Zum Hauptinhalt springen

Der Spalter muss einen

Von Ronald Schönhuber

Politik

Mit Markus Söder soll ein polarisierender Machtpolitiker neuer Ministerpräsident in Bayern werden. Er steht nun vor der Herkulesaufgabe, die zerstrittene CSU so weit zu befrieden, dass sie ihre absolute Mehrheit im Landtag verteidigen kann.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 6 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

München. Für Horst Seehofer sind die vergangenen Wochen wohl die schlimmsten in seinem politischen Leben gewesen. Seit dem desaströsen Abschneiden seiner CSU bei der Bundestagswahl im September hat der ehemals starke Mann aus Bayern sein ganzes noch verbliebenes Gewicht in die Waagschale geworfen, um zumindest noch eines sicherzustellen: Wenn er selbst nach fast zehn Jahren im Amt schon nicht mehr genug Rückhalt in der Partei hat, um noch einmal bayerischer Ministerpräsident zu werden, dann sollte sein Nachfolger zumindest jemand anderer als Markus Söder werden. Denn kaum einen Kandidaten hat Seehofer für ungeeigneter gehalten als den bisherigen bayerischen Finanzminister, dem er dem Vernehmen nach nicht zutraut, die gesamte Breite der derzeit noch absolut regierenden CSU abzubilden. Zu polarisierend, zu sehr auf sich selbst bedacht ist der Machtmensch Söder nach Ansicht Seehofers.

Doch Früchte getragen hat weder die intensive Beziehungsarbeit hinter den Parteikulissen noch der Versuch, seinen langjährigen Vertrauten, Innenminister Joachim Herrmann, doch noch als Gegenkandidaten zu Söder in den Ring zu schicken. Angesichts des enormen parteinternen Drucks bleibt Seehofer am Montag nichts mehr anderes übrig, als seinen Rücktritt als bayerischer Ministerpräsident im ersten Quartal 2018 anzukündigen. Als Nachfolger und Spitzenkandidaten für die Landtagswahl im Herbst 2018 nominiert die CSU-Landtagsfraktion einstimmig Söder. Seine Bestätigung am Parteitag Mitte Dezember, bei dem Seehofer zumindest als Parteichef noch einmal wiedergewählt werden soll, dürfte damit nur noch Formsache sein.

"Von Ehrgeiz zerfressen"

Dass der heute 50-jährige Söder ganz nach oben will, ist schon seit Jahren alles andere als ein Geheimnis. "Der will mal Ministerpräsident werden", raunt man in der CSU schon, als Söder mit knapp mehr als 35 Jahren Generalsekretär unter Edmund Stoiber wird. Ein neues Gesicht in der Partei ist der Jurist allerdings schon damals nicht. Denn als glühender Anhänger des christlichsozialen Übervaters Franz Josef Strauß ist Söder bereits als 16-Jähriger in die CSU eingetreten und dann mit 27 Jahren Landtagsabgeordneter geworden.

Seitdem ist es mit Söder, der nun seinen politischen Ziehvater Stoiber als jüngsten bayerischen Ministerpräsidenten ablösen wird, nur noch nach oben gegangen. Auf die acht Jahre als Chef der Jungen Union und dem Posten als Generalsekretär folgen mehrere Regierungsjobs in Bayern. Söder wird Europaminister, Umwelt- und Gesundheitsminister. 2011 übernimmt er schließlich das bayerische Finanzministerium, das 2013 mit einem neu geschaffenen Heimatministerium zum Superministerium ausgebaut wird.

Je weiter der ehemalige Redakteur des Bayerischen Fernsehens aufsteigt, umso tiefer wird allerdings auch die Entfremdung zwischen den beiden Alphatieren der Partei. Auf einer wenig besinnlichen CSU-Weihnachtsfeier im Jahr 2012 wirft Seehofer seinem persönlich nicht anwesenden Rivalen öffentlich "charakterliche Schwächen" vor. Söder sei von "Ehrgeiz zerfressen" und habe einen Hang zu "Schmutzeleien" - wohl eine Anspielung auf den von Seehofer gehegten Verdacht, dass die Berichte über sein uneheliches Kind in der "Bild"-Zeitung auf Söder zurückgehen.

Nachhaltig beschädigt wird Söder aber weder durch solche Vorwürfe noch durch seine nicht mit der Parteispitze abgesprochenen Alleingänge. Im Gegenteil. In den Bezirksorganisationen und in der Landtagsfraktion wächst die Zahl jener, die Söder als Mann der Zukunft sehen und sein Machtbewusstsein bewundern, von Jahr zu Jahr. Und der Söder-Fanblock ist durchaus bereit, sich für den Finanzminister ins Zeug zu legen, selbst wenn es dabei grob werden sollte. So vergeht, während Seehofer in Berlin über eine Jamaika-Koalition verhandelt, kaum ein Tag, ohne dass seine Gegner in Bayern nicht gegen ihn mobilmachen. Vor allem die Münchner CSU und die Junge Union tun sich dabei hervor. Unverhohlen fordern sie Seehofer im Herbst zum Rücktritt auf.

Absolute Mehrheit in Gefahr

Allzu lange wird die Jubelstimmung im Söder-Lager über den nun errungenen Sieg aber wohl nicht anhalten. Denn auch wenn der eine oder andere Fürsprecher des designierten Ministerpräsidenten wohl bald mit einem Ministerposten belohnt werden wird, steht die eigentliche Herausforderung noch bevor. Bei der Landtagswahl im kommenden Herbst 2018 geht es für die CSU nämlich vor allem darum, die absolute Mehrheit zu verteidigen, mit der sie traditionell ihren bundespolitischen Anspruch als Volkspartei untermauert. Nach den aktuellen Umfragen sind die Christlichsozialen allerdings auf deutlich unter 40 Prozent abgestürzt, während sich FDP und vor allem AfD im Aufwind befinden.

Dass sie den bayerischen Scherbenhaufen rasch kitten müssen, um im Herbst 2018 nicht unterzugehen, scheint an diesem Montag den beiden Lagerführern Söder und Seehofer bewusst zu sein. So verspricht Söder im Gegensatz zu seinem bisherigen Habitus nun "Mut und Demut". Und auch der CSU-Chef zeigt sich auf einmal ungewohnt untergeben und teamorientiert. "Ich habe Markus Söder und er mir eine gute Zusammenarbeit versprochen", sagt Seehofer, dem wohl am meisten von allen bewusst sein dürfte, was der CSU bei einem Absturz bei der Landtagswahlen droht. Denn bei einer krachenden Niederlage wäre die eigentümliche Doppelspitze Söder-Seehofer wohl Geschichte. Und der aus diesem Vakuum entstehende Machtkampf könnte sogar den gerade zu Ende gegangenen Führungsstreit noch einmal deutlich an Brutalität überbieten.