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Der Seelen-Sezierer

Von Oliver Seifert

Reflexionen
Der Mann, der es sich selbst und uns nicht leicht macht: David Lynch, Fan des Intuitiven, Irrationalen, Improvisierten.
© Dean Hurley

David Lynch reflektiert in seiner monumentalen Autobiografie sein Leben und Werk aus unterschiedlichen Perspektiven.


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Nach knapp 700 Seiten kommt David Lynch auf den Punkt: "Letztendlich bleibt jedes Leben ein Rätsel, bis es uns am Ende gelingt, jedem für sich, dieses Rätsel zu lösen." Es ist bereits das Ende dieses Buches, und doch enthält es den Anfang von fast allem, was mit Lynch in Verbindung zu bringen ist. Sein Leben, sein Werk, seine Person: ein merkwürdiges Rätsel, ein unergründlicher Mythos, ein dunkles Geheimnis. Hier Licht ins Dunkel zu bringen, haben schon viele versucht, oft mit nur überschaubarem Erfolg, nun ist es am Meister selbst, sein Leben, sein Werk, seine Person zu beschreiben, zu erklären - vielleicht zu enträtseln.

Düstere Begeisterung

Seiner jetzt auf Deutsch erschienenen Autobiografie "Traumwelten" kann definitiv nicht der Vorwurf gemacht werden, sich dafür zu wenig an Umfang, Aufwand oder Personal genehmigt zu haben, denn Lynch hat noch die Co-Autorin und gute Freundin Kristine McKenna dazu geholt, für zahlreiche Recherchen und mehr als einhundert Interviews (mit Verwandten, Vertrauten, Bekannten), die in der Endfassung wiederum vier Übersetzer in die Hände bekommen haben.

Das Gesamtkunstwerk Lynchs wird dabei aus zwei Perspektiven aufgearbeitet: Erst ist McKenna mit ihrem Kapitel dran, dann folgt Lynch mit seinem Kapitel. Sie liefert Fakten und Stimmen, er ergänzt, kommentiert, wiederholt Fakten und Stimmen. Bis es wirklich jeder Leser verstanden hat. Oder auch nicht.

Der filmende, malende, zeichnende, fotografierende, schauspielernde, schreibende, musizierende Universalkünstler, 1946 in Missoula im US-Bundesstaat Montana geboren, bleibt sich auf jeden Fall treu in seiner Arbeits- und Herangehensweise, logische Strukturen und konventionelle Erzählweisen zu meiden und dem Intuitiven, Irrationalen, Improvisierten volle Aufmerksamkeit zu schenken.

Das Rätsel des Lebens zu lösen, heißt in seinem Fall, das Leben mit all seinen Rätseln zu konfrontieren, wieder und wieder, immer auf unterschiedliche Art, bis womöglich Spuren der Wirklichkeit, der Wahrheit sichtbar werden. Bis hinter dem Künstler, der für seine Kunst lebt und ihr alles unterordnet, der Mensch erkennbar wird, der sich nichts aus Geld und Ruhm macht und im Misserfolg nicht nur Chance, sondern auch Freiheit sieht. Leben ist für ihn auch Schicksal, mit all den Veranlagungen, Prägungen, Einflüssen, und sein Schicksal ist nun einmal, von den "dunklen Dingen des Lebens" fasziniert zu sein.

Die Kindheit liefert jedenfalls wenig Gründe für diese unheimliche, düstere Begeisterung. Wohlbehütet und geliebt wächst er an wechselnden Orten heran, streunt viel in der Natur herum, wird von seinem Vater mit zur Jagd genommen, entdeckt früh sein Talent fürs Zeichnen und sein Interesse am weiblichen Geschlecht (das trotz vieler Ehen und noch mehr Affären nie verloren geht).

