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Der Rohstoffzyklus bleibt ein Unsicherheitsfaktor

Von David Hooker

Gastkommentare
David Hooker ist Senior Portfolio Manager bei Insight Investment.
© Insight Investment

Die Rohstoffe treiben die Inflation nicht mehr an. Im Dienstleistungssektor könnte sie sich aber erst Ende des Jahres abschwächen.


Die Märkte sind zunehmend zuversichtlich, dass der Höhepunkt der Inflation bereits hinter ihnen liegt. Wenn die Warenpreise rasch fallen, ist es möglich, dass sich die Inflation schneller als derzeit erwartet den Zielvorgaben der Zentralbank annähert.

Solange sich die Konjunktur nicht deutlich verschlechtert, werden die großen Zentralbanken wahrscheinlich eine vorsichtige Haltung einnehmen. Obwohl sich das Tempo der Straffung verlangsamt hat, liegen Zinssenkungen vermutlich noch in weiter Ferne. Die Zentralbanken müssen erst klare Beweise dafür sehen, dass sich die Inflation im Dienstleistungssektor abzuschwächen beginnt, bevor sie ihre Politik lockern. Dies dürfte frühestens Ende des heurigen Jahres der Fall sein.

Längerfristig, wenn der disinflationäre Impuls der Warenpreise nachlässt, könnten die Zentralbanken mit einem weitaus schwierigeren Umfeld konfrontiert werden. Die Auswirkungen der Deglobalisierung könnten erheblich sein, und der Rohstoffzyklus könnte lediglich pausieren.

Der Rohstoffzyklus bleibt jedenfalls ein Unsicherheitsfaktor. Mehrere wichtige Rohstoffpreise sind in der zweiten Jahreshälfte 2022 gesunken, und die Rohstoffe sind nicht länger eine bedeutende Quelle des Inflationsdrucks. An den globalen Ölmärkten spielte jedoch noch ein weiterer Faktor eine Rolle: Die USA schöpften ihre strategischen Erdölreserven ab, um die Preise zu drücken und politischen Druck auf Russland auszuüben. Im Dezember kündigte das US-Energieministerium an, diese Politik umzukehren und ab 2023 wieder Öl aus der strategischen Erdölreserve zu kaufen.

Da sich die chinesische Wirtschaft nach der pandemiebedingten Schließung wieder öffnet, hat die Internationale Energieagentur ihre Prognosen für das Wachstum der Ölnachfrage im heurigen Jahr auf 1,9 Millionen Barrel pro Tag erhöht. Gleichzeitig erwartet sie eine Zunahme des weltweiten Angebots um nur 1 Million Barrel pro Tag. Wenn die US-Reserven eher zu einem marginalen Käufer als zu einem marginalen Verkäufer werden und das globale Wirtschaftswachstum etwas stärker ausfällt als erwartet, könnte dies einen weiteren Aufwärtstrend der Ölpreise unterstützen.

Das künftige Angebot könnte ein breiteres Problem für die Rohstoffpreise darstellen. Viele Energie- und Bergbauunternehmen reagieren auf höhere Preise ganz anders als in der Vergangenheit. Die Rückzahlung von Schulden und die Ausschüttung von Barmitteln an die Aktionäre haben Vorrang vor Investitionen in neue Kapazitäten, insbesondere in Branchen wie der Energiewirtschaft. Obwohl die langfristige Nachfrage voraussichtlich weiter steigen wird, stagnieren die Prognosen für das Angebot oder sind bei einigen Rohstoffen wie Kupfer sogar rückläufig, was zu wachsenden langfristigen Angebotslücken führt. Solange sich die Investitionstätigkeit der Unternehmen nicht dramatisch ändert, ist es schwer vorstellbar, wie dieses Problem anders als durch höhere Preise gelöst werden kann.