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Der Systemkitt bröselt

Von Matthias Winterer

Politik
Wo ist die Mitte der Gesellschaft?
© Winterer

Die gesellschaftliche Mitte ist nicht mehr homogen: Eine Wiener Grafikdesignerin hat mit ihrer New-Yorker Kollegin mehr gemeinsam als mit dem Installateur, der ihre Therme wartet.


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Maria ist die fleischgewordene statistische Mittelmäßigkeit. Sie wohnt am unteren Ende des Augartenspitzes. Hier ist die exakte Mitte von Wien. Und Maria die exakte Mitte der Wiener Gesellschaft. Sie ist 41 Jahre alt. Sie hat die Universität abgeschlossen. Ihren Partner Michael heiratete sie mit 30. Im selben Jahr kam ihr einziges Kind zur Welt. Gemeinsam leben sie in einer privaten Mietwohnung. Sie ist 90 Quadratmeter groß. Maria verdient 23.263 Euro netto im Jahr. In die Arbeit fährt sie mit der U-Bahn. Maria ist Durchschnitt. 08/15. Normalo. Frau Mustermann.

Um Maria wird gebuhlt. Die Parteien reißen sich um sie. Sie wollen sie entlasten - beruflich, gesundheitlich, privat und natürlich finanziell. Sie wissen, sie dürfen Maria nicht verlieren. Maria ist ihr Kapital. Denn Maria ist in der Überzahl. Sie ist die sogenannte Mittelschicht. Die Mittelschicht entscheidet, wer in der Stadtregierung sitzt. Maria ist unberechenbar geworden. Sie hat Angst. Zu oft hat sie von ihrem Ende gelesen. Vom drohenden sozialen Abstieg. In Zeitungen wird ihr seitenlang der Untergang prophezeit. In Talkshows wird diskutiert, ob die Mittelschicht kippt. Tatsächlich bleibt ihr am Monatsende immer weniger am Konto. Jetzt ist auch noch Corona-Krise.

Die Mittelschicht stabilisiert unsere Gesellschaft. Sie ist der Kitt. Sie treibt die Wirtschaft voran, sie arbeitet, sie konsumiert, sie zahlt Steuern. Mit ihr steht und fällt unser gesamtes System. Doch was ist die Mittelschicht eigentlich? Wie geht es ihr wirklich? Und wie wird sie sich bei der Wien-Wahl im Oktober entscheiden?

Viele Menschen glauben, unsere Gesellschaft stellt sich als Pyramide dar, mit wenig reichen und vielen armen Menschen. In Wahrheit ist sie eine Zwiebel, mit einer großen bauchigen Mitte. Wer genau zu dieser Mitte gehört, ist strittig. Soziale Gefüge sind schwammig. Sie entziehen sich einer klaren Definition. Die Mittelschicht lässt sich nach unterschiedlichsten Parametern bestimmen - nach Vermögen, Einfluss, Bildung, Beruf.

Immer mehr mit Hochschulabschluss

"Meist wird die Mitte als jene Gruppe definiert, die zwischen 60 und 140 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens zur Verfügung hat", sagt Bernhard Riederer. Der Wissenschafter arbeitet am Institut für Soziologie der Universität Wien und am Institut für Demografie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. "Im Jahr 2016 gehörten 58,5 Prozent aller Wiener zu dieser Gruppe", sagt er. "Zehn Jahre vorher, waren es noch 61,2 Prozent". Die meisten sackten in die Unterschicht ab, wenige stiegen auf. Definiert man die Mittelschicht über den Beruf, ist die Bilanz ähnlich. Grob gesagt, zählen alle Menschen zur Mitte, die in Jobs arbeiten, für die eine profunde Ausbildung notwendig ist - also vom Handwerker am Bau über den Angestellten im Büro bis hin zu Technikern oder kreativ arbeitenden Menschen mit Uniabschluss. "Hier schrumpfte der Anteil der Mittelschicht an der Gesamtbevölkerung Wiens von 1996 bis 2017 von 53,1 auf 39,5 Prozent", sagt Riederer.

