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Der Verfall des Mittelstandes

Von David Ignatius

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Eine Gefahr für die freie Demokratie geht auch von der modernen, globalisierten Wirtschaft aus.


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Es ist bezeichnend für diese unsicheren Zeiten, dass jener Analytiker, der 1989, als das sowjetische Empire auseinanderfiel und Demokratie der freien Marktwirtschaft unumgänglich schien, "das Ende der Geschichte" ankündigte, nun ein neues Essay veröffentlicht mit dem provozierenden Titel "The Future of History" ("Die Zukunft der Geschichte"). Francis Fukuyamas Artikel in der Jänner-Ausgabe von "Foreign Affairs" bietet eine gute Einführung in das vielleicht wichtigste Thema 2012: den Verfall des Mittelstands in den USA und rund um die Welt. Ohne den Mittelstand, so Fukuyamas Argumentation, verliert die freie Demokratie ihren Anker.

"Schutz für den Mittelstand" ist ein mechanischer Slogan beider Parteien in den USA vor den Präsidentschaftswahlen. Aber laut Fukuyama kommt die Gefahr nicht von einer speziellen Steuer- oder Ausgabenpolitik einer Partei, sondern von der besonderen Dynamik der modernen, globalisierten Wirtschaft.

"Ungleichheit hat es immer gegeben", schreibt Fukuyama, "aber die technologische Welt von heute vergrößert diese Unterschiede in hohem Maße." Die wenigen Glücklichen "können Finanzgenies werden oder Software-Ingenieure und immer größere Anteile am nationalen Wohlstand einheimsen".

Fukuyama revidiert nicht seinen Enthusiasmus für freie Demokratie, er wirft jedoch die Frage auf, ob die Weltwirtschaft der Feind der Demokratie ist statt ihr Gehilfe. "Die Arbeit des früheren Mittelstands in den Industrieländern", warnt Fukuyama, "kann jetzt anderswo viel billiger verrichtet werden."

Fukuyama konstatiert wachsenden Zorn des US-Mittelstands gegen die Wall Street. Er beschreibt aber auch das Paradox, dass der Hauptnutznießer die Tea Party ist, die sich für den Status quo einsetzt, und nicht die dagegen ankämpfende "Occupy Wall Street"-Bewegung. Diese Dynamik zeigt sich auch in Europa, wo laut Fukuyama "die Linke blutarm ist und die rechten populistischen Parteien im Kommen sind".

Diese Kritik wird von "Foreign Affairs" als Herzstück der 90-Jahre-Jubiläumsausgabe hervorgehoben. Daneben stehen Auszüge von Artikeln seit der Ersterscheinung der Zeitschrift, insbesondere viele, die sich mit dem Aufstieg von Kommunismus und Faschismus als Reaktion auf die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre beschäftigen. "Was den Mittelstand betrifft", heißt es in einem Artikel aus dem Jahr 1932, der Adolf Hitlers wachsende Beliebtheit in Deutschland zu erklären versucht, "ist der Lebensstandard weit unter dem Vorkriegsniveau."

In einem Abschnitt, der auf schaurige Art den Artikeln aus den 1930er Jahren ähnelt, schreibt Fukuyama: "Viele Menschen bewundern heute das chinesische System, nicht nur für seine wirtschaftlichen Ergebnisse, sondern auch dafür, dass es große, komplexe Entscheidungen rasch treffen kann, verglichen mit der qualvollen politischen Lähmung, die die USA und Europa in den vergangenen Jahren befallen hat." Das ist ein Warnsignal - wenn Menschen bei einem totalitären Staat nach einem funktionierenden System Ausschau halten.

Übersetzung: Redaktion

Siehe Originalfassung "The imperiled middle class"