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Deutsch-Völkische in der Hofburg

Von Stephan Grigat

Gastkommentare
Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Universität Wien und Autor von "Fetisch & Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus".

Der rechtsextreme WKR-Ball im Sitz des Bundespräsidenten zeigt: Österreich und Deutschland gehen unterschiedlich mit ihrer NS-Vergangenheit um.


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Jenseits von FPÖ und BZÖ setzt Österreich in den vergangenen Jahren vorsichtige Schritte in Richtung einer Anpassung der anachronistischen postnationalsozialistischen Normalität an die modernisierte Variante des Postnazismus, wie sie aus der Bundesrepublik Deutschland bekannt ist. Während man in Österreich immer noch mit klassischen Abwehrreaktionen rechnen muss, wenn die NS-Vergangenheit thematisiert wird, kann man in Deutschland den Fernseher gar nicht mehr einschalten, ohne dass einem ein Historikerdarsteller wie Guido Knopp etwas über "Hitlers Frauen", "Hitlers Helfer" oder "Hitlers Krieger" erzählt: Über alles zu reden, um ja nichts zu begreifen - das ist Vergangenheitspolitik im heutigen Deutschland. In der Folge des "Gedankenjahres" 2005 scheint man mittlerweile aber auch in Österreich zunehmend zu merken, dass dies im Vergleich zum antiquierten Verharmlosen, Verdrängen und Beschweigen eine zeitgemäßere Form der Auseinandersetzung mit dem alten und neuen Nazismus darstellt.

Die Tatsache jedoch, dass jemand wie Martin Graf als Mitglied der Burschenschaft Olympia, die Neonazis und Holocaustleugner zu Vorträgen und Gesangsabenden nach Wien eingeladen hat, im Jahr 2008 mit SPÖ- und ÖVP-Stimmen zum dritten Nationalratspräsidenten gewählt werden konnte, illustriert, dass zwischen Österreich und Deutschland weiterhin beträchtliche Unterschiede bestehen, wenn es darum geht, die Positionierung gegenüber der nationalsozialistischen Vergangenheit in den Dienst aktueller Politik zu stellen. Dass Graf weder nach seiner Bezichtigung des Präsidenten der Israelitischen Kulturgemeinde, Ariel Muzicant, als "Ziehvater des antifaschistischen Linksterrorismus" im Jahr 2009 noch nach dem Bekanntwerden der Nazi-Kontakte seiner Mitarbeiter zurücktreten musste, hat das nochmals bestätigt.

Insofern ist es alles andere als überraschend, dass sich in Österreich am 27. Jänner, dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, die postnazistischen Erben der NSDAP in der Hofburg zur Ballsaison einfinden werden, wenn auch voraussichtlich zum letzten Mal.

So wie in den vergangenen Jahren werden sie auf Einladung des Wiener Korporationsringes, in dem mehrere nicht nur vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands als rechtsextrem eingestufte deutsch-völkische Burschenschaften zusammengeschlossen sind, das Tanzbein schwingen - was in etwa so wäre, als würde in der Bundesrepublik die NPD ihren Parteitag am 9. November im Berliner Schloss Bellevue, dem Sitz des deutschen Bundespräsidenten, abhalten.

Verständlicherweise werden wohl Hunderte, wenn nicht Tausende zu den Protesten gegen den WKR-Ball kommen und gegen die freiheitlichen Burschenschafter und deren europäische Bündnispartner demonstrieren. Zu wünschen wäre nur, dass sich beim nächsten Empfang eines iranischen Holocaust-Leugners durch die österreichische Bundesregierung ebenso viele zu öffentlichen Demonstrationen veranlasst sehen.