Ein Trend springt jedoch frappant ins Auge. Die Gruppe der Menschen mit Hochschulabschluss nahm innerhalb der Mitte stark zu, während jene der Handwerker und Industriearbeiter stark sank. Für Andreas Reckwitz der springende Punkt. Der deutsche Soziologe spricht in seinem Buch "Die Gesellschaft der Singulären" sogar von zwei Klassen, die sich innerhalb der Mittelschicht diametral gegenüberstehen - die neue aufsteigende Mittelklasse von hochgebildeten Akademikern und die alte absteigende Mittelklasse von Industriearbeitern, Handwerkern, einfachen Angestellten. Der Grund für diese Entwicklung liegt in der Deindustrialisierung und Globalisierung der Arbeitswelt ab den 80er-Jahren. Gut bezahlte Industriejobs fielen weg - zugunsten von Niedriglohnbeschäftigungen. Der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft erhöhte aber auch die Nachfrage nach hochqualifizierten Kräften. Er spaltete die Mitte in zwei Lager mit völlig differenten Werten und Ansichten zu Themen wie Migration, Klimaschutz, Sozialstaat. Die Mittelschicht polarisiert sich. Mit zunehmender Brisanz.

Früher war die Sache einfach. Der Mittelstand war homogen. Eine nivellierte Schicht. Eine egalitäre Masse. Das breite Rückgrat der Gesellschaft. Geformt von der industriellen Moderne nach 1945. Ein Heer von Normalbürgern. Sie hatten Hauptschule und Lehre abgeschlossen. Gingen fünf Tage die Woche in den Betrieb arbeiten. Die Arbeitszeit sank. In den 1960er-Jahren wurde die 40-Stunden-Woche eingeführt. Von Jahr zu Jahr konnten sie sich mehr leisten. Ein Auto, eine größere Wohnung, vielleicht sogar ein Haus bauen. Was übrig blieb, legten sie auf ein Sparbuch.

Es ging ihnen gut. Sie hatten Kinder und Haustiere. Sie gingen auf den Fußballplatz, ins Kino, ins Musical, ins Gasthaus. 1976 verfolgten sie Franz Klammers Ritt über den Patscherkofel im Kollektiv. Im Sommer fuhren sie zwei Wochen ans Meer. Im Winter Skifahren in die Berge. Sie lasen die "Kronen Zeitung" und saßen pünktlich um halb acht vor dem Fernseher. In der "Zeit im Bild" informierten sie Ursula Stenzel und Hans Georg Heinke über das Weltgeschehen. Danach schliefen sie beim Krimi auf der Ledercouch ein.

Kein sozialer Aufstieg mehr für den Installateur

Sie führten ein Leben, beseelt vom Versprechen des sozialen Aufstiegs, vom Versprechen von mehr Wohlstand und besseren Lebensbedingungen für alle. Sie waren die Mitte der Gesellschaft.

Diese Mitte ist längst passé. Die Mitte ist kein monolithischer Block mehr. Sie hat sich differenziert. In zwei Klassen, die zunehmend auseinanderdriften. Die eine steigt auf, die andere ab. "Das Klassengefüge ist durch eine Gleichzeitigkeit von sozialen Aufstiegs- und Abstiegsprozessen geprägt", schreibt Reckwitz. Die Angehörigen der beiden Klassen haben völlig unterschiedliche Leben, mit anderen Zielen, anderen Ängsten, anderen Aussichten. Ihr Alltag überschneidet sich kaum noch. Eine Wiener Grafikdesignerin hat mit ihrer New Yorker Kollegin mehr gemein als mit dem Installateur, der ihre Therme wartet.

