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"Der Leib bedarf des Vergnügens"

Von Christian Hoffmann

Wissen
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© The Gallery Collection/Corbis

Der Frühling kommt und deswegen kann es nicht schaden, sich mit einem der ältesten Themen der Menschheit zu beschäftigen: Sex. Ganz ordinär und einfach, ohne Romantik und ohne große Gefühle. Ist Sex noch zu retten oder ist diese Beschäftigung hoffnungslos veraltet?


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Im Grunde genommen ist Sex eine langweilige und einfältige Beschäftigung. Seit ihrem Bestehen, also seit ungefähr 200.000 Jahren, gibt sich die Menschheit damit ab und nach einem solchen Zeitraum des Forschens kann man natürlich nicht mehr besonders viel Neues und Originelles erwarten. Es geht auf diesem Fachgebiet eher so zu wie in der Philosophie: Die ist zwar erst rund 2500 Jahre alt, hat aber in diesem vergleichbar kurzen Zeitraum vermutlich alle denkbaren Fragen gestellt und darauf auch, wie es aussieht, alle denkbaren Antworten gegeben.
Aber wie in der Philosophie werden beim Sex die alten Themen von jeder neuen Generation mit erstaunlichem Eifer immer wieder durchgenommen und variiert. Schon vor fast 3000 Jahren befasste sich die Bibel sehr detailliert im Buch Levitikus mit sexuellen Gepflogenheiten der Kinder Gottes und zählt allerlei Verirrungen auf, wie den Inzest oder Geschlechtsverkehr mit anderen Säugetieren, um nur zwei herauszugreifen, die offensichtlich zu jener Zeit bei den "Ungläubigen" im Gebrauch waren, und legt genau dar, wer für welche sexuellen Gepflogenheit von den Israeliten wie zu bestrafen ist. So findet sich zum Beispiel im Buch Levitikus die Anweisung, einen Mann, der mit einer Frau und auch mit deren Mutter Sex hatte, mitsamt seinen beiden Gespielinnen zu verbrennen.

Etwas weniger furchterregend ist da natürlich die Lektüre einer anderen einschlägigen Schrift, die allerdings nicht ganz so alt ist. Das Kamasutra, verfasst von einem Inder namens Vatsyayana zwischen 200 und 300 unserer Zeitrechnung, empfiehlt sowohl den Männern als auch den Mädchen, das "Lehrbuch der Liebe" genau zu studieren, weil sie nur dadurch in die Lage kämen, Kama (nicht zu verwechseln mir "Karma") zu erlangen, ein Begriff, der als "zweckbewusstes Wohlgefühl" übersetzt wird. "Der Leib bedarf des Vergnügens ebenso wie der Nahrung, um zu gedeihen", schreibt Vatsyayana. Deswegen folgen systematische Untersuchungen über sexuelle Künste, die bei Umarmungen beginnen, über das Küssen, Kratzen, Beißen, Lustschreie, Schläge hin zu den vielfältigen sexuellen Stellungen führen, die im Internet sehr detailliert nachzulesen sind. (Eine einfache Google-Suche zum Stichwort "Kamasutra" ergibt circa 36 Millionen Treffer.)

Aber das alles sind natürlich alte Hüte, viele hundert Jahre alt. Aktuell scheint die Sexualität immer weniger populär zu sein, was vielleicht daran liegt, dass Sex im technischen Sinne im 21. Jahrhundert längst überflüssig geworden ist. In der Welt der Kühe ist schon lange bekannt, dass für die Erzeugung eines Kalbes der Stier im Stall bleiben und eine Ampulle mit Samen seine Anwesenheit vollwertig ersetzen kann. Seit im Jahr 1978 das erste menschliche Retortenbaby zur Welt kam, liegt auf der Hand, dass es sich im Grunde genommen, rein technisch gesehen, bei den Menschen nicht anders verhält.

Bei manchen geht die Skepsis gegenüber sexuellen Vergnügungen sogar so weit, dass sie Vereinigungen wie "Aven" gründen, das "Asexual Visibility and Education Network", das sich zum Ziel setzt, "das Wachstum einer asexuellen Gemeinschaft zu erleichtern". Manche Zeitungen, die sich an junge Frauen wenden, bieten sogar einschlägige Tests an, Titel: "Bin ich asexuell?" Und manche Fernsehsender helfen praktisch mit allen Kräften nach, indem sie Serien erfinden wie "Sieben Tage Sex", bei denen Paare täglich Sex haben und auch noch darüber in aller Öffentlichkeit reden sollen, eine der effizientesten Methoden, den Menschen die Lust auf die raffinierten Künste des Kamasutra auszutreiben.

Wahrscheinlich besteht die einfache Wahrheit darin, dass die konsequente Auflösung aller Tabus, die vor vierzig Jahren mit der sogenannten "Sexuellen Revolution" begann, eine Reizüberflutung zur Folge hatte, ein kollektives Völlegefühl, auf das manche mit konsequenter Appetitlosigkeit reagieren.

Ist es also schlecht bestellt um den Sex? – Nicht unbedingt, wenn man sich Anregungen aus anderen Disziplinen holt. Der preußische General Carl von Clausewitz (1780 – 1831), einer der wichtigsten Militärtheoretiker der Geschichte, entwickelte als Erster den Gedanken, Krieg sei die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Dieser militärtheoretische Ansatz kann auch in einfachem Cross-Over beim Sex weiterhelfen: Wenn man versteht, dass Sex niemals für sich steht, sondern immer die Fortsetzung einer zwischenmenschlichen Beziehung mit anderen Mitteln ist, dann erscheinen vermeintlich technische Fragen in neuem Licht. So weiß zum Beispiel jedes Liebespaar, wie stimulierend sich ein Streit auf seine sexuellen Aktivitäten auswirken kann, weil die aufgebauten Spannungen wie ein Aphrodisiakum wirken. Umgekehrt wird aber auch zum Beispiel die Langeweile, wenn sie sich in einer Beziehung breit macht, jede Lust ersticken.

Artikel erschienen im "Wiener Journal" vom 15. März 2013