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Der selbstherrliche Kanzler

Von Hermann Schlösser

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Als er noch deutscher Bundeskanzler war, besuchte Helmut Kohl einmal seinen damaligen amerikanischen Amtskollegen George Bush senior. Der führte ihn durch ein "Bush-Museum", in dem seine Leistungen der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Kohl wanderte sichtlich beeindruckt durch die Räume, und seinem Gesichtsausdruck war anzumerken, dass ihm eine ähnliche Huldigung nicht unangenehm wäre.

Ein Kohl-Museum gibt es bisher nicht, wohl aber den zweiteiligen Film "Helmut Kohl - ein deutscher Kanzler", dessen Schlussteil am Montag ausgestrahlt wurde. Die ARD scheute keine Kosten, um Kohls Leistung zu würdigen. Reichhaltiges historisches Filmmaterial wurde präsentiert, und pensionierte Granden der internationalen Politik - Gorbatschow, Bush senior, Clinton - wurden vor die Kamera gebeten. Sie waren sich darin einig, dass die schnelle Wiedervereinigung Deutschlands ein politisches Meisterstück Kohls gewesen ist. Skeptischer wurde Kohls innen- und parteipolitisches Wirken beurteilt. Die alten Freunde und späteren Rivalen Richard von Weizsäcker, Norbert Blüm und Wolfgang Schäuble erklärten mehr oder weniger höflich, dass Kohls selbstherrliches und machtbesessenes Agieren der CDU geschadet habe.

Zu den Qualitäten der Sendung gehörte, dass Kohl selbst Gelegenheit hatte, auf diese Vorwürfe zu antworten. Dass er sie völlig entkräftet hätte, kann man jedoch nicht behaupten. Auf seinen langjährigen Arbeitsminister Blüm angesprochen, sagte er, durchaus von oben herab: "Der Mann ist mir völlig egal."