Der Mensch schränkt seine Verwandten ein

Von Eva Stanzl

Wissen

Schimpansen schrauben ihr Verhalten in der Nähe von menschlichen Siedlungen auf ein Minimum zurück. Die Implikationen sind weitreichend - sowohl für die Biodiversität als auch für die Evolutionsgeschichte.


Wien. An einer Uferstelle im Urwald schaut ein Schimpanse ins trüb-dunkle Nass. Er schnappt einen Stock, sticht mit der Linken ins Wasser und fischt hellgrüne Algen heraus. Das Ende seines langen Werkzeugs führt er zum Mund. Beim Verspeisen seines tropfenden Snacks nimmt er die rechte Hand zu Hilfe. Dann macht er einem Artgenossen Platz. Dieser hat die Technik verfeinert, er verzehrt seine Delikatesse direkt vom Stäbchen. Ein dritter Primat stellt sich in Warteposition, er will auch einen Leckerbissen.

Das Video zu einer in "Science" erschienenen Studie vermittelt einen Eindruck des Verhaltensrepertoires der nächsten Verwandten des Menschen. Im Tierreich sind Schimpansen (Pan troglodytes) einer ungewöhnlich großen Verhaltensvielfalt mächtig. Weil viele der Gewohnheiten nur bestimmte Gruppen betreffen und dort von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, sprechen Forscher von Schimpansenkulturen.

Ameisen, Nüsse und Jagd

Ein Team unter Leitung des Max-Planck-Instituts (MPI) für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat rund 30 Verhaltensweisen von 144 frei lebenden Gruppen aus dem gesamten Verbreitungsgebiet in Afrika untersucht. Die Wissenschafter konnten beobachten, mit welchen Tricks Schimpansen Ameisen, Algen, Nüsse oder Honig sammeln, welche Werkzeuge sie zur Jagd, zum Knacken von Nussschalen oder beim Graben nach Knollen verwenden und wie sie Tümpel und Höhlen nutzen. Zudem wollten sie wissen, wie sich die Ausdehnung menschlicher Siedlungen auf das Tierverhalten auswirkt. Dieser Zusammenhang wurde laut einer Aussendung zur Studie erstmals unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: "Nicht alle Schimpansen-Populationen zeigen dasselbe Verhalten. Obwohl an den meisten Uferstellen Stöcke liegen und in den meisten Gewässern Algen wachsen, machen nicht alle von diesen Ressourcen Gebrauch", betont Erstautor Hjalmar Kühl vom Institut für Primatenforschung des Max Plank Instituts für Evolutionäre Anthropologie. "Wir stehen am Anfang eines Verständnisses, warum dem so ist. Allerdings haben wir herausgefunden, dass unsere engsten Verwandten ihr Verhaltensrepertoire einschränken, wenn sie das Gefühl haben, gejagt zu werden, oder wenn der Mensch seine Umwelt nachhaltig beeinflusst. Dann geben sie nicht ihr gesamtes Wissen an ihre Nachkommen weiter."

"Schimpansen-Kulturerbe"

Je mehr Menschen in der Nähe leben, desto kleiner ist das Verhaltensrepertoire der Schimpansen. Wenn die Tiere Siedlungen, Straßen, Landwirtschaft, Bergbau oder anderen Formen des Rohstoffabbaus ausgesetzt sind, legen sie weniger Kulturtechniken an den Tag. Somit schränkt der Mensch seine nächsten Verwandten empfindlich ein. "Im Durchschnitt ist die Verhaltensvielfalt der Schimpansen an Orten mit dem stärksten menschlichen Einfluss um 88 Prozent reduziert", bilanziert Studienleiterin Ammie Kalan vom MPI.

Als mögliche Gründe nennen die Forscher etwa die sinkende Zahl der Tiere. Schrumpfende Populationen hätten eine geringere Kapazität für unterschiedliche Gewohnheiten. Zudem könnten die Tiere auffällige Verhaltensweisen, wie etwa das Knacken von Nüssen, vermeiden, um Jägern ihren Aufenthaltsort nicht preiszugeben.

Hjalmar Kühl regt an, Strategien zur Erhaltung der genetischen Biodiversität auch auf den Schutz der Verhaltensvielfalt von Tieren auszudehnen. So könnte an speziellen Orten das "Schimpansen-Kulturerbe" geschützt werden. Zudem könnte das Konzept auf Orang-Utans, Kapuzineraffen oder Wale ausgedehnt werden. Solche Maßnahmen seien insbesondere in einer Zeit der zunehmenden Urbanisierung wichtig für Primaten.

Es bleibt die Frage, ob der Mensch seine Verwandten bloß heute einschränkt, indem er ihnen den Lebensraum nimmt, oder ob er dies auch im Lauf der gesamten Evolutionsgeschichte getan hat, indem er auf den Plan trat. "Genau so ist es", erklärt Kühl: "Der Mensch greift nachhaltig in die Evolution ein, und zwar bei vielen Arten. Man kann davon ausgehen, dass er auch die Schimpansen-Evolution beeinflusst hat."

Mensch und Schimpanse haben gemeinsame stammesgeschichtliche Ahnen. Vor rund sechs Millionen Jahren trennten sich die Linien. Was in den kommenden zwei Millionen Jahren passierte, ist durch Fossilien-Funde nur wenig belegt. "Was man aber weiß, ist, dass aus Interaktionen zwischen den Arten verschiedene Menschenarten entstanden und wieder verschwanden. Es kann durchaus sein, dass sich der Schimpanse ohne die Interaktion mit dem Menschen anders entwickelt hätte und seine Evolution somit anders verlaufen wäre", sagt der Evolutionsforscher.

Was hält Schimpansen daran fest, Schimpansen zu sein? "Es ist offenbar nicht so, dass eine Rückkopplung zwischen Biologie und Kultur stattfindet, so wie beim Menschen", betont Kühl: "Der Mensch hat sich selbst durch seine kulturelle Entwicklung immer weiter evolviert, was ihm ermöglichte, sich eine Nische zu schaffen. Bei Schimpansen scheint es etwas derartiges im Ursprung zu geben, da sie ihre Umwelt modifizieren und Werkzeuge gebrauchen. Warum sich das aber nicht beschleunigt hat und eine wieder neue Art entstanden ist, ist offen." Möglicherweise hat der Mensch dies durch seine schiere Existenz im System Erde verhindert.