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Der Tänzer im Hungerstreik

Von Edwin Baumgartner

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"Seine Workshops sind - trotz ,berüchtigten‘ körperlichen und psychologischen Übungen - sehr populär", heißt es auf László Kocsis’ Seite über sein "Human Natural"-Theatersystem. Der Tänzer und Choreograf betätigt sich derzeit vor dem Staatstheater Darmstadt tatsächlich auf eine extreme Weise: Vor dem Theater hält Kocsis seit Anfang April einen Hungerstreik ab. Der Grund: 2011 lief sein Vertrag aus und wurde nicht verlängert. Es gab Krach. Kocsis wirft dem Intendanten John Dew "Mobbing" vor: "Künstler werden gezwungen, volle Leistung zu bringen, auch wenn sie verletzt oder krank sind. Unfallprotokolle werden gefälscht, damit das Theater sich nicht verantworten muss." Er selbst habe die Bühne putzen müssen, weil er ein zusätzliches Engagement annehmen wollte.

Das Theater weist natürlich alle Vorwürfe zurück.

Prinzipiell könnte man es dabei belassen, gäbe es da nicht einen Nebenaspekt: Dew ist bekennender Homosexueller und mit einem Tenor verheiratet. Auf diversen Internetforen stellen sich nun viele auf Kocsis’ Seite - aber wie, das lässt Grausbirnen aufsteigen. Da klingen homosexuellenfeindliche Töne übelster Art an. In einem Kommentar war gestern noch von einem "Schwulen-Klüngel" zu lesen, und dass er mittlerweile gelöscht ist, macht die Sache nicht wesentlich besser. Als ob es der Homosexualität bedarf, damit an Theatern intrigiert wird. Dennoch werden sie nicht alle hungerbestreikt. Könnte es also weniger an der Homosexualität des Intendanten liegen als an einem Krisenmanagement, das auf allen Seiten, auch der Kocsis’, dysfunktional ist?