Der Mann mit dem roten Hut

Von Christina Böck

Wie ein Leser Symbol für viele wurde, die sich die Zeitung nicht wegnehmen lassen wollten.


Viele Leser und Leserinnen der "Wiener Zeitung" haben sich für den Erhalt der Zeitung eingesetzt. Sie schrieben Briefe an Politiker, empörten sich im Leserforum, unterschrieben Petitionen, brachten Freunde dazu, die Zeitung zu abonnieren, veranstalteten Aktionen. Eine solche war die Demonstration gegen die Einstellung der Tageszeitung am 25. April 2023, die zum Bundeskanzleramt zog. Berichte darüber erschienen in vielen anderen Tageszeitungen. Auf den Bildern stach er heraus: der Mann mit dem roten Hut, um den keck ein "Wiener Zeitung"-Schriftzug lief. Mit strengem Blick sah er in die Kamera und wurde so ein bisschen ein Symbol für die Menschen, die sich ihre Zeitung nicht wegnehmen lassen wollten.

Ohnmächtig zuschauen

Doch wer ist der Mann mit dem roten Hut? Er heißt Wilhelm Rebitzer, ist Jahrgang 1940 und lacht fröhlich, als er von der "Wiener Zeitung" aufgespürt wird. Rebitzer hat mit dem Zeitungsgeschehen durchaus eine gemeinsame Vergangenheit, war er doch Offsetdrucker. Seine Zunft musste sich schon vor längerer Zeit dem technischen Fortschritt geschlagen geben. Er war einst beim Verlag Ueberreuter tätig. Die "Wiener Zeitung" liest er seit 20 Jahren, er holt sie sich immer in der Trafik. Dort kommt er mit anderen verärgerten Lesern in Kontakt: "Die sagen, sie würden auch mehr als einen Euro zahlen, wenn dann die Zeitung bliebe. Sogar vier Euro." Die Kultur hat Rebitzer am liebsten gelesen, und das "Extra" und die "Zeitreisen". "Ich freu mich jeden Tag, wenn ich die Zeitung habe. Da steckt so viel Allgemeinbildung drin, keine Reißergeschichten wie in anderen Blättern. Das ist etwas, was mir weggenommen wird, und ich muss ohnmächtig zuschauen."

Eigentlich ist Rebitzer kein großer Demonstrierer, ein einziges Mal war er noch auf der Straße, gegen den Irak-Krieg. Aber er scheint nun auf den Geschmack gekommen zu sein. Auch nach der Demo im April geht er immer noch zur Präsidentschaftskanzlei, allein, mit seinem Hut, einem Transparent - und einer guten Portion Schmäh. Den führt er dann mit dem Polizisten vor der wie immer für sein Anliegen verschlossenen Tür.

Möge sein roter Hut noch lange leuchten.

Diesen Artikel finden Sie in Printform - ein letztes Mal - am 30.6. in Ihrer "Wiener Zeitung".