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Der verschwundene Kronprinz

Von WZ-Korrespondent Wu Gang

Politik

Chinas designierter Präsident Xi Jinping wurde seit zehn Tagen nicht mehr gesehen.


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Peking. Ausgerechnet die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel war es, die Chinas Vizepräsidenten und designierten Staatschef Xi Jinping zuletzt öffentlich gesehen hatte. Bei ihrem Staatsbesuch vor zehn Tagen deutete noch nichts auf eine Verstimmung oder Erkrankung Xis hin. Doch seitdem ist er verschwunden, und niemand scheint zu wissen, warum - eine offizielle Begründung für das Abtauchen gibt es nicht.

Es gilt bei den protokollbewussten Chinesen als höchst ungewöhnlich, Termine einfach zu verschieben oder sogar kurzfristig abzusagen. Doch innerhalb weniger Tage versetzte Xi nicht nur US-Außenministerin Hillary Clinton, auch die Regierungschefs von Singapur und Dänemark warteten vergeblich auf ein Treffen mit dem voraussichtlichen Nachfolger von Hu Jintao. Chinas Führung betrachtet die Gesundheit ihrer Politiker als Staatsgeheimnis, und das wiederum bietet Spekulationen und Gerüchten einen idealen Nährboden. So ist im Internet von einem Autounfall die Rede, sogar über einen Mordanschlag politischer Gegner wird spekuliert.

Beim Schwimmen verletzt?

Als wahrscheinlichste Variante gilt derzeit eine Information der Nachrichtenagentur Reuters, wonach sich der Vizestaatschef bei seinem täglichen Schwimmpensum am Rücken verletzt habe. Eine anonyme Quelle wird demnach mit den Worten zitiert: "Er ist krank, aber es ist kein großes Problem." Wie schlimm die Verletzung ist und wie es dazu kam, verrät der Informant allerdings nicht.

Die Kommunistische Partei Chinas trifft der Vorfall jedenfalls zur Unzeit, denn nach bisherigen Plänen sollte der Generationenwechsel an der Spitze am Parteitag in der zweiten Oktoberhälfte vollzogen werden. Nun fehlt in der heiklen Vorbereitungsphase ausgerechnet einer der wichtigsten Protagonisten. Erschwerend kommt hinzu, dass fast zeitgleich auch der oberste ZK-Kontrolleur für Parteidisziplin He Guoqiang, der auch im Politbüroausschuss sitzt, Opfer eines Autounfalls geworden ist. Auch das sorgte für Gerüchte, es hätte auf die beiden Spitzenpolitiker koordinierte Anschläge gegeben.

Zuletzt war die Partei durch diverse Skandale in Turbulenzen geraten, die kommenden Wochen sollten wieder Stabilität schaffen und für Ordnung sorgen. Dieses Ziel wurde in jedem Fall verfehlt, auch wenn Chinas populärer Mikro-Blogging-Dienst Sina Weibo derzeit die Suche nach Xis Namen blockiert und ausländische Fernsehberichte zu dem Thema zensiert werden.