Zum Hauptinhalt springen

"Die Armen mussten zuerst dran glauben"

Von Ines Scholz Wien

Politik

· Viele Jahre gab es in Chile sowas wie ein kleines Wirtschaftswunder. Das Bruttosozialprodukt (BSP) wuchs jährlich bis zu rund 8 Prozent, ein wahrer Boom, der zwar eher denen zugute kam, | die schon reich waren, als jenen, die es am dringendsten nötig hatten. Doch bot er auch vielen sozial Schwachen Möglichkeiten, sich durch Gelegenheitsarbeiten halbwegs über Wasser zu halten. Mit der | Asienkrise fand der hoffnungsvolle Aufschwung ein jähes Ende, und es waren die Ärmsten, die dies am stärksten zu spüren bekamen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 24 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

In seiner Diözese Temuco im Süden von Chile, der ärmsten Region des Landes, versucht Bischof Sergio Contreras Navia, den Betroffenen zu helfen, so gut er kann. Unterstützt wird er dabei

auch vom Hilfswerk der Katholischen Jungschar, die im Rahmen der Dreikönigsaktion 2000 in Österreich auch heuer wieder von Tür zu Tür gehen wird, um für ihre Projektpartner in der Dritten Welt um

Gaben zu bitten.

"Die Wirtschaftssituation in Chile verlangt von der Kirche, sich der Situation der Armen und Ärmsten anzunehmen", ist Bischof Contreras, der im Vorfeld der Sternsingeraktion in der Vorwoche

von der Katholischen Jungschar nach Wien eingeladen wurde, überzeugt. Dass sich die Lage nach dem kleinen Wirtschaftswunder der vergangenen Jahre drastisch verschlechtert hat, dokumentierte der seit

dreißig Jahren in der katholischen Arbeiterbewegung und in Sachen Menschenrechte engagierte Befreiungtheologe mit handfesten Zahlen.

So sank, bedingt durch die Asienkrise, die Wachstumsrate von 7,6 Prozent im Vorjahr auf 3,1 Prozent (Stand: Mai 1999). Die Arbeitslosenrate stieg von 5 Prozent im Jahr 1997 bis September 1999

um 6 Prozentpunkte auf 11 Prozent an. Die Importe fielen bis zu Juni im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent, die Handelsverkäufe gingen um 6 Prozent zurück, die Industrieproduktion schrumpfte um 1,2

Prozent, dder Umsatz der Bauwirtschaft sank gar um 37,4 Prozent. Die Zinssätze der Banken wurden in Folge der Wirtschaftskrise von rund 6 Prozent auf 14 Prozent angehoben · und das in einem Land, in

dem 70 Prozent der Bevölkerung verschuldet sind. "Eine Besserung ist nicht absehbar", für das kommende Jahr wird eine Wirtschaftswachstum von 3 Prozent prognostiziert, weiß der Bischof zu berichten.

Obwohl die Zahl der Armen durch den ökonomischen Aufschwung von 1990 bis 1996 von 4,4 Millionen auf 3,2 Millionen zurückgegangen war, hatten damals bereits 17,8 Prozent des 15-Millionen-

Volkes in größter Bescheidenheit gelebt. 4,7 Prozent der Gesamtbevölkerung gehörten gar zum Kreis der extrem Armen · 10,6 Prozent sind es heute. Sie fristen ihr Dasein in den unwirtlichsten

Landstrichen oder den trostlosen Slums der Großstädte und haben oft nicht einmal ein Dach über dem Kopf.

"Schon vor der Asienkrise stellte die ungleiche Verteilung das größte Problem in Chile dar", merkt Bischof Contreras kritisch an. Das ärmste Fünftel der Bevölkerung erhält in Chile gerademal 4,1

Prozent des Gesamteinkommens, während das reichste Fünftel der Chilenen 56 Prozent der Einkommen bezieht · also mehr als die Hälfte. Eine weitere Ursache liegt in der mangelnden Solidarität der

Reichen mit den Armen.

Die sozialpolitischen Auswirkungen sind verheerend: Nur noch wenige Berufsgruppen sind heute noch stark genug, ihre Forderungen · auch medienwirksam · durchzusetzen. Die (Land-)Arbeiter/Innen

der Großkonzerne und Industriebetriebe zählen nicht dazu.

Heute auf dem Land zu leben, bedeutet Armut

Im ländlichen Bereich, wo neben den "weißen" Landarbeitern auch die indigene Bevölkerung um ihre Rechte kämpft, kommt es immer wieder zu Gewaltakten. Das sind aber meist Verzweiflungstaten, "um

die Aufmerksamkeit der Medien zu erregen".

"Heute in Lateinamerika auf dem Land zu leben bedeutet Armut", erklärt Mario Rivas Diaz, Leiter des Sozialreferats der Diözese Temuco. Die Mapucho-Indianer, die in der südlichen Provinz um Temuco

etwa 60 Prozent der ländlichen Bevölkerung ausmachen, kämpfen dort verzweifelt gegen die Interessen der multinationalen Großkonzerne" · vorwiegend gegen die Forstbetriebe und

Kraftwerksbetreiber. "Sie sind heute diejenigen, die sich der Marginalisierung und Armut am meisten zur Wehr setzen", erklärt Mario Rivas. Die Mapuche gehören wegen ihres heftigen Widerstands zum

letzten Indianerstamm Lateinamerikas, der von den spanischen Kolonialtruppen unterworfen wurde.

Auch der globale Feldzug der Lebensmittelkonzerne macht vor Chiles Hinterland nicht Halt. Durch die Öffnung der Märkte finden die eigenen Nahrungsmittel keinen Absatz mehr. Weizen etwa wird heute

viel billiger importiert, ebenso Milch. Die Bauern bleiben auf ihren Produkten sitzen. Die Folge ist eine massive Abwanderung in die Städte, wo die Verslumung bereits jetzt enorme Ausmaße erreicht

hat.