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Des einen Freud ...

Von Julia Urbanek

Reflexionen

Angriff ist die beste Verteidigung: In den kommenden Wochen wird Österreich von König Fußball regiert. Man muss diesem Regenten ja nicht gleich mit Fahnen und Trompeten huldigen. Aber ein bisschen "Europhorie" darf schon sein. Das "Wiener Journal" zeigt, wo man mitfiebern kann, wenn der Fernseher zuhause schon besetzt ist.


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Wer bei den kommenden Wochen nur an Müllberge, betrunkene Fans und verstopfte Straßen denkt, hat sowieso schon verloren. Verloren hat wahrscheinlich auch bald die österreichische Nationalmannschaft, aber pssst: Wir wollen es nicht verschreien. Schreien wir lieber auf dem Fussballfeld, vor dem Fernseher, vor der Leinwand am Donaukanal oder im Kaffeehaus. Werfen wir uns in ein "Willkommen bei Verlierern"-T-Shirt, klemmen wir unser Panini-Album unter den Arm, malen uns ein paar bunte Streifen ins Gesicht und dann ab ins Getümmel. Vor der Euro 08 verstecken kann man sich sowieso nicht, die einzige Lösung heißt also: Offensive.

Wenn draußen die Fans toben, bevorzugen viele das Heimspiel vor dem eigenen Fernseher. Seit den vergangenen Jahren weiß man allerdings, dass ein Match auswärts - und sei es nur beim Wirt am Eck - ungleich mehr Spaß macht. Angebote, für die man die schwüle Wohnung gerne alleine lässt, gibt es während der kommenden Wochen jedenfalls genug: ob mit Sekt und Brötchen im Vip-Bereich oder mit Bier im Plastikbecher auf der Wiese - wichtig ist bis 28. Juni nur, was auf den vielen Leinwänden der Stadt passiert.

Kuschelkurs. Wer während der Euro am eigenen Leib spüren möchte, dass in Österreich tatsächlich gerade eine Menge los ist, wer also keine Angst vor Körperkontakt hat, ist wohl am besten in den großen Fanzonen aufgehoben. Hier wird auf engstem Raum gejubelt und gefeiert. Die großen Public-Viewing-Bereiche in Wien sind in der Fanzone auf der Ringstraße, auf der Kaiserwiese im Prater und in der BA-Halle im Gasometer. In der offiziellen Fanzone vom Rathausplatz über den Ring zum Heldenplatz werden sich über 70.000 Fans tummeln, auf dem 100.000 Quadratmeter großen Areal sind zehn große LED-Walls für die Übertragungen und 86 Gastronomiestände wie etwa ein riesiges Kaffeehaus aufgestellt. Auf der Kaiserwiese im Prater regieren andere Dimensionen - das Areal fasst 6000 Fans und neun Gastrostände. Clubbings soll es in der BA-Halle im Gasometer geben, nachdem die Spiele auf großen LED-Wänden übertragen wurden. Die wetterfeste Location fasst 4000 Fußballfans.

Sommer, Sonne, Sonnenschein. Der untergehenden Sonne entgegenträumen, mit den Füßen im Sand versinken und an einem Spritzer schlürfen - bis das Match beginnt. So sah während der WM 2006 das Programm in den Bars am Donaukanal aus. Die Schweiz hat sich für ihre Fans die Strandbar Herrmann bei der Urania gesichert und zum "Swiss Beach" mit rot-weißen Liegen, Raclette und Rösti umfunktioniert. Es gibt aber auch Alternativen: Das Adria Wien auf Höhe der Salztorbrücke lädt ebenfalls zum Miniurlaub samt Sandstrand mit Fußball und Snacks. Auch an der Summer-stage an der Roßauer Lände wird man die Euro auf großen Flatscreens verfolgen können. Ein Klassiker am Donaukanal: Im Flex (Abgang Augartenbrücke) kann man auch heuer wieder vor der Leinwand der Nachspielzeit und einer langen Nacht entgegenfiebern.

Ballkultur. Hat Fußball mit Kultur zu tun? In diesem Sommer definitiv. Wer vom runden Leder abends nicht genug bekommt, kann sich auch untertags in kühlen Museen damit beschäftigen. Etwa im Künstlerhaus in der Fußballausstellung "herz:rasen", die noch bis 20. Juli läuft. Wer hier freitags zwischen 16 und 18 Uhr mit seinem Panini-Album oder

Pickerln aufkreuzt, kann diese nicht nur gleich tauschen, sondern auch gratis die Ausstellung besuchen. Ein paar Meter weiter zeigt das Wien Museum, "Wo die Wuchtel fliegt": Noch bis 3. August kann man hier nachverfolgen, in welchen "Gstätten" und Stadien in Wien Fußball gespielt wurde. Sogar im Kunsthistorischen Museum huldigt man König Fußball mit Sonderausstellungen wie den "schönsten Fouls der Kunstgeschichte".

Fußball im Alltag: Und wem die 90-minütigen Spiele alle paar Tage nicht reichen, der kann sein ganzes Leben auf Fußball umstellen: Vom Klopapier mit Sprüchen von Toni Polster bis zu Blumenvasen in Form eines Fußballs ist jetzt alles Mögliche und Unmögliche zu erstehen. Mit dem Kochbuch "Das Stadion kocht" (Hubert Krenn Verlag) kann man jeden Abend das Nationalgericht einer anderen Mannschaft auftischen und wer sich dabei noch stilecht kleiden möchte, bekommt mit speziellen T-Shirts die Gelegenheit: Auf www.zugastbeiverlierern.at antwortet eine junge Designerin auf Deutschlands WM-Hymnus "Zu Gast bei Freunden". "Zu Gast bei Verlierern" auf Leiberln, Taschen und Kappen - gesunder Pessimismus hat noch niemandem geschadet. Man kann dann ja immer noch überrascht werden.