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Die alte Angst vorm bösen Wolf

Von Karoline Schmidt

Wissen

Der Wolf ist zwar kein ganz ungefährliches Tier, aber die tief sitzende menschliche Furcht vor ihm ist dennoch irrational.


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Sie wollen uns einschüchtern, verängstigen, bedrohen: Wölfe. Oder Menschen: "Nachtwölfe", nationalistische russische Biker; "Graue Wölfe", rechtsextreme türkische Nationalisten; "einsame Wölfe", sich selbst radikalisierende und terroristische Einzeltäter; "Werwölfe", Geisteskranke, die vom Wahn einer körperlichen Transformation in einen meist Menschen mordenden Wolf befallenen waren, oder denen man dies unterstellte. Später nannten sich die nationalsozialistischen Freischärler so.

Wenn Menschen sich gegen ihresgleichen wenden und Angst auslösen wollen, nutzen sie auffallend häufig und über die Jahrhunderte hinweg den Wolf als Alter Ego. Warum gerade ihn? Weil Wölfe Menschen angreifen? Diese Antwort ist einfach, aber falsch: Menschen fallen schlichtweg nicht in das Beuteschema von Wölfen, wir sind unberechenbar und das Risiko ist für den Wolf zu hoch. Anders als Pferde oder Rinder verteidigen sich Menschen seit jeher unvorhersehbar, und auch ohne Schusswaffen sind bewaffnete Erwachsene einem einzelnen Wolf meist überlegen. Selbst der berühmte riesige Wolf von Gévaudan im Languedoc konnte von fünf Kindern mit eisenbeschlagenen Stöcken vertrieben werden. Freilich gab es für Menschen tödliche Begegnungen mit Wölfen, aber unsere geradezu panische Angst vor dem Wolf ist völlig irrational. Wären wir je seine Beutetiere gewesen, wir hätten ihn nie zum Hund domestiziert.

Warum also fürchten wir uns gar so sehr vor dem Wolf? Eine handschriftliche Chronik berichtet, dass im Jahre 1555 in Erfurt für einige Wochen ein Wolf "den Weibsleuten nachlief, sie herzte und drückte, ihnen aber keinen Schaden that; doch erschreckten manche vor ihm, dass sie totkrank davon wurden". Na, so was!

Der kleine Schafdieb

Die unbestritten größte Bedrohung für den Menschen sind andere Menschen. Aber muss nicht der Wolf zumindest annähernd so bedrohlich für uns sein oder zumindest gewesen sein, damit die Lebensweisheit "Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf" seit 2200 Jahren gelten kann? Wer sich die Mühe macht, das Bonmot in der lateinischen Komödie "Asinaria" von Plautus im ursprünglichen Wortlaut nachzulesen, sieht, dass es der Kaufmann ist, der mit der Begründung "Lupus est homo homini" dem frechen, ihm unbekannten Sklaven sein Geld nicht anvertraut. Hätte man Wölfe statt der Bullen und Bären (die im tatsächlichen Leben für Menschen eine weit größere Gefahr als Wölfe sind) an der Börse - jegliches Vertrauen in die Finanzmärkte wäre dahin.

Der Wolf steht bei Plautus also lediglich für ein nicht vertrauenswürdiges Gegenüber, für einen Dieb. Und genau das ist der Wolf: mit 50 cm Schulterhöhe ein eher kleiner Schafdieb. Doch unsere tiefsitzende Angst vor dem Wolf liegt nicht nur an 2000 Jahren Christentum, in dem die Identifikation des Menschen mit dem Schaf eine besondere Rolle spielt. Schafe waren, nachdem wir sesshaft geworden waren und die Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation gezogen hatten, unser erstes Eigentum. Der Wolf ist der erste Dieb, der in den neu geschaffenen Bereich der Zivilisa-
tion eindringt, die Besitzverhältnisse stört und damit die soziale Ordnung der Gesellschaft bedroht. Denn ein Dieb stiehlt mit dem Eigentum ja einen Teil der Persönlichkeit des Eigentümers. Auch heute fühlen wir, dass Diebe, die unsere intimen Daten aus den Lagerräumen im Cyberspace stehlen, Macht über uns haben. Diebe durchbrechen die Regeln, auf denen eine Gemeinschaft aufgebaut ist - sei es die traditionelle Dorfgemeinschaft, sei es das Global Village im World Wide Web.

