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Der "Mann vom Hauslabjoch" kommt heute auf den Seziertisch

Von Johann Werfring

Wissen

Heute, Montag, werden dem "Mann vom Hauslabjoch" erneut Gewebeproben entnommen und an Vertreter internationaler Forschungsteams übergeben; erste Ergebnisse liegen voraussichtlich in sechs Monaten vor. Die "Wiener Zeitung" befragte den Südtiroler Kulturlandesrat Bruno Hosp aus diesem Anlass zu angeblichen Zwistigkeiten zwischen Österreich und Südtirol in der Frage von Ötzis Aufbewahrungsort. Weder Tirol noch Südtirol verabsäumen es, die Ötzi-Mania auch fremdenverkehrspolitisch zu nützen.


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Seit der Überführung des "Mannes aus dem Eis" nach Südtirol im Jahr 1998 wurden keinerlei wissenschaftliche Untersuchungen an der Mumie vorgenommen. Vielmehr konzentrierte sich die Arbeit der Forscher seither auf deren optimale Konservierung. Heute wird Ötzi erstmals in seiner tatsächlichen "Heimat" - denn exakte Vermessungen haben ergeben, dass sich die Fundstelle eindeutig auf Südtiroler Gebiet befindet - der interessierten Fachwelt zu Forschungszwecken zur Verfügung stehen. In der Zeit zwischen 10 und 12 Uhr wird im Archäologiemuseum Bozen der Chefkonservator, Eduard Egarter-Vigl, Gewebeproben aus dem Körper des Steinzeitmannes entnehmen und den Verantwortlichen von internationalen Forschungsinstitutionen aushändigen.

Nach eingehender Prüfung der vorliegenden Projektanträge durch den wissenschaftlichen Beirat des Südtiroler Archäologiemuseums, als dessen Vorsitzender der Wiener Anthropologe Horst Seidler fungiert, erhielten Wissenschafter aus Zürich, Verona, Glasgow, Rom, Camerino, Bozen und Massachusetts die Genehmigung, Untersuchungen an Gewebeproben der berühmten Mumie vorzunehmen. Während man sich in Zürich anhand von Tests an Teilchen von Knochen und Zähnen der Mumie Aufschluss über den Lebensraum des Mannes aus dem Eis erhofft, versucht das amerikanische Team zu eruieren, ob die gebrochenen Rippen Ötzis als unmittelbare Todesursache anzusehen oder ob die Brüche post mortem durch Eisdruck entstanden sind. Andere Teams betreiben molekular- und humangenetische Studien am Erbgut und nehmen Untersuchungen an der bakteriellen DNA vor. Fragen der Datierung spielen bei den jüngsten Forschungen nur mehr eine untergeordnete Rolle. Das Alter der Leiche ist bereits vor längerer Zeit mittels Radiokarbonmethode mit ca. 5300 Jahren bestimmt worden.

"Es gab keine Streitigkeiten"

Hinsichtlich der immer wieder von Medien kolportierten "Fehde" zwischen Österreich und Südtirol um den Aufenthaltsort des mumifizierten Steinzeitmenschen versicherte der Präsident des Südtiroler Archäologiemuseums, Kulturlandesrat Bruno Hosp, es seien zwischen den beiden Ländern zu keinem Zeitpunkt Streitigkeiten aufgekommen. Als sich nach dem Fund im Jahr 1991 herausstellte, dass Südtirol im Rahmen seiner autonomen Befugnisse rechtmäßiger Besitzer der Mumie ist, seien von Südtiroler Seite in Rom mehrere Gesuche für temporäre Ausfuhrgenehmigungen nach Innsbruck, wo der Ötztalmann zunächst aufbewahrt und beforscht wurde, eingebracht worden. Zwar habe in dieser Phase der "italienische Nationalstaat" stets ein waches Auge auf alle Vorgänge rund um den Mann vom Hauslabjoch gehabt und signalisiert, seine Rechte im Säumnisfalle Südtirols in eigener Initiative geltend zu machen, mithin auch "sanft Druck ausgeübt". In Rom stellte man zu dieser Zeit sogar Überlegungen an, die Übersiedlung des Eismannes nach Florenz zu betreiben, sofern Bozen seinem Recht nicht gebührend Geltung verschaffen sollte. Allerdings, so Hosp, konnte die Angelegenheit in erster Linie durch die gutnachbarlichen Beziehungen und freundschaftliches Entgegenkommen aller Beteiligten gütlich geregelt werden. Schließlich sind österreichische Forscher auch heute noch in wesentlichen Belangen, in gutem Einvernehmen mit ihren Südtiroler Kollegen, federführend an der Ötzi-Forschung beteiligt.

Der Lebensraum unseres prominenten Urahns wird sich indes wohl kaum auf ein politisch umgrenztes Terrain festlegen lassen. Es ist deshalb auch legitim, dass sowohl Tirol als auch Südtirol den außergewöhnlichen Fund zum Anlass nehmen, um ihre gemeinsame Vorgeschichte der interessierten Öffentlichkeit in ansprechender Weise näher zu bringen. In beiden Ländern sind seit einiger Zeit intensive Bemühungen im Gange, die Welt des Ötztalmannes wieder aufleben zu lassen.

