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Der Mut des Alexander Wrabetz

Von Andreas Unterberger

Wirtschaft

"Mutiger werden" beim Thema Integration: "Die Probleme auch ansprechen." | Der ORF-Chef sieht keinen Linksruck. | Ende für den Fixplatz der Kultur in der ZiB1. | "Wiener Zeitung": Sie waren bisher Kaufmännischer Direktor. Und gerade bei den Zahlen steckt der ORF in keiner beneidenswerten Situation. Ohne den Verkauf eines Teils der Sender würde die Lage sehr blutig aussehen.


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Alexander Wrabetz: Der Eindruck täuscht. Wir stehen vor schwierigen Herausforderungen, haben aber das Glück einer guten Konjunktur, sodass das heurige Jahr bei der Werbung besser läuft als budgetiert.

Um wie viel?

Etwa zehn Millionen Euro. Der Senderverkauf hat sich zu 100 Prozent im Geschäftsjahr 2005 abgespielt. Ohne den Verkauf hätte es ein Nullergebnis gegeben und nicht 50 Millionen Gewinn. Aber wir sind ja nicht auf Gewinn ausgerichtet.

Sie müssen keine Sparmaßnahmen ergreifen?

http://www.wienerzeitung.at/Images/2006/10/7/948_008_172299_071003LI.jpg Doch. Es ist zwar erfreulich, dass Konjunktur und Werbung sehr gut laufen, aber trotzdem haben wir auf der Werbeseite immer schärfer werdende Konkurrenz. Auf der Kostenseite gibt es weiter steigende Rechtekosten. Dazu kommt meine Absicht, mehr Eigenproduktionen zu machen, die ja teurer sind als Kaufprogramme. Daher wird ein sehr strikter Sparkurs in allen Bereichen notwendig sein.

Wann werden Sie eine Gebührenerhöhung verlangen?

Unser Ziel ist, auch in dieser Geschäftsführungsperiode in Summe die Gebühren unter der Inflation anzupassen, sodass es real sogar zu einer Senkung kommt.

Wann kommt die Erhöhung?

Für nächstes Jahr ist nichts vorgesehen.

Wollen Sie im Kostendruck mehr Platz für Werbung?

http://www.wienerzeitung.at/Images/2006/10/7/948_008_172298_071003re.jpg Es sollte eine Evaluierung der Werbebestimmungen geben. Danach wird es Gespräche mit den Zeitungsherausgebern geben, die da unsere Partner sind, und dann wird man sehen, ob und wie man an die Politik herantritt.

Haben die Zeitungsherausgeber ein Vetorecht?

Nein, natürlich nicht, aber das ist ein traditionell sehr sensibler Bereich.

In den letzten Jahren hieß es ja oft, der ORF kann ohnehin die vorhandenen Werbezeiten nicht mehr voll verkaufen. Sie sehen aber offenbar wieder die Möglichkeit, mehr Umsätze zu erzielen.

Ja, aber es muss die Gesamtsituation des österreichischen Werbemarktes evaluiert werden, ich stelle hier keine Forderungen.

Das bräuchte eine Änderung des ORF-Gesetzes. Sollen dabei gleich auch andere Dinge geändert werden?

Ein digitaler Informations- und Kulturkanal wäre auch ein wichtiges Thema, das da zu behandeln wäre. So ein Kanal, also ein österreichisches "Phoenix", kann nicht werbefinanziert werden, sondern da müsste es die gesetzliche Genehmigung geben, Pflichtgebührenmittel einzusetzen.

Da wird dann alles, was öffentlich-rechtlich ist, dorthin abgeladen, und die zwei Massenprogramme machen dann nur noch populäre Kasse.

Diese Verdächtigung steht automatisch im Raum. Aber darum geht es überhaupt nicht. Im Gegenteil: Sowohl Lorenz und Oberhauser (die beiden Fernsehintendanten) als auch ich wollen den öffentlich-rechtlichen Charakter unserer beiden Hauptprogramme stärken. Aber dass wir viele Dinge produzieren, die wir relativ wenig nutzen und die man zweit- und drittverwerten könnte, ist auch unbestritten.

