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Der Wald, der Fluss und die Stadt

Von Markus Kauffmann

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Markus Kauffmann , seit 22 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.

Der Grunewald, ein riesiger Forst in der Metropole Berlin, ist größer als der Lainzer Tiergarten. Zu Mauerzeiten wurde er von Erholungssuchenden förmlich überlaufen. Und heute?


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Vor der Wiedervereinigung war der Grunewald das größte Naherholungsgebiet für die eingemauerten West-Berliner. An Wochenenden kam es deshalb oft zu Staus, verursacht von Seglern, Badelustigen, Wanderern, Reitern, Joggern, Hundebesitzern, Sammlern und Jägern und all den anderen Lufthungrigen. Nicht auszudenken, welchen Schaden die Grüne Lunge Berlins etwa durch einen Waldbrand genommen hätte. Rauchen war strikte verboten. Drei Brandmelder hielten die Augen offen, um das kleinste Feuer im Keim zu ersticken.

Heute vergisst man zuweilen, dass man sich in einer Millionenstadt befindet. Sieht man von dieser politisch bedingten Übernutzung ab, handelt es sich beim Grunewald um ein idyllisches Stück märkischer Landschaft - mit Mooren und Fennen, Seen und Sümpfen, sanften Hügeln und sandigen Senken. Sowie reicher Fauna und Flora: Gemeine Strandsimse, Flügel-Braunwurz, Nickender Zweizahn, Wasserschierling oder Europäische Seide, verschiedene Wasservogelarten und Amphibien, vor allem Erdkröten, Teich- und Seefrösche. Auffällig ist der artenreiche Bestand heimischer Laubgehölze. Im grundwassernahen Bereich stehen Schwarz-Erlen, Berg- und Feldahorn, Flatterulmen, Silber- und Bruchweiden. Im oberen Bereich wachsen Rot- und Hainbuchen sowie Kiefern. Wertvolle Eichenbestände sind an der Südwestseite des Grunewaldsees am Hang zu finden.

Eines der interessantesten Naturschutzgebiete ist die 13 Hektar große, 30 Meter tiefe Sandgrube des Grunewaldes. Hier baute man in den Nachkriegsjahren und bis 1983 märkischen Sand ab. Zurück blieb ein riesiges Loch, das aber von der Natur zurückerobert wurde und vielen seltenen Tier- und Pflanzenarten Heimat bot. Hier gibt es neben Magergraswiesen eine gigantische Düne, ein Paradies für Kinder. Nirgendwo sonst in Berlin finden sie einen solchen Berg aus Sand. Hier kann man runterrollen oder Burgen und Höhlen bauen. Kleine Naturforscher können mehr als 300 Pflanzenarten entdecken. Im Tümpel mit seiner einzigartigen Unterwasserflora leben zahlreiche Reptilien und Amphibien - Kaulquappen, Frösche, Libellen, die große Smaragdeidechse und die Ringelnatter, die einzige im Grunewald vorkommende Schlange, die bis zu 1,30 Meter lang wird.

Begeistert beschreibt ein Besucher den Forst: "Durchwandert der Berliner im Grunewald sich rinnenartig dahinziehende Täler und Senken, dann bewegt er sich auf Bodengründen, die ursprünglich von späteiszeitlichen Schmelzwasserläufen geformt und durchspült wurden. Heute umfängt ihn hier behagliche Waldeinsamkeit inmitten begraster Hänge mit Waldkräutern, Stauden, Farnpflanzen und Himbeerdickichten."

Nicht minder schön sind die Seen, die den Grunewald im Osten zur Stadt hin begrenzen und wie an einer Perlenkette aufgefädelt sind: Vom Nikolassee, Schlachtensee, Krumme Lanke, Riemeistersee zum Grunewaldsee und weiter zum Hundekehlesee. Die anschließende kleine Seenkette verläuft bereits durch bebautes Stadtgebiet und besteht aus den künstlich angelegten Seen Diana- und Koenigssee, sowie den natürlichen Gewässern Halen- und Lietzensee. Man kann übrigens an den Ufern der gesamten Kette entlang bis zum Nikolassee radeln.

Wie wertvoll dieser Wald für die Berliner ist, haben Volkswirtschafter und Naturschützer errechnet: 24 Millionen Euro könnten erzielt werden, würde man den Grunewald abholzen. Lässt man ihn aber stehen und bewirtschaftet ihn sorgfältig, so erbringt der Forst jährlich über 620 Millionen Euro Gesamtleistung, die ökologische mit eingerechnet.

Markus Kauffmann, seit rund 25 Jahren Wiener in Berlin, macht sich Gedanken über Deutschland.