Die Anmaßung

Von Christian Ortner

Gastkommentare

Was passiert, wenn man in Österreich die "Cancel Culture" thematisiert.


Armin Wolf, ein bekannter ORF-Journalist, der in den Sozialen Medien ganz gerne die Rolle des Generalerziehungsbevollmächtigten der Republik und ihrer Bürger einnimmt, hat jüngst dem angesehenen Philosophen Konrad Paul Liessmann eine öffentliche Rüge erteilt. "Diese älteren weißen Männer sind derartige Schneeflocken", twitterte Wolf, "lauter Opfer, ständig beleidigt und verletzt."

Den Unmut des Generalerziehungsbevollmächtigten zugezogen hatte sich der Philosoph mit einem Text im Magazin "Pragmaticus" (Compliance-Hinweis: Ich schreibe dort auch), in dem er mit der sogenannten "Cancel Culture" abrechnete. Also der Unsitte, Meinungen, die als unerwünscht gelten, einfach keinen öffentlichen Raum mehr zu geben. "Ein Furor hat das geistige Leben der westlichen Welt erfasst, der vor nichts haltmacht. Es geht den Aktivisten nicht darum, sich mit fragwürdigen Positionen, unbequemen Denkern, widersprüchlichen Kunstwerken kritisch oder polemisch auseinanderzusetzen, sondern man will Menschen zum Schweigen und Dinge zum Verschwinden bringen, man will eliminieren, durchstreichen, beseitigen." (Liessmann)

Die renommierte liberale Publizistin Anne Applebaum hat dazu 2021 im Intellektuellen-Magazin "Atlantic" einen längeren Essay unter dem Titel "Die neuen Jakobiner" publiziert, in dem sie die Folgen dieser Unkultur beschrieb. Darin berichtet sie von "Menschen, die alles verloren haben - Jobs, Geld, Freunde, Kollegen -, obwohl sie gegen keine Gesetze oder Arbeitsregeln verstoßen haben. Stattdessen haben sie soziale Regeln gebrochen (oder werden beschuldigt, diese gebrochen zu haben), die mit Rasse, Geschlecht, persönlichem Verhalten oder sogar akzeptablem Humor zu tun haben."

Erfahrungsgemäß ist es nur eine Frage der Zeit, bis dergleichen auch in Europa mit gleicher Wucht ausbricht. Geht es beispielsweise nach dem neuen "Duden", sagt man nicht mehr "Juden". Der Begriff sei diskriminierend, behauptet die Redaktion des Wörterbuches, und soll daher "gecancelt", also aus dem zulässigen Vokabular gestrichen werden.

Das ist natürlich blanker Unfug, liegt aber schwer im Zeitgeist.

Berechtigt ist trotzdem der Einwand, dass sich Stimmen wie die von Thilo Sarrazin, Henryk Broder oder anderen, die quer zum Üblichen liegen, nicht eben über einen Mangel an Öffentlichkeit beklagen können; tun sie ja auch nicht.

Darüber, wie groß das Problem hierzulande ist, kann man also durchaus kontrovers streiten.

Befremdlich und unangemessen ist aber die derbe Vehemenz, mit der ausgerechnet der Journalist Wolf einen Kübel Hohn und Spott über den bekanntesten Philosophen des Landes ausschüttet, noch dazu derart ad hominem und auch inhaltlich unzutreffend, weil Liessmann sich in dem Text nicht im Geringsten als "verletztes Opfer" darstellt.

Da drängt sich schon die Frage auf: Warum kann man in diesem Land nicht einmal einen Essay publizieren, ohne sich von einem mittels öffentlich-rechtlicher Funktion reichweitenstarken Generalerziehungsbevollmächtigten öffentlich als "beleidigter alter Mann" schelten lassen zu müssen? Oder sieht so der Beginn einer "Cancel Culture" aus?