Dieser Kanal wäre dann die Abspielfläche für Wiederholungen der Portisch-Serien und was Sie sonst noch im Schatzkästchen haben aus alten Zeiten?

Ja, aber nicht nur. Ich habe noch kein fertiges Konzept.

Das müsste aus dem allgemeinen Kuchen finanziert werden ohne Gebührenerhöhung und mit einer erhofften Werbeausdehnung?

Ja, aus dem allgemeinen Kuchen. Aber der Kanal und die Werberegelungen hängen nicht zusammen.

VP-nahe Stiftungsräte fordern auch, dass man das Weisungsrecht des Generaldirektors abschaffen solle.

Das Weisungsrecht des Generaldirektors findet ja jedenfalls in der journalistischen Selbständigkeit seine Grenze. Es geht darum, dass etwa bei Dissens zwischen den Direktoren über die Programmierung einer da ist, der entscheidet.

Kluge Menschen sagen, auf Dauer kann sich Österreich nur ein einziges öffentlich-rechtliches Fernsehprogramm leisten. Das andere wird verkauft oder rein kommerziell geführt werden.

Ich glaube das absolut nicht, weil man Fernsehen in Zukunft nur noch in Form von Senderfamilien führen können wird. In Zeiten, wo alle Einzelsender der Welt versuchen, sich in Senderfamilien bestehend aus Vollprogrammen und Spartenprogrammen zu organisieren, den Weg zurück zum Einzelprogramm zu machen, das kann nicht funktionieren. Das wäre das vorprogrammierte Ende des ORF.

Apropos Senderfamilien: Sie haben umgekehrt auch eine Verschränkung mit ATV vorgeschlagen.

Wenn man privates österreichisches Fernsehen will, dann wird das nur gehen, wenn das auch Unterstützungen von der öffentlichen Hand bekommt. Der Markt ist zu klein, um rein privatwirtschaftlich zu agieren. Falls man in der Infrastruktur, bei Dienstleistungen eng kooperiert mit ATV - beim Sender macht man das ja schon - dann könnte das dem privaten Fernsehen das Leben erleichtern.

Und man könnte auch ein bisschen Preisabsprachen herbeiführen?

Unsere Hauptkonkurrenz ist ja nicht ATV, sondern das sind die einstrahlenden deutschen Sender. Es ist volkswirtschaftlich bedenklich, wie viel Geld aus dem österreichischen Werbemarkt hier abgesaugt werden. Letztlich führt jede Beschränkung des ORF dazu, dass ausländische Sender den Vorteil lukrieren und nicht wie gewünscht der österreichische private. Hier Mechanismen zu entwickeln, die dem entgegenwirken, hielte ich medienpolitisch für sinnvoll.

Ihr Vor-Vorgänger Gerd Bacher hat Ihrer Vorgängerin als ökonomische Hauptsünde etwas vorgeworfen, woran Sie wohl mitschuldig sind, nämlich die Übernahme von 1200 freien Mitarbeitern in ein fixes Anstellungsverhältnis zu den ja durchaus nicht schlechten ORF-Bedingungen.

Ich nehme mir ganz fix vor, dass ich in 40 Jahren meinen Nach-Nachfolgern nicht so viele Tipps gebe. Wenn man weit weg ist, kann man die Dinge nicht im Detail nachzuvollziehen. Natürlich war das eine extreme und schwierige Entscheidung. Aber wir hatten insgesamt 1800 Mitarbeiter in rechtlich fragwürdigen Beschäftigungsverhältnissen. Das musste saniert werden. Durch Ausgliederung, durch Anstellung. Sonst hätten wir eine Sammelklage der Mitarbeiter bekommen.

Sie stellen das jetzt als Sparmaßnahme dar?

Zweitens hatten wir ja in Vereinbarung mit dem Betriebsrat einen modernen und kostengünstigen Kollektivvertrag bekommen: mit Arbeitszeit-Flexibilisierung, einer flachere Lohnkurve, ohne Sonderabfertigung.