Anhand zahlreicher germanischer Stammesrechte weist der Jurist und Historiker Walter Koschorreck sehr plausibel nach, dass diese Sicht auf den Wolf als Dieb maßgeblich die Gesetze im frühen Mittelalter bestimmt hat, Gesetze, die, wie etwa der "Sachsenspiegel", teilweise bis weit ins 19. Jahrhundert gültig waren.

Ein Dieb stiehlt Vertrauen, die Grundlage einer Gemeinschaft, ist also ein im Wortsinn gemeingefährliches Wesen, und bietet sich damit als Identifikation jener an, die die Gesetze der menschlichen Gemeinschaft negieren. Nicht nur Diebstahl und Raub, auch Inzest, Verwandtenmord, Treulosigkeit, Falschspielerei, Religionsfrevel - alles, was das Zusammenleben und die Wahrung des Eigentums gefährdete, galt als wölfische Eigenschaft.

In der frühen Vorstellung benehmen sich Diebe, Mörder und Frevler nicht nur wie Wölfe, sie sind Wölfe. Sie müssen Wölfe in Menschengestalt sein, denn echte Menschen können aufgrund ihrer Menschennatur solch böse Verbrechen einfach nicht begehen. "Ich fürchte, die Natur selbst hat dem Menschen einen Zug Unmenschlichkeit eingepflanzt" - auch Montaigne kann es nicht anders ausdrücken. "Menschlich" ist bis heute ausschließlich positiv formuliert. Die alten Griechen haben den Wolf trefflich charakterisiert: Autolykos - der leibhaftige, wahre Wolf - ist der Meisterdieb der griechischen Mythologie, der Großvater des listen- und lügenreichen, des hinterhältig-bösartigen Odysseus.

Der friedlose Dämon

Wölfe sind kluge Jäger, sie schlagen häufig unbemerkt zu, können in Schafpferche eindringen und stehlen oftmals nachts. Der heimliche Diebstahl hat etwas Dämonisches. Ein Dieb, der uns unbemerkt die Uhr vom Handgelenk stiehlt, oder das unerkannte Eindringen von Hackern oder staatlicher Bespitzelung in unsere digitale Privatsphäre sind zweifellos beklemmend und bedrohlich. Der Wolf, der wölfische Verbrecher, ist im prälogischen und mythologischen Denken ein Dämon, den man aus der Gemeinschaft vertreiben muss: er wird friedlos. Als Friedloser muss er ein Wolfshaupt tragen und wird Wolfskopf gerufen. Der Friedlose ist ein einsamer Wolf. Mit Steinen, diesen naheliegenden ersten Fernwaffen, wird er von der gesamten Gemeinschaft in den sozialen und irgendwann auch in den realen Tod geschickt.

Später lernte man, mit den Berührungsängsten vor dem Dämonischen umzugehen, durch Binden der Hände die bösen Kräfte zu bannen, und konnte es wagen, den Dämon zu ergreifen und zu töten. Doch wie tötet man einen Dämon? Blut reinigt und lässt ihn aus dem Körper entkommen. Also hängt man ihn. Hängen ist die Strafe für den Dieb, für den wölfischen Verbrecher. In Hessen mussten sogar Gänse, die fremde Felder plünderten, am Galgen gehängt werden. Ohne Kontakt zum Boden, je schändlicher die Tat, desto höher, denn der Boden gibt dem Dämon Kraft, wie auch gewisse Geister, die zwischen Holz und Rinde sitzen. Deshalb muss es ein toter oder entrindeter Baum sein, besser noch ein "Wolfsbaum": so wurde der Galgen auch genannt.

Um die Umstehenden vor dem bösen Blick zu schützen, wurden dem Verurteilten die Augen mit Wolfsfell oder einer Wolfskappe verbunden und neben ihn wurde ein Wolf gehängt - nicht als Symbol, sondern weil er der Gehängte in seiner eigentlichen Gestalt war. Denn wie die Götter kann auch der Dämon doppelgestaltig auftreten, kann gleichzeitig als Mensch schlafen und als Wolf sein Unwesen treiben - eine logisch zwingende Beweisführung, der in den Werwolfprozessen keiner entkam.

