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Der Oman probt die heile Welt

Von Inge Santner

Politik

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Auf diesen Abend im Wüstencamp Wahiba hat die schöne Zaina sieben Wochen lang gewartet und gespart. Sie ist 22 Jahre alt und studiert Mathematik in der omanischen Hauptstadt Maskat. Dort muss sie den langen, schwarzen Burka tragen, der nur das Gesicht freilässt. Nur in der Wüste, unter westlichen Touristen, darf sie Jeans anziehen und bis tief in die Nacht hinein zum Klang zweier Trommeln tanzen. Behördliche Sittenwächter lassen sich hier nicht blicken.

Zainas Eltern sind vor 30 Jahren aus Sansibar eingewandert. Als Kind hat sie erlebt, wie das Sultanat an der Ostküste der arabischen Halbinsel im Rekordtempo aus dem Mittelalter in die Moderne geschubst wurde. Die Ölfunde ab 1960 machten es möglich. Ruckzuck entstanden Autobahnen, weiße Städte, Schulen, Spitäler, Ministerien, Banken, Palmenhaine, Gemüseplantagen. Bereits heute seien an den Universitäten mehr Frauen als Männer inskribiert, erzählt Zaina. "Irgendwann wird auch der lästige Burka verschwinden ."

Ins Morgenland versetzt

Die Touristen im Wüstencamp hingegen fühlen sich beglückt ins Morgenland versetzt. Allenthalben Moscheen mit schlanken Minaretten und goldenen Kuppeln. Weiß gekleidete Männer saugen an ihren Wasserpfeifen, plaudern mit Fischverkäufern, lenken Luxus-Limousinen. In den Suks gibt es feinst ziselierten Silberschmuck, Seidenschals, Weihrauch und Myrrhe, Goldketten, Mariatheresien-Taler. Dann und wann steht auch ein Grammophon aus Großvaters Tagen zum Verkauf.

Besonders zwischen November und März, während sich der europäische Himmel winterlich verdüstert, gilt der Oman zu Recht als ultimatives Reiseziel. Die Flugzeit addiert sich auf erträgliche sieben Stunden, die landschaftliche Vielfalt ist rekordverdächtig - im Offert stehen 3000 Meter hohe Berge, Wüstengebiete von Sahara-Qualität, kilometerlange Sandstrände, bizarre Schluchten, schattige Wadis.

Reich verschnörkelte Villen erzählen vom Glanz alter Handelsdynastien, verfallende Lehmdörfer vom Schweiß der Bauern. Taschendiebe und bettelnde Kinder bleiben einem erspart. Straßen und Plätze sind noch sauberer als in der Schweiz. Kein einziger Zigarettenstummel weit und breit.

Solche Mustergültigkeit verdankt sich der festen Hand "Seiner Majestät" Sultan Qabus bin Said, geboren 1940. Das lokale Fernsehen zeigt ihn nahezu täglich. Kleingewachsen, würdevoll und selbstsicher überreicht er Siegerpokale, empfängt diverse Staatsmänner, lässt seine Augen zufrieden auf hohen Polizeioffizieren ruhen, besteigt einen seiner beiden persönlichen Jumbojets. Was immer seine 22 Minister vorschlagen, ihm bleibt das letzte Wort. So ist das seit dem 4. Mai 1970 . Damals putschte Qabus höchst professionell gegen seinen rückständig regierenden Vater, beförderte den alten Herrn ins englische Exil und startete sein beispielloses Aufbauwerk. Unter Qabus landen die Ölmilliarden nicht automatisch auf amerikanischen Bankkonten. Alle 2,7 Millionen Einwohner des Sultanats sollen profitieren. Medizinische Behandlung und Schulbildung bis hinauf zur Universität sind gratis, vom Arbeitslosengeld lässt sich gut leben. Auf Steuern wird verzichtet.

Rund ein Drittel der Omanis lebt in der Hauptstadt Maskat, einer schneeweißen Fata Morgana zwischen rotbraunen Bergen und blauem Meer. Funkelnagelneue Geschäfts- und Wohnviertel, Luxushotels in Palmenhainen, selbstverständlich alles vom Feinsten. Perplex starren auch blasierteste Besucher auf die 1977 errichtete Große Sultan-Qabus-Moschee mit ihren weitläufigen Wandelgängen, der Eleganz ihrer mächtigen Kuppel, dem größten Teppich der Welt. Angesichts derartiger Monumentalität wirkt die gesamte europäische Sakral-Architektur seit dem Bau der Peterskirche eher mickrig.

Überperfekt renoviert

Maskat, in Europa Muskat genannt, ist zugleich der primäre Ausgangspunkt für Erkundungstouren ins Landesinnere, wo der Oman seine stolze Vergangenheit zur Schau stellt. Auf besten Asphaltstraßen geht es zu den perfekt, vielleicht sogar überperfekt renovierten Lehmfestungen Nakhal und Al Hazm, auf ehemaligen Karawanenwegen der Küste entlang zu den typischen Segelschiffswerften von Sur. Die alte Hauptstadt Rustaq ist ebenso leicht zu erreichen wie der berühmte Suk von Nizwa samt allwöchentlichem Ziegenmarkt.

Als zweites touristisches Standquartier lockt das grüne Wunder Sallalah im äußersten Südwesten, hart an der jemenitischen Grenze, rund eine Flugstunde von Maskat. Geboten wird eine atemberaubende Panoramastraße ins Gebirge inklusive knorriger Weihrauchbäume in felsiger Einsamkeit. In Salalah selbst verblüfft der orientalische Zauber des Palastes, in dem Sultan Qabus seine Kindheit verbrachte. In den Plantagen der Umgebung gedeihen Kokosnüsse und Papayas. Die Sandstrände erstrecken sich bis zum Horizont. Zu bestaunen sind seltsame Öffnungen in den Uferklippen, durch die das heranbrandende Meer kräftige Fontänen schickt.

Was man sonst noch unternehmen kann im Oman, der so groß wie Deutschland ist? Vieles: Auf eigene Faust durch grandiose Wüstengebiete chauffieren. Bis ans Ende pittoresker Canyons wandern. Den Rennkamelen beim Training zuschauen. Und last not least dem allergrößten Nervenkitzel frönen, dem so genannten Dünen-Bashing im Allrad-Jeep samt versiertem Driver, der das Vehikel von einem 200 Meter hohen Sandberg in die Tiefe schlittern lässt, hoffentlich ohne Purzelbaum.

Philippinische Kellnerinnen, indische Programmierer, afrikanische Obstproduzenten, arabische Architekten und europäische Hoteldirektoren basteln eifrig am weiteren Ausbau des Fremdengeschäfts. Denn die vorsichtigen Omani denken schon jetzt an Übermorgen. Wenn in zehn oder fünfzehn Jahren das Öl versiegt ist, sollen die Einnahmen aus dem Tourismus sprudeln und den derzeitigen Wohlstand absichern.

Die Chancen dafür stehen in der Tat gut. Der Oman, wohl das schönste Stück Orient, fasziniert durch unverbrauchte Natur und selbstverständliche Gastlichkeit auf hohem Niveau. Wer einmal dorthin gereist ist, wird zum Propagandisten dieser Versuchsstation einer heilen Welt zwischen Tradition und Moderne. Ma-a dalama. Auf Wiedersehen.