Viele befürchten - oder erhoffen unter Ihnen einen Linksruck in den Informationssendungen. Viele sehen ihn schon.

Natürlich gibt es den nicht. Wir haben uns insgesamt in der Wahl, die immer die sensibelste Zeit für den ORF ist, gut geschlagen. Eine stärkere journalistische Unabhängigkeit und Selbständigkeit ist unser wichtigstes Gut.

Wenn es keinen Linksruck gibt, dann waren die Vorwürfe, die man etwa dem Chefredakteur Mück gemacht hat, unrichtig.

Erstens sage ich nichts zu den jetzigen Amtsinhabern - es ist halt anders entschieden worden. Aber der ORF ist ja nicht nur von links kritisiert worden, sondern eigentlich von allen Seiten bis auf eine. Vielleicht hat die sehr zentrale Steuerung der Verdächtigung Vorschub geleistet, hier würde im Sinne einer Gruppierung gesteuert.

Zentrale Steuerung heißt der zentrale Chefredakteur?

Ja.

Andererseits könnte man ja sagen, eine zentrale Steuerung ist im Sinne einer sparsamen Betriebsführung etwa zur Verhinderung von Doppelbesetzung einer Pressekonferenz ein sehr wichtiges Steuerungselement.

Das Gegenteil von zentraler Steuerung ist ja nicht Anarchie. Eine gewisse Koordination wird auch in Zukunft der Fall sein. Natürlich ist es billiger, wenn ich den selben Beitrag in jeder Nachrichtensendung spiele. Nur ist das Publikum ziemlich unbarmherzig und zappt nach dem dritten Anschauen weg. Daher kann es ökonomischer sein, wenn man die Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt. Denn rund um die ZiB1 und die ZiB2 haben wir unsere teuersten Werbeblöcke.

Apropos: Offenbar ist die Durchschaltung der ZiB1 in beiden Programmen bald zu Ende.

Das müssen wir uns noch sehr genau anschauen, es ist keine ausgemachte Sache.

Das war doch ein Kern des öffentlich-rechtlichen Wesens?

Wenn sich unsere Öffentlich-Rechtlichkeit auf die Durchschaltung der ZiB1 konzentrieren würde, wäre es traurig darum bestellt. Ich will mehr Informationssendungen auf ORF1 im Laufe des Tages als jetzt. Man muss aber jedenfalls erst einmal etwas Klügeres und Realistischeres haben, bevor man die Durchschaltung wirklich aufgibt.

Es wird nicht mehr diese Teilung geben, bis auf die ZiB1 die gesamte Information im zweiten Programm zu konzentrieren?

Das ist einer der zentralen Punkte, die sicher geändert werden. Dieses Dogma muss fallen. Es wird zumindest wesentlich ausgewogener.

Es fällt auf, dass ORF2 die höheren Seherzahlen hat, obwohl es die öffentlich-rechtliche Last viel mehr trägt als das kommerziell orientierte ORF1.

Das eine ist etwas jünger programmiert und das andere etwas breiter und älter. Und es gibt mehr ältere Fernsehzuseher, die auch einen höheren Fernsehkonsum haben, daher wird immer der etwas älter programmierte Sender mehr Zuschauer haben. Er hat auch nicht so viel Konkurrenz in seinem Genre. Aber man kann durchaus das Informationselement in ORF1 stärken und vielleicht sogar Seher gewinnen.

Stehen Sie noch immer unter dem Druck der Werbewirtschaft, die sagt, eure Seher über 40 oder 50 interessieren uns nicht, wir wollen nur die Jungen? Gleichzeitig hat man bei der ZiB ein Durchschnittsalter bei den Sehern von 57 bis 58 Jahren.

Der Druck ist immer noch da, aber er wird tendenziell schwächer. Die Zielgruppe bis 60 oder 65 wird immer interessanter für die Werbewirtschaft. Wenn man über die 70 geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit schon groß, dass sich Konsumgewohnheiten nicht mehr sehr stark beeinflussen lassen. Es gibt aber eine gewisse Öffnung bei der Werbewirtschaft, vielleicht hängt die auch damit zusammen, dass viele Werber schon älter sind.

