Zum Hauptinhalt springen

Der Pinocchio-Effekt

Von Uschi Schleich

Reflexionen
Beim Lügen kann die Nase jucken - ein wichtiger Hinweis . . .
© Fotolia

Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 16 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Das ist eine Lügengeschichte. Also Vorsicht! Es könnte sein, dass die Hälfte des Inhalts erlogen ist. Oder ein Drittel. Oder gar alles. Keine Sorge, die Angaben erfolgen nach bestem Wissen und Gewissen. Schließlich bin ich eine schlechte Lügnerin und Lügen entspricht überhaupt nicht meinem Naturell. Meine Nase ist während des Schreibens an diesem Text auch nicht länger geworden. Und das ist schon ein gutes Indiz dafür, dass hier die Wahrheit berichtet wird und nichts als die Wahrheit.

Pinocchio ist kein Märchen. Denn tatsächlich ist die Geschichte von Pinocchio und seiner Lügennase nicht nur ein Märchen. Den sogenannten Pinocchioeffekt gibt es wirklich: Die amerikanischen Wissenschafter Alan Hirsch und Charles Wolf von der Universität Illinois haben herausgefunden, dass beim Lügen Hormone freigesetzt werden, die den Blutfluss in der Nase verstärken. Dadurch schwillt die Nasenschleimhaut an und die Nase wirkt größer. Übrigens: Durch die stärkere Durchblutung fängt die Nase plötzlich an zu jucken, weshalb sich Menschen, die gerade lügen, an die Nase greifen. Was freilich nicht per se heißen muss, dass jeder, der sich an der Nase kratzt, ein notorischer Lügner ist. Es könnte auch ein simpler Schnupfen die Ursache für jene verdächtige Geste sein, die so manchen Sherlock Holmes der Körpersprache regelmäßig auf die falsche Fährte lockt.

Lügen schützt. Manchmal schützt uns die Fähigkeit zu lügen vor allzu unangenehmen Situationen. Lügen als Psychohygiene sozusagen. Soziologen und Psychologen sind sich darüber einig: Lügen ist eine soziale Kompetenz, ohne die unser Zusammenleben nur schwer möglich wäre. Stellen Sie sich vor, Sie kommen morgens ins Büro und begrüßen Ihren Chef mit ehrlichen Worten. Sie haben einen netten Chef? Schön für Sie. Dann üben Sie dasselbe eben mit Ihren liebsten Kollegen, Kunden, Bekannten, vermeintlichen Freunden. Und by the way: Was antworten Sie eigentlich auf die Frage "Wie geht's?" Immer die Wahrheit? Es muss schließlich nicht jeder wissen, dass Sie sich gerade in einer depressiven Phase befinden. Damit räumen Sie dem anderen auch noch die Chance ein, weiter zu fragen. So lange, bis Ihr ganzes Privatleben offen auf dem Tisch liegt und sich jeder daran bedienen kann.

Also warum nicht, "Danke, ganz gut" antworten, auch wenn es der Wahrheit nicht vollkommen entspricht? Es gibt ja auch so etwas wie chiffrierte Botschaften. In Arbeitszeugnissen sogar recht häufig: Wer "für die Belange der Belegschaft Einfühlungsvermögen" bewies, suchte in Wirklichkeit sexuelle Kontakte im Kollegenkreis, wer "alle Aufgaben in seinem und im Firmeninteresse gelöst" hat, hat schlicht und einfach Firmeneigentum gestohlen und wer sich "um das Betriebsklima verdient gemacht" hat, war de facto ein notorischer Säufer.

Die Mimik verrät einen. Wer Lügnern auf die Schliche kommen will, braucht mittlerweile keinen Lügendetektor mehr. Auf den Polygrafen war wegen seiner relativ leichten Manipulierbarkeit durch Lügenprofis ohnehin nie Verlass. Der amerikanische Sozialpsychologe Mark Frank verspricht jetzt, Lügner mit einer speziellen Software an ihrer Mimik zu erkennen. Er weiß zum Beispiel, dass wir unsere Augenbraue innen anheben, wenn uns etwas quält. Frank verknüpft in seiner Software solche Mikroausdrücke unserer Mimik, die nur den Bruchteil einer Sekunde dauern, mit den dazugehörigen Emotionen. Insgesamt hat der Sozialpsychologe seine Software mit 44 Mikroausdrücken gefüttert, die auf typische Lügen-Emotionen hinweisen. Das Ergebnis: Lügenanalyse auf Knopfdruck. Securityfirmen, Geheimdienste und Marketingfirmen stellen sich bereits für die neue Software an, um Flughäfen zu sichern, Terroristen zu überführen und Konsumentenwünsche zu entlarven. Fehlt nur noch der Verkauf der Software für den persönlichen Gebrauch. Auf Video festgehaltene Familientreffen bekämen dann ein ganz neues Spannungsmoment.

