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Der schwere Weg zurück nach Europa

Von Bernd Vasari

Wirtschaft
"Ein Fahrrad besteht aus über 50 Komponenten, wenn nur eine fehlt, kann es nicht fertiggestellt werden", sagt Sprecherin Belinda Ableitinger.
© Woom

Der heimische Kinderfahrradhersteller Woom will seine Produktion aus Asien zurückholen. Und steht vor Problemen.


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Der Erfolg des heimischen Fahrradherstellers Woom war schon vor der Coronapandemie beachtlich. Erst 2013 in Klosterneuburg gegründet, stieg der Umsatz bereits in den ersten sechs Jahren auf 38,2 Millionen Euro im Jahr 2019. Dann kam Corona und die Kurve bog noch steiler nach oben. 64,8 Millionen Umsatz im Jahr 2020, 86 Millionen Euro im Jahr 2021. Woom wuchs auf über 200 Mitarbeiter, bis Mitte 2023 sollen es 300 sein.

Doch so stark die bunten Kinderfahrräder nachgefragt wurden, so schwierig war es für das Unternehmen die notwendigen Komponenten aus Asien für die Produktion zu bekommen. Kunden mussten auf Wochen und Monate vertröstet werden, bis die Fahrräder fertiggestellt werden konnten. "Ein Fahrrad besteht aus über 50 Einzelkomponenten, wenn nur eine fehlt, kann es nicht fertiggestellt werden", sagt Sprecherin Belinda Ableitinger. Bei den Komponenten würden die Lieferzeiten von wenigen Wochen bis zu zwei Jahren variieren.

Der Engpass führte dazu, dass Woom-Fahrräder auf Willhaben zu Höchstpreisen verkauft wurden. Denn Woom konnte die steigende Nachfrage immer seltener bedienen. Das Unternehmen entschloss sich daher, die Produktion aus Kambodscha, Vietnam und Bangladesch nach Europa zurückzuholen. Bald zeigte sich jedoch: So einfach ist es nicht, der Globalisierung ein Schnippchen zu schlagen.

Produktion in Polen

Seit vergangenem Jahr fertigt Woom einen Teil der Fahrräder in einem Partnerwerk des deutschen Unternehmens Sprick Cycle im polnischen Swiebodzin. "Unser mittelfristiges Ziel ist es, die Produktion nahe den Nachfragemärkten anzusiedeln und die Nachfrage in Europa aus Europa zu bedienen", sagt Ableitinger. "Wir möchten möglichst kurze, möglichst verlässliche und möglichst klimafreundliche Lieferketten."

In der Coronapandemie waren die Lieferketten genau das Gegenteil. Die Containerpreise schnellten in die Höhe. Werke in Asien stoppten ihre Produktion aufgrund von Lockdowns. Und seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ist auch die Bahnstrecke, die zwischen Asien und Europa durch Russland führt, nicht mehr verlässlich.

Das Problem wollte Woom durch drei Maßnahmen lösen. Neben der Verlegung nach Polen sollten bei der Fertigung auch Roboter zum Einsatz kommen. Zudem baute das Unternehmen riesige Lagerflächen auf. "Wir änderten unsere Lieferkettenstrategie und ließen nicht mehr ausschließlich in Echtzeit produzieren", sagt Ableitinger. Woom kaufte mehr Einzelkomponenten als notwendig - jene Teile, die aktuell nicht gebraucht wurden, kamen ins Lager.

Damit stiegen aber auch die Kosten, genauso wie für die Mitarbeiter im neuen polnischen Werk. "Die Lohnkosten in Polen im Vergleich zu Asien sind viermal so teuer", sagt Ableitinger.

Roboter für die Fertigung

Um konkurrenzfähig zu bleiben, sollen künftig Roboter einen Großteil der Arbeit übernehmen. "Die automatisierte Fertigung von Rahmen und Gabeln spielt dabei eine zentrale Rolle", sagt sie. Doch die Entwicklungs- und Investitionskosten dieser automatisierten Fertigung sind enorm hoch. Die Entscheidung über den weiteren Ausbau sowie den passenden Zeitpunkt sei daher noch nicht gefallen.

Ein weiterer Kostenfaktor in Europa sind die steigenden Energiepreise, weil Russland immer weniger Gas liefert.

Höhere Löhne, teure Roboter, steigende Energiepreise. Der Weg zurück nach Europa ist schwer. Es scheint so, als würde Woom das eine Problem lösen und gleich das nächste serviert bekommen.

Die Nachfrage ist aber weiterhin sehr hoch, Radfahren und nachhaltige Mobilität sind mittlerweile Megatrends. "2021 haben wir 290.000 Fahrräder in über 30 Ländern weltweit verkauft und das insgesamt 500.000 Woom-Fahrrad lief vor kurzem vom Produktionsband", sagt Ableitinger.

Auf der Nachhaltigkeitswelle möchte Woom auch weiterhin mitschwimmen. Wo die Produktion der Fahrräder künftig stattfindet, bleibt aber offen. Fest steht: Die Lieferzeiten in der Fahrradindustrie sind nach wie vor eine Herausforderung. Ableitinger: "Wir empfehlen unseren Kundinnen und Kunden, sich unbedingt in die Wartelisten einzutragen."