Ein anderer Aspekt der ZiB wird viel kritisiert, aber von manchem Stiftungsräten auch sehr stark verteidigt: Die Zwangsbeglückung durch verpflichtende Kulturbeiträge vom Frühjournal bis zur ZiB1. Da passieren Mega-Ereignisse und alles fliegt aus den Sendungen, aber Kulturberichte gibt es immer. Obwohl die Leute immer sehr rasch aussteigen.

Deswegen haben wir die Kultur bei der letzten ZiB-Reform auch in die Mitte genommen, was zwar reichweiten-stabilisierend gewirkt hat, aber bei vielen Zuschauern ein großes Unbehagen auslöst, weil der Ablauf einer Sendung nicht mehr sinnvoll ist. Die Kulturberichterstattung wird sich künftig nach journalistischen Kriterien zu richten haben. Und Ankündigungsmeldungen kann man in eigenen Programmen entwickeln.

Sie können sich also eine ZiB1 ohne Kultur vorstellen?Wenn es die Absetzung des Idomeneo in Berlin ist, kann das sogar die Top-Meldung sein. Aber wenn einmal gar nichts los ist, sollte man journalistisch vorgehen können.

Seit vielen Jahren wird im ORF über Bundespolitik viel kritischer berichtet wird als über die Landespolitik.

Insgesamt gilt auch für die Landesstudios: Das Wichtige ist die Distanz der journalistischen Arbeit zu den Machtträgern.

Wenn ich den ORF mit seinen deutschen Schwestern vergleiche, dann punkten die auch mit etwas sehr Billigem sehr stark. Sie haben fast allabendlich Diskussionen, oft in beiden Sendern. Mit besseren Teilnehmern, besseren Moderatoren, viel mutigeren Themen.

Das ist einer der Bereiche, wo es bei uns viele Änderungen geben wird, da sind wir uns einig. Wo einige der deutschen Prinzipien zum Erfolg führen werden: etwa ein strenges Host-Prinzip, also eine auf eine Person zugespitzte Diskussionsführung. Die Identität zwischen Redaktionsleiter und Gastgeber schafft eine starke Stellung.

Es gab etwa im deutschen Fernsehen eine Diskussion zur Frage, warum sind die türkischen Jugendlichen viel aggressiver als die deutschen. So etwas würde bei uns in jeder Redaktionskonferenz sofort als unkorrekt von der Tagesordnung gestrichen. Sind wir zu ängstlich für so etwas?

Es war dann nicht ganz so mutig von der ARD, weil der Film, der die Diskussion ausgelöst hat, verschoben wurde. Gerade das ist ein Thema, wo wir mutiger sein sollten. Wir müssen die realen Probleme, die mit dem Thema Integration verbunden sind, auch ansprechen. Auch die Nationalratswahl zeigt ein großes Unbehagen in bestimmten Bevölkerungsgruppen, das man nicht nur als "Ausländerfeindlichkeit" abhaken kann, sondern wo man sich sensiblen Fragen stellen muss. Wenn man das ausblendet, tut man dem Land nichts Gutes, weil es dann in Parallelgesellschaften abgehandelt wird.

Wir müssen aber auch Menschen mit Migrationshintergrund ein Angebot machen, ORF zu schauen und sich mit Österreich auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite müssen wir mit den Ängsten, Befürchtungen und Problemen der Altösterreicher umgehen. Da müssen wir uns mehr trauen.

Das Thema Wirtschaft darf im ORF offenbar nur als Konsumentenschutz vorkommen. Aber Wirtschaftsfragen sind die spannendsten, wenn auch anspruchsvollsten.

Wirtschaft ist trotz alledem ein starker Ausschalt-Faktor für breite Teile der Bevölkerung, daher muss man ständig suchen, wie man sie spannend macht.

Wer werden Ihre Chefredakteure?

Lorenz, Oberhauser und ich werden in den nächsten Wochen eine Programmstrategie ausdiskutieren. Dann wird festgelegt, ob und in welchen Bereichen auch Strukturen geändert werden und dann sind die Personalentscheidungen zu treffen.

