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Der Zauber von Olympia ist die Überraschung

Von Christoph Rella

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Man sollte sich dieser Tage der Berichterstattung über die Olympischen Spiele nicht ganz entziehen. Es gibt manches zu entdecken und zu lernen.


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Es soll ja Leute geben, die mit den Olympischen Spielen von Haus aus nichts anfangen können. Sei es, weil sie Sport generell nicht interessiert oder weil es hier - im Unterschied zu den Winterspielen zum Beispiel - für Österreich nichts zu holen gebe. Dass das so ist, hat nicht zuletzt die medaillenlose Teilnahme des ÖOC-Teams bei den vergangenen Spielen 2012 in London gezeigt. Wenigstens musste man damals nicht bis weit nach Mitternacht aufbleiben, um den Österreichern der Reihe nach beim Ausscheiden oder Belegen von 44. und 65. Plätzen zuschauen zu können. Dass die Schlafhormone mit Blick auf Rio nun nicht gerade dazu beitragen, in einem breiten Teil der heimischen Bevölkerung die große Olympia-Begeisterung zu entfachen, leuchtet da irgendwie ein.

So nachvollziehbar diese Einwände auch sein mögen, so ist es dennoch schade, wollte man sich mit aller Gewalt diesen Spielen zu entziehen versuchen. Warum? Erstens, des Überraschungsmoments wegen, wenn etwa einzelne Athleten oder Mannschaften, die auf dem Papier zunächst als schwächer oder gar chancenlos galten, plötzlich über sich hinausgehen und glänzende Siege über vermeintliche Favoriten einfahren. Und zweitens, weil man etwas Neues lernen kann.

Man nehme die jüngsten Ereignisse im Beachvolleyball als Beispiel. Hier waren Österreichs Athleten nach dem blamablen Aus beim Grand Slam in Klagenfurt, das so etwas wie eine Generalprobe für Olympia hätte sein sollen, mit einem schweren Rucksack nach Rio gereist. Wer sich aber am Montagabend gedacht hat, sich das scheinbar aussichtslose Antreten der beiden heimischen Herrenteams (mit Clemens Doppler/Alexander Horst und Alexander Huber/Robin Seidl) gegen die besten Beachvolleyball-Nationen der Welt, Brasilien und die USA, schenken zu können, der hat leider etwas Geiles versäumt. Nämlich nicht nur zwei gute Spiele, die mit Siegen endeten (und damit die Hoffnung auf das Achtelfinale beflügeln), sondern auch das hörbar überraschte Japsen des ORF-Kommentators, der sich vor Freude nicht mehr einkriegte.

Die zweite Überraschung, aus der man noch dazu etwas lernen konnte, lieferte am Wochenende das Frauen-Beachvolleyballteam aus Ägypten, seines Zeichens Afrika-Meister und einziger arabischer Vertreter in dieser in den 1920er Jahren in den USA erfundenen Sportart. Zwar haben die Damen Doaa Elghobashy und Nada Meawad das Auftaktspiel in der Gruppe D gegen Deutschland nicht gewonnen, dafür sorgten sie mit ihren an Burkinis erinnernden Sportanzügen (inklusive Kopftuch) medial für Aufsehen. Tatsächlich war das Bild, das die "Halbnackten" und die "Eingepackten", wie der Schweizer "Blick" süffisant titelte, auf dem heißen Copacabana-Sand abgaben, ein für manche westliche Beobachter sehr seltenes und auch ungewöhnliches. Und auch wenn sich vereinzelt Kritik und Häme regte, so transportierten doch diese Bilder auch die positive Botschaft der olympischen Idee, die in der friedlichen Begegnung aller Völker ihren Ausdruck findet - und das ohne Rücksicht auf Herkunft oder Religion. Ob Medaillen oder nicht, hie und da lohnt es sich doch, den Olympia-Kanal zu wählen. Bei den nahezu täglichen Terrornachrichten ist das auch so keine schlechte Idee.