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Der tschechische Boom

Von Klaus Huhold

Wirtschaft

Tschechiens Wirtschaft befindet sich im Aufwind. Das schlägt sich auch bei der Parlamentswahl nieder.


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Prag/Kolin/Wien. Der Güterzug, der am Bahnhof der Kleinstadt Kolin vorbeifährt, scheint kein Ende zu nehmen. Ein Waggon nach dem anderen rattert vorbei und beladen sind sie alle mit einer Art von Produkt: Autos, in verschiedenen Farben und verschiedenen Größen. Schwarz, blau, rot, grün, Kombis, Limousinen und Kleinwägen.

Die Szene sagt viel über die tschechische Wirtschaft aus: Der Industrieanteil ist hoch, viel Geld wird mit Exporten verdient. Große Mengen ins Ausland verkauft vor allem die Automobilindustrie. Skoda produzierte bereits vor dem Ersten Weltkrieg Autos (damals noch unter dem Namen Laurin & Klement) und ist mittlerweile eine VW-Tochter. Heutzutage betreiben auch viele andere namhafte Automobilhersteller ein Werk in Tschechien.

Die tschechischen Autobauer jagen von Rekord zu Rekord: 2016 haben sie 1,35 Millionen Fahrzeuge produziert, das war ein neuer Höchstwert. Im ersten Halbjahr 2017 haben sie erneut einen Gipfel erklommen und eine Dreiviertelmillion Fahrzeuge produziert.

So wie die Fahrzeugindustrie brummt die gesamte tschechische Wirtschaft. Sie wächst seit Jahren - um 5,3 Prozent im Jahr 2015, um 2,5 Prozent 2016 und auch für dieses Jahr werden rund vier Prozent vorausgesagt. Tschechien profitiert dabei auch von der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands. "Die Exporte gehen zu etwa einem Drittel dorthin", sagt der österreichische Wirtschaftsdelegierte Christian Miller der "Wiener Zeitung" bei einem Gespräch in seinem Prager Büro. "Und Deutschland ist derzeit die Konjunkturlokomotive Europas."

Die Erfolge der Exportwirtschaft haben für wichtige Impulse in der gesamten tschechischen Ökonomie gesorgt. Auch die Einzelhandelsumsätze stiegen in der Folge kräftig. "Die Konsumenten konsumieren, und die Unternehmen investieren", sagt Miller.

Verstärkt wurde dieser Effekt auch dadurch, dass die Regierung stabil blieb. Vier Jahre lang haben die Sozialdemokraten, die Partei ANO des Milliardärs Andrej Babis und die Christdemokarten ihre Koalition mit nur wenig personellen Veränderungen durchgehalten und bildeten damit für Tschechien eher die Ausnahme als die Regel.

Geringe Arbeitslosigkeit

Am Freitag haben die Tschechen begonnen, ein neues Parlament zu wählen. Bis Samstagnachmittag haben die Wahllokale geöffnet, dann folgen die ersten Ergebnisse. Dass die tschechische Wirtschaft so gut läuft, hat in der Wahlkampf-Debatte seinen Niederschlag gefunden. Nämlich darin, dass sozial- und wirtschaftspolitische Diskussionen kaum eine Rolle gespielt haben - während früher Themen wie Löhne oder die Finanzierung des Gesundheitswesens entscheidend waren.

Die Regierung hat nämich die günstige wirtschaftliche Lage genutzt, um Gehälter, etwa von Staatsbeamten oder im Gesundheitswesen zu erhöhen. Auch in der Privatwirtschaft steigen die Löhne.

Denn die Arbeitslosigkeit, die lediglich knapp über drei Prozent liegt, ist die geringste in der EU. "Es herrscht mittlerweile kein Fachkräfte-, sondern ein Arbeitskräftemängel", berichtet Miller. Dieser geht sogar so weit, dass Firmen einzelne Aufträge nicht mehr annehmen können. Für Arbeitnehmer bedeutet das aber, dass Firmen händeringend nach Personal suchen - und dementsprechend auch bereit sind, ihren Beschäftigten mehr zu zahlen.

Der Politikwissenschafter Dieter Segert betonte bei einer Podiumsdiskussion in Wien zudem, dass es in Tschechien kein allzu großes Wohlstandsgefälle gibt, das Land ist "sozial relativ ausgeglichen". Zudem verwies er auf einen weiteren Aspekt, warum die soziale Frage in den politischen Debatten wenig Raum einnimmt. Diese würde oft Roma betreffen, aber das seien die Außenseiter der Gesellschaft. Tatsächlich sind viele der Ärmsten Roma. Doch sie haben kaum eine Vertretung, ihre Stimme wird kaum gehört und dementsprechend kommen sie im Wahlkampf fast gar nicht vor.

Geschickte PR des Favoriten

Favorit bei den Parlamentswahlen ist die Partei ANO des Großunternehmers Babis, dem der Wahlsieg vorausgesagt wird. Er war Finanzminister, bis er im Mai dieses Jahres aufgrund von Steuerbetrugsvorwürfen dieses Amt niederlegen musste. Der Milliardär, der durch seinen Landwirtschaftskonzern Agrofert reich wurde, verkauft die Erfolge der Regierung geschickt als die seinen. Und er verspricht weitere Wohltaten, etwa höhere Pensionen, sollte er die Wahl gewinnen. Gegenüber der PR-Maschinerie von Babis haben die Sozialdemokraten das Nachsehen. Die Noch-Kanzler-Partei landet diesmal laut Prognosen hinter ANO. Auch die Oppositionsparteien, etwa die neoliberale ODS oder Top 09 von Ex-Außenministers Karel Schwarzenberg, liegen hinter der Milliardärs-Partei.

Welche Koalition Tschechien künftig regieren wird, ist unklar. Stimmen die Umfragen, wird wenig ohne ANO gehen. An der Wirtschaftspolitik und am Aufwärtstrend wird sich wohl so oder so wenig ändern. Das sind auch für die österreichischen Firmen gute Nachrichten. Uniqa, Erste Bank oder OMV - jede Menge Konzerne sind in Tschechien vertreten. Mittlerweile gibt es aber auch immer mehr Bewegung in die andere Richtung. So hat etwa heuer mit Alza der größte tschechische Online-Elektronikhändler in Wien Fuß gefasst.