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Deutliches "Non" zur Burka in Frankreich

Von WZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Politik

Mögliches Verbot frühestens im März. | Künstlerin testete Leben als Verhüllte: "Es war die Hölle". | Paris. Unsichtbar wollte sie sein und nicht mehr den Blicken der anderen ausgesetzt. Am eigenen Leib erfahren, wie es sich anfühlt, sich verhüllt in einer Burka auf den Straßen von Paris zu bewegen. Einen Monat lang trug die französische Künstlerin Bérengère Lefranc einen Ganzkörperschleier, der nur einen Sehschlitz für die Augen übrig ließ. Und fühlte sich alles andere als unsichtbar. "Ab dem ersten Schritt, den ich nach draußen machte, starrten mich alle an. Ich fühlte mich wie ein Hummer im siedenden Wasser." Ihre Eindrücke hielt sie nun in einem Buch fest. Es sind verstörende Eindrücke: "Es war die Hölle", bekennt die 40-jährige Atheistin.


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Gute Verkaufszahlen sind ihrem Erlebnisbericht gewiss, der Zeitpunkt für die Veröffentlichung könnte nicht geschickter gewählt sein. Am Dienstag hat eine parteiübergreifende Parlamentskommission den Abgeordneten der französischen Nationalversammlung den Abschlussbericht ihrer Untersuchung vorgestellt. Nachdem sie sechs Monate lang Politiker, Juristen, Historiker, Soziologen, Frauenrechtlerinnen und Religionswissenschafter angehört haben, gaben sie nun Empfehlungen für den Umgang mit der Vollverschleierung in Frankreich ab. Sie solle zwar nicht verboten, Burka-Trägerinnen aber der Zugang zu öffentlichen Gebäuden wie Behörden, Schulen und Krankenhäusern untersagt werden. Busse und Bahnen sollten sie nicht mehr befördern.

Gezählte 367 Frauen, geschätzte 2000

Ein Bußgeld von 750 Euro, wie es Jean-François Copé, Fraktionschef der konservativen Regierungspartei UMP, vorschlägt, gilt allerdings als nicht praktikabel, ebenso wenig wie die Überlegung, Einbürgerungsanträge vollverschleierter Frauen abzulehnen. Eine endgültige Entscheidung fällt wohl erst nach den Regionalwahlen im März.

So bleibt umstritten, wie man nun mit der Burka verfahren soll. Die einen, darunter auch Präsident Nicolas Sarkozy, lehnen sie als Zeichen der Unterdrückung der Frau ab; andere mahnen mehr Toleranz ein. Zwar tragen sie laut Schätzungen der Polizei im ganzen Land höchstens 2000 Frauen, der Geheimdienst zählte gar nur 367. Als Ausdruck einer radikalen Form des Islam symbolisiert sie allerdings den ungeklärten Umgang mit der Religion und Kultur der fünf Millionen Muslime im laizistischen Frankreich, das Religion und Staat strikt trennt. Zwei Drittel der Franzosen wünschen sich laut Umfragen ein Anti-Burka-Gesetz.

Die Ablehnung kann Lefranc bestätigen. Ihren Selbstversuch begann sie im vergangenen Juni, zwei Wochen bevor ein kommunistischer Lokalpolitiker die aufgeregte Debatte anstieß. Eine Freundin schneiderte ihr das Kostüm für die künstlerische "Performance". Diese erinnert an die verdeckten Recherchen des Journalisten und Autors Günter Wallraff, der kürzlich als Schwarzafrikaner verkleidet die Reaktionen der Deutschen testete. Leute zeigten mit dem Finger auf sie oder feindeten sie offen an, erzählt Lefranc. Sie habe sich isoliert gefühlt. Von einem Anti-Burka-Gesetz hält sie nichts. "Wer diesen Leidensweg freiwillig auf sich nimmt, tut das wirklich aus persönlichen Gründen. Diejenigen, die unter die Burka gezwungen werden, bedaure ich aus tiefstem Herzen." Diese Frauen würde ein Verbot noch mehr von der Gesellschaft ausschließen.