Aus dem Online-Bereich dringen schon erste Konflikte nach außen?

Es gehört zur Folklore, dass dort neue Direktoren immer mit Kommentaren begrüßt werden. Faktum ist, der ORF ist keine basisdemokratische Institution. Wenn Vorgesetzte von den Organen eingesetzt sind, sind sie zu akzeptieren und zu respektieren.

Sie wollen sich also als starker Generaldirektor positionieren?

Das Gegenteil von zentraler Steuerung ist ja nicht Anarchie. Eine gewisse Koordination wird auch in Zukunft der Fall sein. Natürlich ist es billiger, wenn ich den selben Beitrag in jeder Nachrichtensendung spiele. Nur ist das Publikum ziemlich unbarmherzig und zappt nach dem dritten Anschauen weg. Daher kann es ökonomischer sein, wenn man die Geschichte aus zwei Blickwinkeln erzählt. Denn rund um die ZiB1 und die ZiB2 haben wir unsere teuersten Werbeblöcke.

Apropos: Offenbar ist die Durchschaltung der ZiB1 in beiden Programmen bald zu Ende.

Das müssen wir uns noch sehr genau anschauen, es ist keine ausgemachte Sache.

Das war doch ein Kern des öffentlich-rechtlichen Wesens?

Wenn sich unsere Öffentlich-Rechtlichkeit auf die Durchschaltung der ZiB1 konzentrieren würde, wäre es traurig darum bestellt. Ich will mehr Informationssendungen auf ORF1 im Laufe des Tages als jetzt. Man muss aber jedenfalls erst einmal etwas Klügeres und Realistischeres haben, bevor man die Durchschaltung wirklich aufgibt.

Es wird nicht mehr diese Teilung geben, bis auf die ZiB1 die gesamte Information im zweiten Programm zu konzentrieren?

Das ist einer der zentralen Punkte, die sicher geändert werden. Dieses Dogma muss fallen. Es wird zumindest wesentlich ausgewogener.

Es fällt auf, dass ORF2 die höheren Seherzahlen hat, obwohl es die öffentlich-rechtliche Last viel mehr trägt als das kommerziell orientierte ORF1.

Das eine ist etwas jünger programmiert und das andere etwas breiter und älter. Und es gibt mehr ältere Fernsehzuseher, die auch einen höheren Fernsehkonsum haben, daher wird immer der etwas älter programmierte Sender mehr Zuschauer haben. Er hat auch nicht so viel Konkurrenz in seinem Genre. Aber man kann durchaus das Informationselement in ORF1 stärken und vielleicht sogar Seher gewinnen.

Stehen Sie noch immer unter dem Druck der Werbewirtschaft, die sagt, eure Seher über 40 oder 50 interessieren uns nicht, wir wollen nur die Jungen? Gleichzeitig hat man bei der ZiB ein Durchschnittsalter bei den Sehern von 57 bis 58 Jahren.

Der Druck ist immer noch da, aber er wird tendenziell schwächer. Die Zielgruppe bis 60 oder 65 wird immer interessanter für die Werbewirtschaft. Wenn man über die 70 geht, dann ist die Wahrscheinlichkeit schon groß, dass sich Konsumgewohnheiten nicht mehr sehr stark beeinflussen lassen. Es gibt aber eine gewisse Öffnung bei der Werbewirtschaft, vielleicht hängt die auch damit zusammen, dass viele Werber schon älter sind.

Ein anderer Aspekt der ZiB wird viel kritisiert, aber von manchem Stiftungsräten auch sehr stark verteidigt: Die Zwangsbeglückung durch verpflichtende Kulturbeiträge vom Frühjournal bis zur ZiB1. Da passieren Mega-Ereignisse und alles fliegt aus den Sendungen, aber Kulturberichte gibt es immer. Obwohl die Leute immer sehr rasch aussteigen.

