzte in Pension gehen. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung, die Lebenserwartung steigt und es gibt immer mehr Menschen über 65 Jahren. In Deutschland rechnet man mit einem um 20 Prozent höheren Versorgungsbedarf in den nächsten zehn Jahren. Und auch dort gibt es Probleme mit der Nachbesetzung der Landärzte.

Warum ist das so? Im "Health System Watch" von 2012 des Instituts für höhere Studien heißt es dazu: "Das ist zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Arbeit im ländlichen Raum als relativ unattraktiv gilt. Abgesehen davon, dass viele (junge) Menschen das Leben in der Stadt vorziehen, sind die Ärzte, die auf dem Land praktizieren, oft viel größerer Anstrengung ausgesetzt als ihre Kollegen in der Stadt. Die ,Landärzte‘ sind meist Generalisten, müssen aber häufig noch eine Reihe anderer Aufgaben erfüllen."

Für diese große Verantwortung sei aber die Ausbildung nicht ausreichend, sagt Thomas Czypionka, Gesundheitsökonom am IHS, zur "Wiener Zeitung". Allgemeinmediziner seien in der Peripherie auf sich gestellt. Daher müsste schon während des Studiums darauf Bedacht genommen werden und Medizinstudenten müssten während des Studiums zu einem Praktikum bei einem niedergelassenen Arzt verpflichtet werden. "Denn was ich nicht kenne, strebe ich gar nicht an."

Die Lehrpraxis ist etwas, das auch die Ärztekammer seit langem fordert. Der Ärzteschaft geht es darum, dass sie von Bund und Ländern einen Zuschuss für die Gehälter der Auszubildenden erhält. In Deutschland gibt es das bereits. Die Ärztekammer veranschlagt dafür Kosten von rund 13 Millionen Euro. Ein Betrag, der sinnvoll eingesetzt wäre. "Die Ausbildung der Allgemeinmediziner nur in Ambulanzen wäre absurd", sagt auch Czypionka. Er verweist auf die Gesundheitsreform. Demnach gibt es einen virtuellen Pool mit einer gemeinsamen Mittelverwaltung, und das Geld soll der Leistung folgen. Das würde bedeuten, dass die Spitäler, die derzeit Ärzte ausbilden, einen Teil an die Lehrpraxen der Allgemeinmediziner abtreten müssten. Eine Reform der Ärzteausbildung steht seit mehr als zehn Jahren an, geschehen ist bisher nichts. Gesundheitsminister Alois Stöger hat aber jetzt eine Arbeitsgruppe dazu eingesetzt.

Michael Stolz, Allgemeinmediziner in Rabenstein an der Pielach in Niederösterreich, ist die Entscheidung für eine Praxis auf dem Land leicht gefallen. Bereits sein Großvater und sein Vater seien dort Ärzte gewesen. Er hat also den natürlichen Berufsweg eingeschlagen. Aber jetzt steht er davor, die Ordination zu erneuern und noch einmal zu investieren. Stolz ist 55 Jahre alt und überlegt, ob dann noch ein Nachfolger in seine Fußstapfen tritt. Denn er hat noch eine Hausapotheke. Aber in Nachbarortschaften - die eine 5,7 Kilometer, die andere 5,3 Kilometer von seiner Ordination entfernt - gibt es Apotheken. "Mit meinem Pensionsantritt endet die Hausapotheke." Laut Gesetz gilt ein Abstand von sechs Kilometer und damit würde ein Nachfolger die Hausapotheke nicht mehr übernehmen können. "Der Umbau der Ordination ist da nichts mehr wert, denn jeder Kollege würde an den Waldrand bauen, um eine Hausapotheke zu bekommen." Aber zwei Drittel der Patienten von Doktor Stolz sind nicht mobil, für sie wäre der Wegfall der Hausapotheke eine schwere Beeinträchtigung, zumal das einzige öffentliche Verkehrsmittel die Mariazellerbahn ist. Stolz wünscht sich vom Gesetzgeber verlässliche Parameter, "auf die man sich verlassen kann".

Ein Landarzt beziffert die Einnahmen aus der Hausapotheke mit 60 Prozent seines Einkommens. Czypionka schlägt eine Alternative zu den Hausapotheken vor: "Die schlechtere Lebensqualität der Peripherie muss durch Honorarzuschläge abgegolten werden." Das fordert auch die Ärztekammer.

Bei der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse will man von einem Ärztemangel nichts bemerken. "Wir haben zuletzt 28 neue Vertragsärzte bestellt, bis auf drei Planstellen konnten alle besetzt werden", heißt es. Unzufrieden seien die Landärzte vor allem mit der Work-Life-Balance. "Da versuchen wir, durch Gruppenpraxen Abhilfe zu schaffen."

Für den Landarzt Stolz sind die Regelungen für eine Gruppenpraxis aber viel zu rigide. Einerseits darf der Umsatz nicht ausgeweitet werden, andererseits gibt es einen Abzug bei den Honoraren von 3 Prozent. Der Hauptverband der Sozialversicherungsträger argumentiert das damit, dass sich durch Gruppenpraxen Synergien ergeben, von denen auch die Krankenkassen profitieren wollen. Die Beschränkung des Umsatzes ist ein Riegel gegen gegenseitige Patientenzuweisungen.

Der Landarzt

Von den insgesamt 41.300 Ärzten in Österreich sind 3866 Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag. 1800 dieser Allgemeinmediziner sind Landärzte.

Landärzte im engeren Sinn sind Allgemeinmediziner mit Gebietskrankenkassenvertrag in einer Gemeinde mit rund 3000 Einwohnern. In diese Gruppe fallen laut Ärztekammer rund 40 Prozent aller Allgemeinmediziner mit Kassenvertrag, sie versorgen 43 Prozent der Bevölkerung.

Landärzte haben zumindest jedes zweite Wochenende und jede zweite Nacht Bereitschaftsdienst. Im Durchschnitt absolvieren sie pro Jahr an die 1000 Hausbesuche. Wochenarbeitszeiten von 70 Stunden und mehr sind keine Seltenheit.

In den nächsten zehn Jahren wird mehr als die Hälfte der derzeit 1800 Landärzte in Pension gehen. Die Ärztekammer fürchtet, dass es zu wenige Nachfolger gibt.

Derzeit gibt es 900 Hausapotheken, auch deren Bestand ist ungewiss.