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Der nächste Freund’sche Verrechner

Von Clemens Neuhold, Wolfgang Zaunbauer und Bettina Figl

Politik
Die Schätzungen der Passanten.

SPÖ-Kandidat für die EU hat Debatte über Löhne losgetreten - und liegt wieder falsch.


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Wien. "Auch Bruno Kreisky hat Millionen mit Milliarden verwechselt und war trotzdem der beste Kanzler", sagte SPÖ-Chef Werner Faymann. Man sei ja nicht bei "Wetten dass ..?". Er wollte bei der Tagung der SPÖ in der St.Martins Therme im Burgenland eigentlich seine Mannschaft für den roten Überraschungskandidaten für die EU-Wahl, Eugen Freund, erwärmen. Doch "Wellness" brauchte vor allem der Kandidat selbst. Der hatte sich am Wochenende mit einer etwas abgehobenen Gehaltsschätzung im ersten "Profil"-Interview ordentlich verkühlt. Auf 3000 Euro brutto schätzte er das durchschnittliche Gehalt eines Arbeiters. Tatsächlich lag es 2012 bei exakt 2138 Euro. Aber auch nur für ganzjährig Beschäftigte, die Vollzeit arbeiten. Inklusive Saisonniers und Teilzeitkräften verdienten die "Hackler" nur noch 1313 Euro.

Keine goldene Kinderstube im Hause Freund

Bei der Klausur gab sich Freund zerknirscht und bat, "nicht alles in die Waagschale zu legen". Der SPÖ-Spitzenkandidat bemühte sich, klarzumachen, dass auch er als Arztsohn nicht mit dem goldenen Löffel aufgewachsen sei. Als Kind in Kärnten habe er mit Eltern und Geschwistern zu fünft in einem Zimmer mit tausenden Medikamenten geschlafen, erzählte der frühere ORF-Journalist.

 
Wer verdient wieviel? Hätten Sie's gewusst?
© Fotolia, Jogix

Doch es folgte der nächste Freund’sche Verrechner: "Bei Facharbeitern liege ich mit 3000 Euro nicht so daneben." Doch, tut er. Denn laut Statistik Austria verdienen Facharbeiter, die das ganze Jahr über Vollzeit arbeiten, 2295 Euro brutto. Am nächsten kommt dem Freund’schen 3000er unter den Arbeitern noch ein Meister oder Vorarbeiter mit 2892 Euro im Monat. Exakt 3000 Euro brutto (2010) verdiente man in akademischen Berufen. Beamte verdienen 3624 Euro.

Das typische Hacklerbild stimmt nicht mehr

Bei all diesen Zahlen handelt es sich um den "Median": 50 Prozent verdienen mehr, 50 Prozent weniger. Das 13. und 14. Monatsgehalt ist bereits eingerechnet. Die genannten Zahlen sind aus Sicht der Statistik die für diese Art von Vergleichen am geeignetsten.

"Besonders bei den Arbeitern drückt eine große Gruppe, die sehr wenig verdienen, die Gehälter", heißt es aus der Statistik Austria zur "Wiener Zeitung". Denn unter die statistische Kategorie "Arbeiter" fällt nicht nur der typische "Hackler", also nicht nur der männliche Bauarbeiter (der im Durchschnitt nur auf 1800 Euro brutto kommt). Auch ein guter Teil der Beschäftigten in der Gastronomie oder im Handel wird den "Arbeitern" zugeschlagen. Allein im Handel gibt es 120.000 "Handelsarbeiter" und die sind nicht selten weiblich. Freund könnte also einem falschen "Arbeiter"-Bild aufgesessen sein. Nimmt man nur Arbeiterinnen, sinkt der mittlere Lohn auf 1571 bei Vollzeitbeschäftigten und 750 Euro bei allen Beschäftigten inklusive Teilzeit und Saisonniers. Das heißt, dass in dieser Gruppe die Löhne durch die staatliche Mindestsicherung auf 814 Euro aufgestockt werden müssen.

Das leise Grollen der Gewerkschafter

Hier liegen Lichtjahre zwischen der Einschätzung des Neo-Politikers Freund und den Realitäten in den Geldbörsen der Arbeiterinnen. Deswegen mischte sich in die Reaktionen der Gewerkschafter, die jährlich um jedes Prozent Lohnerhöhung streiten, auch leise Kritik an Freund. Die Vizechefin des Gewerkschaftsbundes, Sabine Oberhauser, meinte, Freund müsse als Neuling in der Politik noch lernen. Er habe aber eine zweite Chance verdient. "Nicht froh" zeigte sich der Chef der Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG), Wolfgang Katzian, über die "unglückliche Aussage". Freund sei aber neu im Geschäft: "Am Anfang darf ein Fehler passieren." Kurz und bündig die Aussage von Rainer Wimmer, als pro-ge-Vorsitzender Chef der größten Arbeitergewerkschaft, zu Freunds Unkenntnis über das durchschnittliche Gehalt eines Arbeiters: "Jetzt weiß er es."

Und wie viel verdient der "Bundesdings"?

  

Keine gute Meinung von Politikern hat Natalia Brait: "Politiker verdienen um die 200.000 Euro im Jahr, aber über deren Gehalt will ich eigentlich nicht reden. Wir sollten lieber für sie beten, denn sie begehen sehr viele Sünden", so die gläubige Pensionistin.

Auf die Frage, wie viel unsere Politiker verdienen, kontern zwei Schülerinnen: "Mit oder ohne dem gestohlenen Geld?" Dann überlegen Laura Brkic, 14, und Sandra Marinkovic, 15, und sagen der Bundespräsidenten verdiene 5000 Euro. Als sie von dessen tatsächlichem Gehalt erfährt, sagt Laura: "Ich will auch Bundesdings werden", und fragt: "Wie viel verdient eigentlich der Obama?"