Deswegen haben wir die Kultur bei der letzten ZiB-Reform auch in die Mitte genommen, was zwar reichweiten-stabilisierend gewirkt hat, aber bei vielen Zuschauern ein großes Unbehagen auslöst, weil der Ablauf einer Sendung nicht mehr sinnvoll ist. Die Kulturberichterstattung wird sich künftig nach journalistischen Kriterien zu richten haben. Und Ankündigungsmeldungen kann man in eigenen Programmen entwickeln.

Sie können sich also eine ZiB1 ohne Kultur vorstellen?

Wenn es die Absetzung des Idomeneo in Berlin ist, kann das sogar die Top-Meldung sein. Aber wenn einmal gar nichts los ist, sollte man journalistisch vorgehen können.

Seit vielen Jahren wird im ORF über Bundespolitik viel kritischer berichtet wird als über die Landespolitik.

Insgesamt gilt auch für die Landesstudios: Das Wichtige ist die Distanz der journalistischen Arbeit zu den Machtträgern.

Wenn ich den ORF mit seinen deutschen Schwestern vergleiche, dann punkten die auch mit etwas sehr Billigem sehr stark. Sie haben fast allabendlich Diskussionen, oft in beiden Sendern. Mit besseren Teilnehmern, besseren Moderatoren, viel mutigeren Themen.

Das ist einer der Bereiche, wo es bei uns viele Änderungen geben wird, da sind wir uns einig. Wo einige der deutschen Prinzipien zum Erfolg führen werden: etwa ein strenges Host-Prinzip, also eine auf eine Person zugespitzte Diskussionsführung. Die Identität zwischen Redaktionsleiter und Gastgeber schafft eine starke Stellung.

Es gab etwa im deutschen Fernsehen eine Diskussion zur Frage, warum sind die türkischen Jugendlichen viel aggressiver als die deutschen. So etwas würde bei uns in jeder Redaktionskonferenz sofort als unkorrekt von der Tagesordnung gestrichen. Sind wir zu ängstlich für so etwas?

Es war dann nicht ganz so mutig von der ARD, weil der Film, der die Diskussion ausgelöst hat, verschoben wurde. Gerade das ist ein Thema, wo wir mutiger sein sollten. Wir müssen die realen Probleme, die mit dem Thema Integration verbunden sind, auch ansprechen. Auch die Nationalratswahl zeigt ein großes Unbehagen in bestimmten Bevölkerungsgruppen, das man nicht nur als "Ausländerfeindlichkeit" abhaken kann, sondern wo man sich sensiblen Fragen stellen muss. Wenn man das ausblendet, tut man dem Land nichts Gutes, weil es dann in Parallelgesellschaften abgehandelt wird.

Wir müssen aber auch Menschen mit Migrationshintergrund ein Angebot machen, ORF zu schauen und sich mit Österreich auseinanderzusetzen. Auf der anderen Seite müssen wir mit den Ängsten, Befürchtungen und Problemen der Altösterreicher umgehen. Da müssen wir uns mehr trauen.

Das Thema Wirtschaft darf im ORF offenbar nur als Konsumentenschutz vorkommen. Aber Wirtschaftsfragen sind die spannendsten, wenn auch anspruchsvollsten.

Wirtschaft ist trotz alledem ein starker Ausschalt-Faktor für breite Teile der Bevölkerung, daher muss man ständig suchen, wie man sie spannend macht.

Wer werden Ihre Chefredakteure?

Lorenz, Oberhauser und ich werden in den nächsten Wochen eine Programmstrategie ausdiskutieren. Dann wird festgelegt, ob und in welchen Bereichen auch Strukturen geändert werden und dann sind die Personalentscheidungen zu treffen.

Aus dem Online-Bereich dringen schon erste Konflikte nach außen?

Es gehört zur Folklore, dass dort neue Direktoren immer mit Kommentaren begrüßt werden. Faktum ist, der ORF ist keine basisdemokratische Institution. Wenn Vorgesetzte von den Organen eingesetzt sind, sind sie zu akzeptieren und zu respektieren.

Sie wollen sich also als starker Generaldirektor positionieren?

Nur mit Zureden wird es nicht gehen.