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Der Sturz der Weißen Götter

Von Marcus Franz

Wissen

Patienten sind | heute kritischer und mündiger geworden. | Geheime Sehnsucht nach Medizinern mit magischen Kräften. | Wien. Das Rollenbild des Arztes wurde in den letzten Jahrzehnten einem grundlegenden Wandel unterzogen. War der Arzt vor nicht allzu langer Zeit noch eine nahezu unantastbare Figur, die nicht nur in ironischer Überzeichnung als der Gott in Weiß empfunden wurde, ist er heute zum weitgehend säkularisierten Medizin-Berater und Menschenmechaniker geworden.


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Im Gegenzug hat sich auch die Rolle des Patienten verändert. Dieser ist nicht mehr das bedingungslos dem Arzt vertrauende diagnose- und therapiegläubige passive Objekt der Medizin, sondern der Patient ist vielmehr zu einem mitunter recht kritischen und aktiven Subjekt in der Medizin geworden.

Und dennoch: Trotz dieser dem rationalen Geist der Aufklärung entsprechenden Änderung der alten Klischees ist zu beobachten, dass die metaphysische Bedeutung der Arztgestalt und das ihr nicht von ungefähr anhaftende Image des gottähnlichen Wesens nach wie vor unbewusst und manchmal auch bewusst herbeigesehnt wird.

Das Image des Weißen Gottes ist ja keines, das von den Ärzten erfunden wurde, es entspringt vielmehr einem nur allzu menschlichen Wunsch: Nämlich in Zeiten von körperlichen oder seelischen Nöten einen Helfer zur Seite zu haben, der nicht nur ein besonderes Können, sondern womöglich auch geheime transzendente Kräfte sein eigen nennt. Schäden an Körper, Geist oder Seele kann man nicht so einfach durch Menschenmechaniker beheben, gesundheitliche Probleme beinhalten nämlich meist eine emotionale, oft auch metaphysische Komponente.

Idealisierung von Ärzten

Daher beobachten wir zur selben Zeit, in der die Götter ihren Olymp aus der Sicht der Aufklärung zu Recht verlassen mussten, weiterhin bestimmte Phänomene der Idealisierung von Ärzten: In diversen Medien werden Ärzte implizit immer wieder in ihrer althergebrachten Erscheinungsform - eben als die Götter in Weiß - dargestellt. Auch wenn gerne über Kunstfehler und Medizinskandale berichtet wird, über die Erfolge und die Berühmtheiten der Medizin wird mindestens ebenso gerne und bezeichnenderweise oft in ehrfürchtigem Stil informiert. Waren früher Medizinmänner die Projektionsflächen von archaischen Hoffnungen, so sind es jetzt die medial aufbereiteten medizinischen Kapazitäten. Anstelle von Schamanentänzen gibt es nun Best-Doctors-Rankings und akklamierte Fernsehauftritte von im Medizin-Business erfolgreichen Celebrities.

Aus diesem Phänomen der Idealisierung von medizinisch Tätigen erklärt sich auch der oft unglaubliche Zulauf von Kranken bei sogenannten Wunderheilern: Wenn die Hoffnung das einzige Kapital des Leidenden ist und er vom Arzt keine Besserung seines Leidens erfährt, wird die Ratio bald über Bord geworfen. Der Patient kehrt in solchen Fällen nur allzu gerne zurück zu den naiven Erlösungs- und Heilungsvorstellungen der früheren Zeiten.

Der pathetische Gestus des Wunderheilers ist dann oft der alleinige, allerdings nur vermeintliche Garant der Genesung. Paramedizinische Methoden bieten in diesen Situationen die Zuflucht, welche die heutige Schulmedizin mangels metaphysischen Hintergrunds nicht bieten kann. Auch genuine religiöse Gefühle können bei Versagen der hochgelobten High-Tech-Medizin plötzlich wieder lebensbestimmend werden, im Ernstfall ist die Abwendung des Patienten vom einerseits idealisierten Hoffnungsträger Arzt und andererseits entmachteten Gott in Weiß hin zum originalen Gott eine häufig beobachtete Erscheinung.

Insgesamt ergibt sich daraus heute ein ambivalentes Bild des Arztes: Hier, in der Realität, ist er ein normaler Mensch wie jeder andere, mit gewissen speziellen Fähigkeiten, die aber auch Fehler und Schwächen nicht ausschließen, dort, in der Wunschvorstellung des Leidenden, stellt er ein prophetisches und mächtiges Wesen dar, das gottgleich über Gesundheit, Leben und Tod entscheiden soll. Den meisten Ärzten ist heute diese ihre Doppel-Rolle bewusst. Doch wie ist die Synthese der vordergründig gegensätzlichen Positionen zu realisieren?

Es geht um Heil-Kunst

Das rein mechanistische Reparieren von Organen ist naturgemäß ebenso abzulehnen wie der Versuch, Patienten alleine durch charismatische Versprechungen oder Brimborien zu behandeln. Vielmehr müssen irrationale Hoffnungen und die Erwartung von wundersamen Instant-Heilungen verbalisiert und durchgearbeitet werden. Und wenn auf der Patientenseite Bedürfnisse metaphysischer Art geäußert oder der Wunsch nach alternativen Heilmethoden auftaucht, so ist dies primär zu zu respektieren und der Patient seriös über Sinn und Unsinn der verschiedenen, außerhalb der Schulmedizin angebotenen Methoden zu beraten.

Klug erscheint es, die auch in der Juristensprache als Heil-Kunst bezeichnete ärztliche Tätigkeit beim Wort zu nehmen: Gelingende Kunst braucht handwerkliches Können, gewisse intellektuelle Fähigkeiten, Inspiration, Einfühlungsvermögen, Sensibilität, gute Ideen, Phantasie und sicher auch ein Quäntchen von jenem Unerklärlichen, das man weder mit der Naturwissenschaft noch mit den Methoden der Aufklärung ausreichend definieren kann.

Dr. Marcus Franz ist Facharzt für Innere Medizin in Wien.