Der Todeskult

Von Christian Ortner

Gastkommentare

Eine neue ökonomische Theorie verspricht Geld und Wohlstand im Überfluss, ohne dass dafür jemand zahlen muss. Das ist gefährlich.


Wenn der Staat Geld braucht, etwa um "Jobs zu schaffen" oder "die Wirtschaft anzukurbeln", dann soll er einfach so viel Schulden machen, wie gerade notwendig sind, ihre Höhe spielt letztlich keine Rolle. Und wenn das nicht reicht, dann soll eben die jeweilige Notenbank Geld drucken und dem Staat zu Verfügung stellen, so viel er gerade braucht. Deshalb kann dieser Staat ja auch nie pleitegehen, denn Geld kann er ja immer in unbegrenzten Mengen drucken.



Wer dergleichen als Ökonom oder Politiker allen Ernstes öffentlich behauptet hätte, wäre bisher - nach den katastrophalen deutschen und österreichischen Erfahrungen mit dieser Rezeptur in den 1920er Jahren oder den argentinischen, venezolanischen oder simbabwischen der jüngeren Vergangenheit - mit hoher Wahrscheinlichkeit besachwaltert, auf jeden Fall aber von jeder halbwegs ernsthaften seriösen Diskussion ausgeschlossen worden. Umso erstaunlicher, ja verrückter muss da erscheinen, dass genau dieser Unfug unter der Bezeichnung "Modern Monetary Theory" ("Moderne Geldtheorie", MMT) vorerst noch vor allem in den USA ernsthaft diskutiert wird.

Besonders im Umfeld des Linkssozialisten und Möchtegern-Präsidentschaftskandidaten Bernie Sanders wird ernsthaft gepredigt, der Staat möge sich weitgehend grenzen- und folgenlos verschulden, die Notenbank könne ja unbegrenzt Dollars drucken und dem Finanzminister geben. Die junge demokratische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez etwa, der neue Superstar der US-Linken, macht sich zunehmend zur Advokatin dieser übergeschnappten Idee. Es dürfte leider nur eine Frage der Zeit sein, bis linke Politiker und ihre "embedded" Ökonomen und Publizisten das nach Europa und auch nach Österreich einschleppen. Denn die Vorstellung, einen "free lunch" bestellen zu können, für den niemand bezahlen muss, ist in diesem Milieu natürlich besonders beliebt.

Wer den heimischen wirtschaftspolitischen Diskurs halbwegs verfolgt, dem fallen sofort ein paar Kandidaten für den Job des "Austro-MMT-Gurus" ein. Aber man soll ja niemanden auf blöde Ideen bringen. Denn was die Jünger und Jüngerinnen dieses Todeskultes fordern, ist zwar vermutlich durchaus populär, vor allem unter den ökonomisch Unverständigen, aber bestens geeignet, eine Gesellschaft so nachhaltig zu ruinieren wie ein Weltkrieg.

Halbwegs konsequent zu Ende geführt, muss MMT nämlich zu einer ruinösen Inflation führen, die vor allem den Mittelstand und die "kleinen Leute" verarmen lässt. Das gilt besonders in offenen Volkswirtschaften wie der österreichischen und der europäischen: Je schneller die Notenpressen rotieren, umso geringer wird aus logischen Gründen der Außenwert einer Währung - und umso rascher steigen damit die Preise aller importierten Güter, was die Inflation nochmals befeuert.

Wir haben es, kurz gesagt, mit einem klassischen Fall von "Voodoo-Ökonomie" zu tun. Wenn nun in den USA - und wohl früher oder später auch bei uns - trotzdem wieder ernsthaft über solche Pfusch-Kuren debattiert wird, dann bestätigt das wieder einmal, was die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann geschrieben hat: "Die Geschichte lehrt uns zwar, aber sie findet keine Schüler."