Die Anti-Roma-Stimmung in Böhmen eskaliert

Von WZ-Korrespondentin Alexandra Klausmann

Europaarchiv

Protestzug am Samstag in Varnsdorf. | Neonazis marschieren mit.


Varnsdorf. Kaum haben die Kirchenglocken die fünfte Nachmittagsstunde eingeläutet, kommt Bewegung in die Menge. Langsam zieht sie die Hauptstraße des nordböhmischen Städtchens Varnsdorf hinunter. Aus den Nebenstraßen der kleinen Altstadt stoßen weitere Gruppen zum Demonstrationszug: Familien mit Kindern, der hilfreiche Mann von nebenan, junge Mädchen, die sich heute extra schick zurechtgemacht haben. Man trifft sich, lacht und winkt sich zu. Als in der langsam anschwellenden Masse die ersten Rufe laut werden, wird klar, dass es sich hier nicht um ein fröhliches Familienwandern handelt. "Zigeuner zur Arbeit", schreit eine Gruppe Jugendlicher und kichert los. Ihr Lachen wird übertönt von einem weiteren Ruf aus der Masse. "Zigeuner ins Gas."

Es brodelt im "Schluckenauer Zipfel", dem Stückchen Böhmens, das zwischen Elbsandstein- und Lausitzer Gebirge nach Sachsen hineinragt. Als Anfang August eine Gruppe junger Roma in einer Bar in Nový Bor, unweit von Varnsdorf, drei "weiße" Tschechen mit Macheten überfiel und schwer verletzte, war der Siedepunkt erreicht. Seitdem sind Demonstrationen im ganzen "Zipfel" an der Tagesordnung, die sich nur mit Hilfe der Bereitschaftspolizei nicht in Pogrome auswachsen. "Wir haben keine Probleme mit den Roma, die seit jeher hier leben, es sind die Neuankömmlinge, die uns hier das Leben schwer machen. Vor denen haben wir Angst", sagt Karel, ein Automechaniker, der demonstriert, um an die Behörden zu appellieren. Die reagieren mit einer Erhöhung der Polizeipräsenz im Ort, die das Ventil des Volkszorns weiterhin zuhalten soll.

Kriminalität nimmt zu

Seit über einem Jahr ziehen immer mehr Roma in diesen wohl abgelegensten Winkel der Republik. Zu Hunderten sind sie in die Städte des Zipfels gezogen: Varnsdorf, Rumburk, Nový Bor. Seitdem stieg die Kriminalität dort um 20 Prozent an, Taschendiebstähle gar um 37 Prozent. "Täglich werden hier Leute überfallen", sagt Irena aus Varnsdorf, die mit ihrem Sohn zum Demonstrieren gekommen ist. "Wir trauen uns inzwischen kaum noch auf die Straße, meinen Sohn kann ich nicht mehr allein zur Schule lassen", schimpft sie. "Und dabei war das hier immer so ein ruhiges Fleckchen", fällt ihr eine junge Frau ins Wort.

Inzwischen ist die Menge an einem Roma-Wohnheim angekommen. Das heruntergekommene Haus wird von einer Hundertschaft Bereitschaftspolizisten geschützt. "Last uns durch", schreien die Demonstranten. "Ihr schützt die Schwarzen, aber wo seid Ihr, wenn wir Euch brauchen", tönt es wütend aus der Menschenmasse. Jemand stimmt die tschechische Nationalhymne an: Kde domov muj - Wo ist meine Heimat?

Eine Frage, die sich auch die Roma stellen könnten. Seit Jahren werden sie von Immobilienspekulanten herumgereicht. Denn ein Mietshaus, in dem Roma leben, ist sein Geld kaum wert. Die überwiegende Mehrheit der Tschechen lehnt Roma als Nachbarn ab. Immobilienfirmen, manche reden gar von einer organisierten Immobilienmafia, locken die Roma mit Abfindungen von ein paar Tausend Euro sowie dem Versprechen, ihre Schulden zu begleichen, aus den Häusern. Zuerst aus den Altbauten Prags in die Kreisstädte. Und seitdem die Wohnungspreise dort auch steigen, in den Schluckenauer Winkel. Dort haben die Immobilienhaie ganze Wohnblöcke gekauft, in die sie Roma aus anderen Städten verfrachten. Besonders stark besiedelt war der "Schluckenauer Winkel" seit der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg nie. Und seitdem die traditionelle Textilindustrie vor ein paar Jahren zugemacht hat, gibt es hier noch mehr billigen, freien Wohnraum.

Die Mafia zockt ab

Wie zum Beispiel das ehemalige Hotel Sport in Varnsdorf. In dem vergammelten Haus stapeln sich die Menschen. "Früher wurden hier geklaute Lkw ausgeladen", flüstert ein Nachbar. "Jetzt machen die Besitzer, zwei Brüder, Geld mit den Roma." Eine Wohngeldpauschale von 13.000 Kronen, 520 Euro, sollen sie pro Kopf direkt vom Sozialamt erhalten. Dafür pferchen sie ganze Familien auch in die eigens umgebauten Garagen.

Die Menschenmenge, die an diesem Spätsommersamstag vor dem "Hotel" wütet, zieht langsam ab. Es ist Zeit fürs Abendessen, und bald beginnen die Samstagsshows im Fernsehen. An den Bereitschaftspolizisten, die das verkommene Haus mit einem Kordon abriegelten, war kein Vorbeikommen. Für diesen Samstag sind weitere Demonstrationen geplant. Mit hoher Beteiligung kann gerechnet werden: Am Donnerstagabend überfiel eine Gruppe junger Roma eine 48-jährige Frau, beraubte sie und beschimpfte sie als "weißes Schwein". Die Neonazis von der "Arbeiterpartei für soziale Gerechtigkeit" wollen die Unruhen im "Zipfel" für sich instrumentalisieren: Sie meldeten gleich drei Märsche an.