Unterschiedliche Motive. Wir machen es angeblich bis zu 200 Mal pro Tag: lügen, dass sich die Balken biegen. Auch so ein Ergebnis aus der Lügenforschung. Demnach lügen laut einer österreichischen Umfrage die meisten Menschen, weil sie sich Ärger ersparen wollen, der Rest lügt, um sich das Leben zu erleichtern, um geliebt zu werden oder aus schlichter Faulheit. Am Telefon wird viel öfter gelogen als in E-Mails oder im direkten Gespräch. Am häufigsten lügen wir angeblich - wissen Sie wo? Im Bett. Wobei sich Männer da naturgemäß etwas schwerer tun als Frauen. Im Prinzip aber lügen beide Geschlechter ähnlich oft, aber bei unterschiedlichen Themen, weiß Österreichs Lügenpapst Peter Stiegnitz. Er ist Begründer der Mentiologie, der Lehre vom Lügen. Stiegnitz hat die Hitlisten männlicher und weiblicher Lügen genau untersucht. Nummer 1 bei den Männern: das Auto. Nummer 1 bei den Frauen: das Gewicht. Wir danken dem Klischee für seine Verlässlichkeit. Männer lügen auch gerne, wenn es um den Job geht, Frauen beim Alter - ganz neu ist das nicht. Interessant sind die Motive von Mann und Frau: Männer lügen, um selber besser dazustehen, Frauen dagegen, damit andere sich wohlfühlen. Das wussten wir doch auch schon immer. Intuitiv zumindest. Jetzt können wir es auch wissenschaftlich untermauern.

Ehrliche Kinder. Übrigens können wir bis zum vierten Lebensjahr überhaupt nicht lügen. Ach wie schön. Deshalb also dieser liebevolle Kindermund im Supermarkt: "Papi, warum hat die Frau so viele Pickel im Gesicht?" Oops! Glücklicherweise werden auch Kinder älter und lernen, dass die Wahrheit, ohne Vorwarnung und allzu direkt ausgesprochen, ganz schön verletzend sein kann. Ab dem fünften Jahr bemerken die kleinen Knirpse außerdem, dass es möglich ist, andere mithilfe von Unwahrheiten auszutricksen.

Lügenforscher Peter Stiegnitz bescheinigt der Lüge, ihrem schlechten Image zum Trotz, dennoch eine hohe Sozialkompetenz: "Die Lüge ist ein Hilfsmittel, klein dosiert ohne Schädigungsabsicht brauche ich sie. Sie hilft uns über zahlreiche Schwierigkeiten hinweg, sie hat es verdient, nicht verleugnet zu werden." Der Soziologe Roland Girtler ist etwas fordernder: "Lügen soll man prinzipiell nicht, wenn man damit sich und anderen Schaden zufügt."

Die Betreiber von Alibi-Agenturen dürften das vermutlich anders sehen. Kein Wunder, schließlich machen sie ein gutes Geschäft mit der professionellen Lüge. Schon mal in Anspruch genommen? Das sollten Sie sich nicht entgehen lassen. Der deutsche "Alibi-Profi" ist nur eines von vielen Unternehmen, die Lügnern ein perfektes Alibi verschaffen. "Wir rufen Ihren Partner an, um einen Termin zu bestätigen", heißt es im Angebot. Auf Wunsch werden während des Anrufs auch Hintergrundgeräusche wie aus der Flughafenhalle, Bahnhofsdurchsagen oder Bürobetrieb auf Knopfdruck abgespielt. Kostenpunkt: 37 Euro. Verkaufsschlager der Agenturen sind schriftliche Einladungen zu Seminaren, an denen der Alibikunde teilnehmen muss. Empfehlung der Agentur: "Den Brief einfach offen liegen lassen reicht, und schon liest ihn der Partner." So eine Einladung "mit telefonischer Erreichbarkeit" kostet schon mal 89 Euro. Lügenagenturen bieten sogar komplette Alibi-Packages für mehrere Monate an. Kein Witz. Wer will, kann sich eine Firma ausdenken, für die er als Geschäftsführer tätig ist, und wird komplett ausgestattet: mit Visitenkarten, Briefpapier, Telefonservice und Internet-

auftritt samt Homepage. Für drei Monate kostet der Spaß 297 Euro pro Monat. Jedes weitere Monat 230 Euro. Nerven nicht miteingerechnet. Vielleicht kommt eine Scheidung doch billiger.

Die natürlichste Sache der Welt. Genug gelogen? Warum denn? Lügen ist doch die natürlichste Sache der Welt. Auch Tiere tun es. Ohne schlechtes Gewissen, als Überlebensstrategie sozusagen, setzen sie die Kunst der Lüge ein. Das Pfauenauge auf den Flügeln des gleichnamigen Schmetterlings ist nicht bloß ein hübsches Muster. Diese Scheinaugen sehen für Vögel aus der Luft wie die Augen gefährlicher Tiere aus, denen man lieber nicht zu nahe kommen sollte. Fische tarnen sich als Korallen und die Spannerraupe wirkt wie ein abgestorbener Ast. Ganz anders die Männchen der Brüllaffen: Ihr Geschrei ist bis zu zwanzig Kilometer weit zu hören. Wenn ein Brüllaffe also mitten am Stephansplatz losbrüllt, ist sein Geschrei theoretisch noch in Gumpoldskirchen zu hören. Damit erweckt er den Eindruck, er sei groß und furchterregend. Hinter dem Gebrüll verbirgt sich jedoch ein Äffchen von maximal neun Kilogramm Körpergewicht. Das kommt uns doch bekannt vor. Wie war das noch? Männer lügen, um selber besser dazustehen. Sorry, aber das ist keine Lüge, das ist wissenschaftlich belegt.