Dem Installateur ist das Versprechen des sozialen Aufstiegs abhandengekommen. Seine Kinder werden es nicht unbedingt besser haben als er. Er macht sich Sorgen. Sein Arbeitsplatz wackelt. Nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Seitdem aber erst recht. Viele Kollegen sind schon in Kurzarbeit. Immer weniger Menschen lassen sich eine neue Heizung einbauen. Die Miete steigt von Jahr zu Jahr. Er überlegt, sich ein sparsameres Auto zu kaufen. Früher hat er die SPÖ gewählt, seit sein Kontostand schrumpft, fragt er sich, warum er das weiterhin tun soll.

Lebensgefühl von kultureller Selbstermächtigung geprägt

Während der Installateur zunehmend unter Druck gerät, sieht er die Grafikdesignerin an ihm vorbeiziehen. Auch wenn ihr Einkommen vielleicht nicht viel höher sein mag, ist ihr Lebensstil vom Gefühl kultureller Selbstermächtigung geprägt. Ihre Wohnung im 7. Bezirk ist von hinten bis vorne durchgestylt. Wie aus dem Design-Katalog, den sie gerade für ein Möbelhaus gestaltet. In der Küche wächst ein Avocadobaum. Im Regal stehen die Reiseführer ferner Länder. Sie geht zum Yoga-Unterricht, nimmt Gesangsstunden, ernährt sich vegan. Sie will sich selbst verwirklichen in allem, was sie tut. Sie führt das Leben einer Kosmopolitin. "Man fühlt sich berechtigt, die Welt zu bereisen, sich Fremdes kulturell anzueignen. Man hat den Anspruch an das eigene Leben, es ästhetisch und ethisch durchzustrukturieren: das gesunde Essen, die Pflege des Körpers, vielseitige Freizeit und interessanter Beruf, die guten Schulen für die Kinder, von denen man mehr erwartet, ebenso vom Partner. Die anspruchsvolle Haltung gegenüber dem Leben ist typisch für die neue Mittelklasse", sagte Reckwitz in einem Interview mit der "Zeit".

Der Installateur fühlt sich in die Defensive gedrängt. Der alte Mittelstand ist nicht mehr die erstrebenswerte Mitte der Gesellschaft, mit Auto, Urlaub, Eigenheim. Er wurde zum Mittelmaß degradiert. Er verwirklicht sich nicht in seiner Arbeit. Er macht sie, um zu überleben. Er kämpft mit dem Gefühl schleichender Entwertung. Der Installateur sieht die Designerin zwischen Yoga-Matte und Kreativarbeit und meint, nicht mehr mithalten zu können.

Die Spaltung des Mittelstandes spiegelt sich auch in der politischen Landschaft wider. Über Jahrzehnte machte die gesellschaftliche Mitte am Wohlsonntag ihr Kreuzerl auch in der politischen Mitte - bei den beiden Volksparteien ÖVP und SPÖ. Am Land bei der ÖVP. In den Städten bei der SPÖ. Die Vorherrschaft der SPÖ in Wien war seit den 1920er-Jahren zementiert. Die Arbeiter-, Beamten- und Angestelltenschaft stand geschlossen hinter der Wiener Sozialdemokratie. Spätestens in den 1990er-Jahren begann ihre Dominanz zu bröckeln. Erst schimpften die Wiener nur im Beisl über die Sozis im Rathaus. Später schlug sich ihr Unmut auch in der Wahlkabine nieder. Die SPÖ büßte erstmals die Absolute ein. Der Partei liefen die Wähler davon. In Scharen zur FPÖ, in kleineren Teilen aber auch zu den Grünen. Am Land war es ähnlich. Vor der Übernahme durch Sebastian Kurz drohte die ÖVP komplett in der Versenkung zu verschwinden. Auch sie verlor an die FPÖ.