Durch das Hängen geht der Wolfsdämon nur in einen anderen Seinszustand über. Um wahrhaft tot, um ausgelöscht zu sein, muss er sich auflösen. Deshalb muss er hängen, bis er verwest ist. So ließ man die Gehängten den Wölfen und Raben zum Fraß vom Galgen baumeln. Wölfe, die daran fraßen, fraßen einen Dämon. Hungrige Wölfe, die auch die Leichen notdürftig verscharrter, ehrbarer Christenmenschen ausgruben, bestätigten mit dieser Blasphemie ihr teuflisches Wesen. Falls kein gehängter Mensch zu Hand war, hat man Wölfe in Kleider gesteckt und an spezielle "Woluisgalgin" gehängt.

Die Grenze zwischen Mensch und Wolf ist fließend. Nicht nur bei Werwölfen, dieser in der Antike und dann wieder im späten Mittelalter kulturell bedingten und religiös gelenkten Geisteskrankheit, die mit dem Abklingen des Hexenwahns wieder verschwand. Ein Grenzgänger ist der Wolf auch, wenn er leibhaftig in das Zentrum menschlicher Zivilisation einbricht: 1423 und nochmals 1439 tauchen Wölfe mitten in Paris auf, einer ummauerten Stadt mit 200.000 Einwohnern. Das ist eine Katastrophe im wahrsten Sinn des Wortes, eine "Umkehr der Ordnung". Zumal sich gegen Ende des Hundertjährigen Krieges die vor der Stadt marodierenden, unbesoldeten Kriegsbanden blutrünstiger als Wölfe gebärden. Wölfe in der Stadt symbolisieren eine Bedrohung all dessen, was uns als zivilisierte Menschen definiert: Haustiere, Stadtmauern, "menschliches" Verhalten. Und machen uns nicht auch die Wölfe der Gegenwart, die "Einsamen", die "Grauen", die "Nachtwölfe" deshalb so besonders Angst, weil sie unsere kulturellen und gesellschaftlichen Werte bedrohen?

Die beklemmende, tiefgehende Angst vor dem Dämonischen, das man auf den Wolf übertragen hat, die Angst vor dem terroristisch und anarchistisch Bösen bekämpft der Mensch seit jeher mit Grausamkeit und Folter. Kein anderes Tier haben Menschen so genussvoll gequält und so sadistisch getötet wie den Wolf. Die existenzielle und spirituelle Angst schlug in Verachtung, Abscheu und Hass um, sobald man des Wolfes habhaft geworden war - keineswegs nur bei einzelnen Sadisten, das war der gesellschaftlich anerkannte Umgang mit dem Wolf. Nur Andersgläubige, Andersdenkende, Andersseiende werden von menschlichen Gemeinschaften dermaßen grausam behandelt. Der Mensch ist dem Wolf ein Mensch.

Falsche Identifikation

Menschen, die als "Wölfe" in unserer Gesellschaft leben und die soziale Ordnung bedrohen wollen, beabsichtigen, die uralten Ängste vor dem Dämon Wolf in uns wach zu rufen. Wollen wir ihnen diesen Trumpf lassen? Die "Nachtwölfe" sind nichts anderes als zwei Dutzend durchgeknallte Biker. Und einzelne Terroristen sollten wir nicht als "einsame Wölfe" bezeichnen, auch wenn sie sich selbst so nennen. "Der einsame Wolf als Retter" - unter diesem Titel publizierte die Zeitschrift "Nature" 2002 eine Forschungsarbeit, die belegt, wie vorteilhaft sich ein zuwandernder einzelner Canis lupus auf die genetische Variation kleiner, isoliert lebender Wolfsrudel auswirkt. Wölfe, die echten, vierbeinigen sollten ein Copyright auf ihren Namen haben. Der Mensch ist dem Menschen nicht Wolf - nur Mensch. Das ist dämonisch genug.

Karoline Schmidt, geboren 1962, ist Zoologin und Humanbiologin. Sie verfasste zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen, v.a. zum soziokulturellen Umgang mit Wildtieren; lebt als freie Wildbiologin in Niederösterreich.