Zum Hauptinhalt springen

Der neueste der alten Meister

Von Hermann Schlösser

Kommentare

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 22 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Zu Lebzeiten ein Bürgerschreck, nach dem Tod ein Klassiker: So ist es schon vielen Künstlern ergangen, und zur Zeit ist offensichtlich Thomas Bernhard an der Reihe. Er, der kurz vor seinem Tod noch halb Österreich zu Entrüstungsstürmen hinriss, steht mittlerweile als ein Großer der Literaturgeschichte da. Und dieses Urteil wird nicht nur in Österreich akzeptiert.

Am Montagabend wurde im deutschen Rundfunksender SWR 2 ein sehr respektvoller Essay über Bernhard gesendet. Vor allem ging es dabei um seinen Großvater Johannes Freumbichler. Auch er war Schriftsteller, und der Enkel hielt zumindest seinen Roman "Philomena Ellenhub" für einen großen Wurf. Ob ganz zu Recht, wurde in der Sendung bezweifelt. Doch ändert dieser Zweifel nichts an der Wichtigkeit des Großvaters für das Werk des Enkels. Einleuchtend wurde gezeigt, dass Freumbichler das "Urbild" all jener tragikomischen "Theatermacher" und "Weltverbesserer" war, die Bernhards Dramen bevölkern.

Ein lehrreicher Vortrag also, der überdies eine volle Stunde dauerte, ohne langweilig zu werden. Nur gelegentlich wurde er von einer Zwischenmusik unterbrochen. Im Abspann erfuhr man, dass es sich um das Rondo c-moll von Anton Bruckner handelte. Das aber hätte man Thomas Bernhard nicht antun dürfen: Wie alle Leser seines Romans "Alte Meister" wissen, hielt er Bruckner für einen unsäglich schlechten Komponisten. Aber vielleicht kann bei postumen Würdigungen auf solche schroffen Urteile keine Rücksicht mehr genommen werden.