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Der Zauber der Montur

Von Christina Mondolfo

Reflexionen
Barbara Streisand in Yentl
© imageforum

Der Geschlechtertausch auf der Bühne oder im Film ist ein beliebtes Mittel, um sowohl komische als auch tragische oder sozialkritische Inhalte in karikierender, überzeichnender oder dramatischer Form ans Publikum zu bringen. Interessanterweise bleibt die unterhaltende Komponente dabei jedoch meist den Männern vorbehalten.


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Wer kann die Szene aus Billy Wilders Kult-Klassiker "Some like it hot" jemals vergessen, in der Jack Lemmon und Tony Curtis als Damen verkleidet auf dem Bahnsteig stehen und der dahinstöckelnden Marilyn Monroe bewundernd nachschauen und herauszufinden versuchen, wie man mit solchen Absätzen überhaupt gehen kann? Und wie um zu beweisen, dass hier offensichtlich ein besonderes weibliches Gen im Spiel ist, das Männern fehlt, wackeln sie auf unsicheren O-Beinen der eben Bestaunten hinterher, um natürlich prompt ziemlich unelegant umzuknicken. "Manche mögens heiß" ist zwar der Klassiker schlechthin im filmischen Bereich des Geschlechtertausches, doch beileibe nicht der einzige, der gekonnt mit dem Zauber der Montur spielt.

Mehr als nur Kleider und Stöckelschuhe. Männer in textiler weiblicher Aufmachung werden heute zwar im Alltag meist misstrauisch beäugt und als abnormal empfunden - außer vielleicht Schotten in ihrem Kilt -, im Theater waren Männer in Frauenkleidern jedoch seit jeher ein vertrauter Anblick. Auf der Bühne, die Frauen bis zum Ende des 17. Jahrhunderts verboten war, waren es notgedrungen männliche Darsteller, die in Frauenrollen schlüpften und deren Aufmachung und Habitus darauf ausgerichtet war, eine perfekte Imitation zu erzeugen. Filmisch hat dieses Thema Regisseur Richard Eyre aufgegriffen, der dieser Zeit mit seinem Film "Stage Beauty" (2004), in dem Billy Crudup den auf Frauenrollen spezialisierten Edward "Ned" Kynaston gibt, ein wunderbares und überzeugendes Denkmal gesetzt hat.

Doch das Element des Geschlechtertausches, das in der Filmgeschichte seit ihren Anfängen gerne eingesetzt wird, hat einen ganz anderen Zweck: Mann oder Frau will etwas erreichen oder einer brenzligen Situation entkommen, was aber nur in der Rolle des jeweils anderen Geschlechts möglich ist oder erscheint. So wird etwa Dustin Hoffman als arbeitsloser Schauspieler Michael Dorsey zu "Tootsie" (1982), um an eine Fernsehrolle zu kommen, Robin Williams verwandelt sich in "Mrs. Doubtfire" (1993), um als Kindermädchen seinen eigenen Nachwuchs öfter sehen zu können, Heinz Rühmann und Peter Alexander verkleiden sich als "Charleys Tante" (1956 bzw. 1963), um ein Rendezvous mit zwei jungen Damen nicht zu verderben, und Jack Lemmon und Tony Curtis mutieren im bereits erwähnten "Manche mögens heiß" (1959) von Jerry und Joe zu Daphne und Josephine, um den Killern von Gangsterboss "Gamaschen-Colombo" zu entgehen.

Auch umgekehrt gibt es Beispiele, so tauschte Liselotte Pulver in der Rolle einer entführten Grafentochter im Film "Das Wirtshaus im Spessart" (1958) ihre Frauenkleider gegen Männerhosen, in "Wenn Mädchen ins Manöver ziehn" (1958) verkleiden sich Maria Sebaldt und Christine Görner als adelige Offiziere, ihre Freunde Harald Juhnke und Gunther Philipp aber als deren Frauen. Und alle vier müssen sich mit einem falschen Oberst, dargestellt von Grethe Weiser, auseinandersetzen. Sogar in den Zeichentrick hat der Geschlechtertausch Eingang gefunden: In "Mulan" verkleidet sich ein Mädchen als Mann, um die chinesische Armee zu verstärken.

Während es für Komödien, in denen Männer Frauen darstellen, genügend Beispiele gibt, lassen sich für den umgekehrten Fall weniger finden. In "Yentl" (1983) mit Barbra Streisand oder "Victor/Victoria" (1982) mit Julie Andrews geht es zwar auch darum, als Frau nicht das erreichen zu können, was man möchte, doch fehlt hier das komödiantische Element vollkommen.

Was jedenfalls die Komik der Verkleidung, im Besonderen von Männern, ausmacht, ist nicht die simple Tatsache, dass ein Mann eben Frauenkleider trägt, sondern die Art, wie er sie trägt und mit welchen weiteren Mitteln er versucht vorzutäuschen, eine Frau zu sein. Denn ein Kleid und Stöckelschuhe reichen nicht aus, um ein männliches in ein weibliches Individuum zu verwandeln, Stimme, Bewegung, Mimik, Gestik und allgemeines Verhalten sind geschlechtertypisch und daher zu berücksichtigen. An der wahren geschlechtlichen Identität der Protagonisten gibt es für den Zuschauer jedoch niemals den geringsten Zweifel. Um das komische Element zu verstärken, werden typisch männliche Verhaltensweisen zumindest in abgeschwächter Form beibehalten. Diese sind es dann auch, die den Verkleideten entlarven. Was aber nicht unbedingt bedeutet, dass das das Ende der Komödie ist. Denn wie schon Osgood Fielding III meint, als sich Daphne als Jerry outet: "Nun, niemand ist vollkommen!".