Zum Hauptinhalt springen

Der Sog nach Deutschland hält an

Von Simon Rosner, Marina Delcheva, Jan Michael Marchart

Politik

Die ÖBB kommen mit dem Weitertransport der tausenden Flüchtlinge nicht mehr nach - und Serbien meldet Rekordzahlen an Ankünften.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 8 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Wien. "Wir wissen nicht genau, wie viele kommen oder wann sie kommen", sagt David Rodriguez-Yanez, einer der freiwilligen Helfer von "Train of Hope", einer losen Gruppe, die am Hauptbahnhof die Flüchtlinge versorgt. "Gestern waren es 2000 Flüchtlinge, heute erwarten wir einige hundert." Er und die anderen Helfer haben ihr Lager vor einem Seiteneingang des Hauptbahnhofs aufgeschlagen. Paletten mit Mineralwasser, Kleidersäcke, Decken und Hygieneartikel stapeln sich. In der Bahnhofshalle verteilen freiwillige Helfer Essen an Ankommende. Ein kleines Mädchen mit etwas zu großen Turnschuhen greift schüchtern in die Süßigkeitenkiste von Elijah, einem der Helfer. "Die Kinder nehmen immer nur eine Süßigkeit, nie mehr. Sie sind sehr bescheiden", sagt er.

"Thank you" und "Germany". Das sind die häufigsten Wörter, die im provisorischen Asylquartier im Gespräch mit Flüchtlingen fallen. "Wir kommen aus Syrien, sind schon lange unterwegs, teilweise zu Fuß. Wir wollten eigentlich nach Deutschland, aber hier ist es auch sehr schön und die Menschen sind nett", sagt Mohammed. Seine Frau sitzt neben ihm und hält ihr Baby. Seit dem Morgengrauen sind sie hier.

Seit sich Deutschland, Österreich und Ungarn am späten Freitagabend auf die De-facto-Aufhebung der Dublin-III-Verordnung verständigt haben, dürften etwa 30.000 Flüchtlinge durch Österreich gereist sein. Genau lässt sich das kaum eruieren, bei der Zahl handelt es sich um die aus Deutschland gemeldeten Ankünfte von Flüchtlingen.

Tausende in Serbien

Asyl in Österreich beantragt haben vergleichsweise wenige. Am Wochenende verzeichneten die Behörden sogar einen Ausreißer nach unten, doch nun sind es wieder wie zuvor etwa 300 Anträge pro Tag. Kurzfristig dürfte allerdings auf die Behörden, Hilfsorganisationen und freiwilligen Helfer noch mehr zukommen, die Zahlen jener Flüchtlinge, die zumindest Zwischenstation in Österreich machten, war am Donnerstag im Steigen begriffen, und auch aus Serbien werden wieder mehrere tausend Flüchtlinge vermeldet. In Kanjiza an der Grenze zu Ungarn sind am Donnerstag allein bis zum Mittag über 5000 Flüchtlinge eingetroffen, das ist die bisher höchste Anzahl binnen eines Tages in Serbien. Es ist anzunehmen, dass die meisten von ihnen bald in Nickelsdorf auftauchen werden. Für den Donnerstag rechnete die burgenländische Polizei mit rund 7000 Flüchtlingen, die nur an diesem Tag die Grenze zu Österreich passieren.

Keine Züge nach Ungarn

Das Schwierige für Behörden, ÖBB, Rotes Kreuz und Caritas: Aus Ungarn gebe es kaum Zahlen und somit auch wenig Planungsgrundlage, wie Innenministeriumssprecher Karl-Heinz Grundböck erklärt.

Auf höchster politischer Ebene gibt es zwar laufende Gespräche zwischen den Regierungschefs Angela Merkel, Werner Faymann und Viktor Orbán, auf Ebene der Behörden und der Bahn ist die Zusammenarbeit allerdings bei weitem nicht zufriedenstellend, wie etwa auch ÖBB-Chef Christian Kern unlängst beklagte. Anzunehmen ist, dass sich die Situation auf den Bahnhöfen in naher Zukunft nicht verändern wird, den Bundesbahnen kommt daher eine große Verantwortung zu, doch die Belastungsgrenze ist bereits erreicht.

Die ÖBB haben den Zugverkehr zwischen Österreich und Ungarn vorübergehend eingestellt. Betroffen sind die Railjet-Verbindung auf der Strecke Wien-Budapest sowie grenzüberschreitende Regionalzüge. Für Pendler und Schüler aus dem Raum Neusiedl/See und Bruck/Leitha werde ein Schienenersatzverkehr mit Bussen organisiert. Die ÖBB sprechen von "massiver Überlastung" der Bahnhöfe. Überlastet sind auch die Mitarbeiter, die sich neben der Betreuung der Flüchtlinge auch darum kümmern müssen, dass die Bahnkunden ihre Fahrziele erreichen.

Die Zusammenarbeit zwischen ÖBB und Westbahn wird von beiden Seiten gelobt. Die Westbahn hat in Zügen vom Westbahnhof nach Salzburg einen ganzen Waggon für Flüchtlinge reserviert. Pro Zug werden rund 80 Flüchtlinge mitgenommen, ob sie ein gültiges Ticket haben, werde nicht kontrolliert, sagt Westbahn-Sprecherin Angelika Veith. Hinter der Westbahn steht hauptsächlich Unternehmer Hans-Peter Haselsteiner, der das Ute-Bock-Haus für Flüchtlinge finanziert hat.