Den Anfang hat in dieser Hinsicht die im Umfeld des Ötzi-Fundortes gelegene Tiroler Gemeinde Umhausen gemacht. Dort hat der "Ötztaler Verein für prähistorische Bauten und Heimatkunde" mit Sitz in Umhausen auf einer Gesamtfläche von 9000 m² den "Archäologischen Freiluftpark Ötzidorf" errichten lassen.

Ötzidorf in 4 Monaten fertig

Die Anlage wurde in einer Rekordzeit von nur vier Monaten fertig gestellt und am 20. Juli 2000 feierlich eröffnet. Bei der Umsetzung hatte man, so die Verantwortlichen, strikt darauf geachtet, nicht etwa einen Happening-Ort in der Art von Disney-World, entstehen zu lassen. Vielmehr sollen den Besuchern wissenschaftlich abgesicherte Fakten über das Leben in der Jungsteinzeit erlebnisreich vermittelt werden.

Den Kern des Dorfes bilden die Originalfilmbauten des Dokumentarfilmes "Der Ötztal Mann und seine Welt". In den Hütten sind zahlreiche Rekonstruktionen von neolithischen Jagdwaffen sowie Arbeits- und Haushaltsgerätschaften ausgestellt. Die Ausstattung der Hütten erfolgte unter der wissenschaftlichen Anleitung der ProfessorenSpindler und Leitner vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Innsbruck. Zu besichtigen sind unter anderem Steinwerkzeuge, eine prähistorische Feuerstelle, ein Backofen und diverse Aufbewahrungsbehältnisse. In beigeordneten Gehegen befinden sich Tierrassen, welche im Neolithikum bereits domestiziert waren.

Der Besucher hat bei seinem Rundgang durch das Dorf auch die Möglichkeit, sich aktiv am neolithischen Dorfgeschehen zu beteiligen. In Schnupper-, Tages- und Mehrtageskursen können zudem Fertigkeiten der Naturvölker wie Bogenherstellung, Töpfern und Gerben erlernt werden. Veranstalterin dieser Kurse ist die Überlebensschule Tirol. Im Museumsshop bieten die Betreiber des Ötzidorfes allerlei Mitbringsel, beispielsweise ein neolithisches Feuerset, zum Verkauf an.

Die Besucherzahlen übertrafen, so Frau Marberger vom Ötzidorf, von Beginn an alle Erwartungen. Rechnete man zunächst mit 15.000 Besuchern für die erste Saison von Juli bis Oktober, so habe die Besucherfrequenz von bisher 30.000 Personen auch die anfängliche Skepsis einiger Einheimischer zerstreut. Jenen Personen, die von weither anreisen, versucht die örtliche Fremdenverkehrswerbung als Tagesausflug den Besuch des Ötzidorfes in Kombination mit einer Wanderung zum Stuibenfall, dem höchsten Wasserfall Tirols, schmackhaft zu machen. Als Erweiterung zum bisherigen Angebot sollen in Hinkunft Streicheltiere, Wasserspiele, ein eigenes Gehege für einen Urochs sowie eine Sonderausstellung dazu kommen. Die Finanzierung des 16 Millionen Schilling teuren Projekts erfolgte zu 80 Prozent mit EU-Mitteln (Europäischer Fonds für Regionale Entwicklung) und zu 20 Prozent durch Gelder der Gemeinde Umhausen. Geöffnet ist das Ötzidorf von Anfang Mai bis Ende Oktober von 10 bis 18 Uhr.

In der Südtiroler Gemeinde Schnals, Fraktion "Unsere Frau" im Schnalstal, wird - unweit der Ötzi-Fundstelle - derzeit der "Archäopark Schnals" errichtet. Der Lebensraum des Eismannes soll dort in einem großen, ganzjährig zu benutzenden Erlebnishaus umgesetzt werden. Der gesamte Gebäudekomplex wird bei Fertigstellung im Frühjahr 2002 über 3300 m² umfassen, erläuterte Karl Laterner von der Errichtungsgesellschaft. Eine Co-Finanzierung von Land, Gemeinde und EU ist bereits sichergestellt, wobei die Europäische Union im Rahmen des sogenannten "Interreg-Programms" 50 Prozent der Kosten übernimmt. Das Südtiroler Projekt versteht sich aber keineswegs als Konkurrenzunternehmen zum österreichischen Ötzidorf, versichern Laterner und Hosp einmütig. Hingegen, so Laterner, bemühte sich der Kulturverein Schnals, unter dessen Federführung die Anlage projektiert wurde, von vornherein um ein überregionales Konzept, worin das Ötzidorf, der Archäopark Schnals sowie das Archäologiemuseum Bozen, wo der weltberühmte Ötztaler verwahrt und ausgestellt ist, ihren eigenen Stellenwert haben.

Als Besonderheit verweisen die Planer auf das "Stoanerne Mandl", eine von den Schnalsern an der Ötzi-Fundstelle errichtete Steinsäule, die vom Archäopark aus zu sehen ist. Weil sich diese aber auf 3.200 Meter Seehöhe befindet, wird der künftige Betrachter im Erlebnishaus auch eine Nachbildung der Stelle vorfinden, an der sich einst das kühle Grab des vorgeschichtlichen Ötztalers befand.