Nach der Begeisterung für die Malerei (mit Kurzbesuchen an den Kunsthochschulen in Boston und Philadelphia) entfacht die Begeisterung für den Film (mit einem ausgedehnten Kurzbesuch am damals gerade gegründeten Filminstitut AFI in Los Angeles). Die ersten Arbeiten: die Filmskulptur "Six Men Getting Sick" (1967) und der Kurzfilm "The Alphabet" (1968) - ein vierminütiger Albtraum, darin zu sehen seine damalige Frau Peggy als Hauptdarstellerin, zu hören seine gerade geborene, schreiende Tochter Jennifer. Mit seinem provokant-verstörenden, von Horror, Science-Fiction und Surrealismus infiltrierten Spielfilm "Eraserhead" (1977) gelingt der Durchbruch.

Was danach kommt, ist Teil der Legende: Angebote als Regisseur für "Die Rückkehr der Jedi-Ritter" ("Star Wars war einfach nicht mein Ding") oder "American Beauty" lehnt er einfach ab. David Lynch hat weder Bock auf große Filme, noch auf große Filmstars oder große Budgets. Der Perfek-tionist setzt lieber eigene abseitige Ideen und abgründige Fantasien um, am besten als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent gleichermaßen.

"Der Elefantenmensch", "Twin Peaks", "Lost Highway", "The Straight Story" oder "Mulholland Drive" festigen seinen Ruf als streitbares, eigenwilliges Filmkunstgenie - mal mehr, mal weniger erfolgreich.

Wenn die Einnahmen seiner Filme nicht ausreichen, das ist gerade Anfang der 1990er Jahre der Fall, dreht er Werbespots für Calvin Klein, Adidas oder Barilla. Künstlerische Kompromisse sind keine Alternative. Alles ordnet sich dem Werk unter - Lynch selbst, seine (allzu verständnisvollen) Frauen, seine Kinder, natürlich auch seine oft kaum bekannten Schauspieler, die er konsequent mit den Namen ihrer Rollen anspricht, weil er die eigentlichen Namen häufig nicht weiß.

Wer im Buch mit einer Aussage über David Lynch zitiert wird, kommt meist zu einem positiven Urteil, egal, wie unangenehm bis negativ die gemeinsamen Erlebnisse und Erfahrungen waren. Stellvertretend lässt sich das Urteil von Schauspieler, Regisseur und Produzent Mel Brooks heranziehen: "Er versteht die menschliche Psyche, die Gefühlswelt und das menschliche Herz. Er ist allerdings auch komplett verkorkst und bringt das emotionale und
sexuelle Durcheinander in seinem eigenen Kopf stets in seine Arbeit ein, um uns mit den gleichen Gefühlen zu konfrontieren, die auch ihm zu schaffen machen".

Privates Scheitern

Es muss an der Transzendentalen Meditation liegen, die seit Jahrzehnten fester Bestandteil seines Alltags ist, dass dieser humorvolle, umgängliche Mensch seine dunklen Visionen nur als radikaler Künstler auslebt. Es ist für ihn deshalb wohl auch weniger ein Pro-blem, sein Scheitern als Vater und als Ehemann zuzugeben (selbst wenn er keine seiner "Liebesaffären" missen möchte).

Leicht macht es David Lynch sich und uns mit seinem monumentalen Buch "Traumwelten" definitiv nicht. Aber das ist auch nicht sein Anspruch. Mit dem Hinweis, dass viele Geschichten noch unaufgeschrieben sind und einzelne Tage für ganze Bücher taugen, verabschiedet sich der penible
Sezierer unterdrückter Seelenqualen aus seiner Lebenserzählung, wie sie zwischen zwei Buchdeckel gepasst hat. Ob das als Drohung zu begreifen ist, muss jeder selbst entscheiden. Das Lynchsche Rätsel jedenfalls ist nur zu einem geringen Teil gelöst worden. Gut so.

David Lynch, Kristine McKenna
Traumwelten
Autobiografie. Aus dem Ame- rikanischen von Robert Brack, Daniel Müller, Wulf Dorn, Stephan Glietsch. Heyne Encore, München 2018, 768 Seiten, 25,70 Euro.