Es staut sich in Wien

Auch die Helfer loben die Zusammenarbeit mit Polizei und Eisenbahnern, wie Rodriguez-Yanez, der Helfer vom Hauptbahnhof, erzählt. "Wir waren selbst überrascht über die Hilfsbereitschaft. Nach Dienstschluss haben ein paar Polizisten sogar Spenden vorbeigebracht, und sie helfen uns, wo sie können." Mit den Medien sprechen dürfen weder Polizisten noch ÖBBler. Hinter vorgehaltener Hand sagt aber ein Bahnmitarbeiter: "Dafür, dass täglich Tausende kommen, läuft alles sehr reibungslos. Das sind ja auch arme Leute."

Für die Wiener und burgenländische Polizei ist die Situation eine außergewöhnliche. In Nickelsdorf hat die Exekutive sogar 18 Busse angemietet, um die Flüchtlinge weiter nach Wien zu transportieren. Das ist doch eher ungewöhnlich, dass die Polizei die Flüchtlinge selbst durch Österreich kutschiert, begründet wird dies mit sicherheitspolitischen Aspekten.

Auch in Wien ist die Polizei in erster Linie darauf bedacht, dass Ankunft und Abfahrt der Flüchtlinge möglichst sicher ablaufen. Am Donnerstagnachmittag waren rund 2500 Flüchtlinge am Westbahnhof, wie Polizeisprecher Thomas Keiblinger berichtet. Da mit großen Kontingenten aus Nickelsdorf gerechnet wurde, war das Aufgebot der Exekutive diesmal größer als bisher. "Wir wollen, dass alles koordiniert abläuft."

Dann ist am Bahnsteig wieder ein Zug zum Einsteigen bereit und die Menschen setzen sich in Bewegung. Die Polizei verteilt die Flüchtlinge entsprechend. Die Eingänge zu den Bahnsteigen werden kurzfristig von Beamten gesperrt. "Es können nicht alle auf einmal fahren", sagt Keiblinger. Für einige Hundert beginnt soeben die Reise nach Deutschland, der Rest bleibt noch. Buben mit Reisetaschen marschieren wieder zurück in die Halle des Bahnhofs. Warten.

Hier nicht mehr wegzukommen, ist eine der Sorgen der Schutzsuchenden, wie Dolmetscher erzählen. Um sie kreisen jene mit Tickets in der Hand, die wissen wollen, wann ihr Zug kommt. Manchmal wird es dann hektisch. "Sie glauben, man lässt sie zurück", sagt ein Dolmetscher. "Wir müssen sie immer wieder informieren, dass das nicht so ist."

Es kann aber dauern, und es dürfte in den kommenden Tagen länger dauern als bisher, da die ÖBB mit dem Weitertransport nicht mehr nachkommen. Das bedeutet für die Stadt Wien, dass die Flüchtlinge für ein oder zwei Nächte irgendwo untergebracht werden müssen. "Es gibt zusätzliche Quartiere, die wir weg- und wieder zuschalten können", sagt Peter Hacker, Flüchtlingskoordinator der Stadt Wien. "Bisher waren wir noch nicht in der Verlegenheit, dass wir keine Quartiere mehr hatten." Dazu muss der Transport der Flüchtlinge zum und vom Bahnhof organisiert werden.

Da es völlig unabsehbar ist, wie sich die Lage in den kommenden Tagen entwickelt wird, werden in Wien mehrere Szenarien vorbereitet. Derzeit wird bei allen Stellen - auch beim Bundesheer - um kurzfristig nutzbare Räumlichkeiten angefragt. Es muss für den Fall vorgesorgt werden, dass plötzlich ein Schlafplatz für ein paar Tausend gesucht wird.

Flüchtlinge als Helfer

Doch nicht nur auf Behörden, Verwaltung und Hilfsorganisationen kommt viel zu, auch auf die Zivilgesellschaft, die sich seit Tagen in enormem Ausmaß engagiert. Das Heer der freiwilligen Helfer reißt nicht ab - darf es aber auch nicht. Wobei auch Flüchtlinge selbst zu Helfern werden. Sie packen in Nickelsdorf an, verteilen dort Essen und Kleidung. Und sie helfen am Westbahnhof, wie etwa der 28-jährige Syrer Najdat.

Er flüchtete vor einem Jahr von Libyen über das Mittelmeer nach Italien. "In dem kleinen Boot waren 300 Leute. Es war unglaublich. Ich dachte nicht, dass ich jemals ankommen werde", erzählt er. Am Westbahnhof ist er, um Syrern bei ihrer Weiterreise zu helfen. "Ich möchte etwas weitergeben, mir wurde auch geholfen." Der Granitschneider ist auf Arbeitssuche und lernt Deutsch. "Die Sprache kann ich aber noch nicht so gut", sagt er mit Unterstützung eines Dolmetschers. "Die Arbeitssuche ist schwer, Granitschneider werden in Österreich nicht gebraucht. Aber ich versuche alles, um schnell ein geregeltes Leben zu führen. Das bin ich diesem Land schuldig."



Mitarbeit: Rosa Eder-Kornfeld,
Sophia Killinger Mathias Ziegler