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Der östliche Block

Von Martyna Czarnowska

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Eine US-Studie zu Einstellungen in Europa kapriziert sich auf Risse zwischen Ost und West - und schert die Länder über einen Kamm.


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Der Eiserne Vorhang ist noch nicht gefallen. Zumindest stellenweise dürfte er sich noch in den Köpfen so mancher halten. Dazu scheinen auch einige US-Wissenschafter zu zählen. "Ost- und Westeuropäer unterscheiden sich in der Bedeutung der Religion für sie, ihren Ansichten zu Minderheiten und wesentlichen Sozialthemen", lautet eine Überschrift einer aktuellen Studie des Pew Research Center. Eine weitere Schlagzeile: Menschen in Mittel- und Osteuropa seien kritischer eingestellt gegenüber Muslimen und Juden, gleichgeschlechtlichen eingetragenen Partnerschaften und legaler Abtreibung. Wobei zu dieser Region Polen und Bulgarien ebenso gezählt werden wie Kroatien und - Griechenland.

Das Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Washington hat zwischen 2015 und 2017 fast 56.000 Erwachsene in 34 europäischen Ländern befragen lassen. Ein Blick auf die Zahlen macht die Differenzen bei den Antworten tatsächlich sichtbar - etwa bei der Akzeptanz von Muslimen als Familienmitglieder. Während in Mittel- und Osteuropa sich kein Land findet, in dem mehr als die Hälfte der Befragten dies begrüßen würde, wären in westeuropäischen Ländern die Menschen mehrheitlich dazu bereit. 88 Prozent der Niederländer würden Muslime in ihre Familie aufnehmen, 54 Prozent der Österreicher und 33 Prozent der Polen. Der niedrigste Wert ist in Armenien zu finden: sieben Prozent. Durchgängig höher ist die Akzeptanzschwelle bei potenziellen jüdischen Familienmitgliedern.

Umgekehrt wird die eigene Religion in manchen Teilen des Kontinents als wesentliche Komponente der "nationalen Identität" angesehen: Von den Armeniern sind es gar 82 Prozent, die den Glauben dabei als wichtig empfinden. In geringem Abstand folgen die großteils orthodoxen Serben und Griechen. In Ländern, die als vom Katholizismus geprägt gelten, wie Polen, Kroatien und Irland sind es 64, 58 und 48 Prozent. In Tschechien, Estland und Lettland hingegen finden jeweils an die 80 Prozent der Menschen, dass die Religion nicht ausschlaggebend für die nationale Identität sei. Dies meinen übrigens auch in Ungarn mehr als die Hälfte der Befragten - obwohl dort das nationalkonservative Kabinett vor wenigen Jahren Bezüge zum Christentum in die Verfassung aufnehmen ließ.

Eine andere Frage jedoch bejahen etwa mehr Österreicher als Polen. In Österreich meinen 43 Prozent der Menschen, dass die Regierung religiöse Werte unterstützen sollte. In Polen findet es nur jeder Vierte.

Dennoch kaprizieren sich die Studienautoren so darauf, die Unterschiede zwischen Ost und West zu betonen, dass sie weder solche Details herausstreichen, noch zwischen den einzelnen Ländern differenzieren. Vor allem Osteuropa wird so in einen homogenen Block verwandelt.

Ebenso wenig werden die Zahlen in einen größeren Kontext gestellt. Es mag ja stimmen, dass drei Viertel der Rumänen die Homo-Ehe ablehnen. Für deren Verbot per Verfassung hatten sich vor kurzem auch an die 90 Prozent der Menschen in einem Referendum ausgesprochen. Tatsache ist aber ebenfalls, dass sich gerade einmal ein Fünftel der Wahlberechtigten zu den Urnen bemüht hat. Die Befragung scheiterte an zu geringer Beteiligung.