"Der rechte Populismus mit seiner Kritik an den Eliten, den Metropolen und der Globalisierung findet in Teilen der alten Mittelklasse seine wichtigsten Trägergruppen", schreibt Reckwitz. "Vor allem Teile der unteren Mittelschicht sind in den vergangenen Jahren von der SPÖ zur FPÖ gewandert", sagt auch der Politologe Peter Filzmaier. Verunsicherung. Abstiegsängste. Schwindende gesellschaftliche Relevanz. Die alte Mittelklasse war der perfekte Nährboden für die neuen Rechten. Alles war angerichtet für einen Wahlsieg der FPÖ. Doch die politische Realität des Landes bremste den Siegeszug der Partei. "Nach Ibiza, dem Spesenskandal und der Abspaltung Heinz-Christian Straches sind die Wähler nun auch von der FPÖ enttäuscht. Ein großer Wählerstrom wird bei der Wien-Wahl im Oktober von der FPÖ ins Nichtwählerbecken führen. Und natürlich zur ÖVP."

Die ÖVP hat das Abdriften der unteren, alten Mittelschicht nicht übersehen. Sie driftet ebenfalls ab - in Richtung rechts. Mit einer repressiven Einwanderungspolitik hofiert sie die einstigen roten Stammwähler. "Die Entscheidung der ÖVP, keine Kinder aus dem abgebrannten Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos aufzunehmen, hat in der Mittelschicht eine große Mehrheit", sagt Filzmaier. "Damit vergrämt sie vielleicht ein paar bürgerlich-liberale Wähler, die sie an Grüne und Neos verliert, doch unter dem Strich gewinnt sie dazu." So verschärft die ÖVP die Themen in diesem Wahlkampf strategisch. Sie plakatiert die Begriffe "Leistung" und "Sicherheit". "Die ÖVP versucht gar nicht mehr, liberale Wähler anzusprechen. Eine Polarisierung bringt ihr mehr. So gewinnt sie die Wähler der FPÖ", sagt Filzmaier. Die Wählerstruktur der ÖVP hat sich seit Kurz auch in Wien gravierend verschoben. Vom christlich-sozialen Pensionisten aus der Inneren Stadt zum Lehrling aus Simmering.

Der Abstieg der alten Mittelklasse hat in Wien also vor allem der Sozialdemokratie geschadet. Die gewerkschaftlich organisierte Industriearbeiterschaft hat als Teil der Mitte kaum noch Bedeutung. Vom Aufstieg der neuen akademischen Mittelklasse hat die SPÖ wenig. Auch sie hält nichts von den klassischen Volksparteien der politischen Mitte - und orientiert sich links davon. Konnte sie der damalige Parteivorsitzende Christian Kern bei der Nationalratswahl 2017 noch in großen Teilen mobilisieren - und damit die Grünen aus dem Nationalrat werfen -, tendiert die neue Mittelklasse jetzt wieder zurück zu den Grünen oder zu den gesellschaftsliberalen Neos.

"Ideologisch ausgefranstes Konglomerat"

Die breite Mittelschicht als homogene gesellschaftliche Masse ist einem ideologisch ausgefransten Konglomerat an Milieus gewichen. Im Wiener Intensivwahlkampf ist sie noch immer omnipräsent. Jede Partei sorgt sich um die Mittelschicht. Ludwig verspricht ihr Arbeit. Blümel Sicherheit. Hebein eine grünere Stadt. Nepp, die Zuwanderung zu stoppen. Die einen wollen sie entlasten, die anderen vor staatlichen Zugriffen schützen. Aus Sicht der Wahlwerber macht das durchaus Sinn. "Die subjektive Sicht auf den eigenen soziokulturellen Status ist trügerisch", sagt Filzmaier. "Neunzig Prozent der Bevölkerung zählt sich zur Mittelschicht. Keiner will sich eingestehen, arm zu sein - und keiner reich." Verspricht die Politik, die Mittelschicht aus der Krise zu führen, fühlt sich jeder angesprochen. Vom Helene-Fischer-Fan bis zum Death-Metal-Freak. Vom Studenten in der Wohngemeinschaft bis zum Manager in der Villa in Döbling.

Nur Maria nicht. Die existiert nur in der Statistik. Ein mathematisches Konstrukt. Eine Spielerei mit dem Durchschnitt. Der Durchschnittsbürger existiert nicht mehr. Der Normalo ist tot.