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Die Begegnung von Traum und Wirklichkeit

Von Eva Stanzl

Wissen
Selbstporträt des Heinrich von Angeli.
© Wikimedia Commons

Biografische Erzählung über den Maler Heinrich von Angeli führt von Historizismus zu Jugendstil anhand einer Begebenheit.


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Traum und Wirklichkeit, Wien 1870-1930" hieß eine Ausstellung im Wiener Künstlerhaus, die im Jahr 1985 einen Wendepunkt in der Gestaltung österreichischer historischer Großausstellungen markierte. Erstmals mit Nachbauten, Modellen und Ensembles inszeniert, schien sie auch für das Image und die Neudefinition Wiens als europäische Metropole von Bedeutung.

Was den 620.000 Besuchenden aber wohl am eindrücklichsten in Erinnerung blieb, ist der durch die Gestaltung lebendig gemachte Übergang vom Historizismus zum Jugendstil, anhand von Design-Originalen aus den Wiener Werkstätten, Beschlüssen der Secession, Entwürfen von Architekten wie Adolf Loos oder Otto Wagner und Originalskizzen und Tafelbildern.

Auf einer persönlichen Ebene lässt sich die Epoche nun in einem neuen Buch nachvollziehen. "Heinrich von Angeli: Ein paar Tage im Sommer 1924" ist eine biografische Erzählung über einen für Viele heute vielleicht in Vergessenheit geratenen, aber zu seiner Zeit äußerst bekannten und populären Porträtmalers, der die berühmtesten Vertreter von Adel und Bürgertum bildlich verewigte.

Begegnung als Rahmen

Das Buch entführt seine Leserinnen und Leser auf eine Reise ins ausgehende 19. Jahrhundert aus dem Blickpunkt der 1920er Jahre. Es begegnet Angeli über die Erzählung einer Begebenheit im Jahr 1924, in deren Rahmen die Journalistin Alice Schmutzer (1884 bis 1945) für ihren Arbeitgeber, die "Neue Freie Presse", ein Feuilleton über den Maler schreiben möchte, der zu diesem Zeitpunkt in seinem letzten Lebensjahr stand. Damit die Recherche, wie Angeli sagt, "nicht zu langweilig" sei, bietet er an, Alice Schmutzer zu porträtieren. In den Sitzungen blickt der 84-jährige Künstler im Gespräch mit der um 44 Jahre jüngeren Publizistin auf eine Zeitenwende zurück, in der die Praxis der Wiederholung der alten Stile mit dem Ziel, diese sogar in Perfektion zu übertreffen, eine Gegenbewegung ausgelöst hatte. Der neue Stil der Secessionisten stand in starkem Kontrast zur Kunst der Gründerzeit und wandte sich explizit von ihr ab.

Heinrich von Angeli, geboren 1840 als Sohn eines Hoteliers in Ödenburg (Sopron), begann als Kopist im Stile des Historismus. Die Historienmalerei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts "ist ein Rückgriff auf die Renaissance, vielfach die heroisierende Wiedergabe historischer Ereignisse", sagt Buchautor Wolfgang Pfarl in einem Beitrag des Senders Ö1. Nach ‚erhebender‘ Malkunst, wie sie genannt wurde, habe es durchaus Bedarf gegeben. Die Revolutionen 1948 in Frankreich, Deutschland und Österreich waren niedergeschlagen worden "und ein wirtschaftlicher, technologischer, wissenschaftlicher Aufschwung in unerwarteten Dimensionen setzte ein".

Es begann die boomende Gründerzeit, deren Künstler nicht weit genug ausholen konnten. Etwa zeichnen sich die Gemälde von Hans Makhart, repräsentativer Maler der Ringstraßenepoche, durch riesige, akribisch ausgearbeitete Formate aus. Auch Angeli gewann Auszeichnungen mit derartigen Gemälden. Berühmt wurde er jedoch 1973 auf der Weltausstellung in Wien für seine Porträts. Seine Bildnisse der Mitglieder der bedeutendsten Herrscherhäuser, von Kaiser Franz Joseph über Kronprinz Rudolph bis Queen Victoria, brachten ihm den Beinamen "Fürstenmaler" ein.

Im Buch analysieren Angeli und Schmutzer verschiedene Aspekte der diametral zu einander stehenden kulturellen, geisteswissenschaftlichen und gesellschaftlichen Positionen der Zeit. Heraus kam zwar kein Feuilleton, jedoch möglicherweise das letzte Porträt Angelis. Heute hängt es bei Alice Schmutzers Nachkommen, ein Werkverzeichnis seiner Gemälde existiert nicht.

Die Darstellung in dem reichlich bebilderten Band beruht auf üppig vorhandenem Archivmaterial. Pfarl, der sein Berufsleben in der Papierindustrie verbracht hat, aber stets publizistisch tätig war, hat das Archiv im Besitz seiner Ehefrau Inés, geborene Angeli und Urenkelin des Malers, bearbeitet. Die Zeugnisse reichen von Originaldokumenten über Briefe, Fotos, Radierungen und Berichte im "Illustrierten Wiener Extrablatt" oder der "Wiener Zeitung" bis hin zu zahlreichen Abbildungen aus der Palette der mehr als 700 Gemälde des Malers.

Anhand von Begebenheiten, Gesprächen und Ereignissen, vom Kartenspielen im Café Prückel über Diskussionen über die Medienlandschaft der Zeit bis zu Beschreibungen der damals üblichen Gepflogenheiten bietet das Buch vielfältige Einblicke in das damalige Leben. Gleichermaßen nicht von einem Zeitzeugen geschrieben, gibt es doch einen authentischen Einblick in die Epoche des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts.

Steigende Geschwindigkeit

Zu erfahren ist auch, warum Angeli die Architektur von Adolf Loos ablehnte und die Porträtkunst von Oskar Kokoschka liebte, was er an Picasso mochte und ihm an den Kubisten missfiel, oder dass er Kronprinz Rudolph schätzte, jedoch seine Mutter Sisi keineswegs. Hans Makart habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass er für Historienmalerei "nicht die ausreichende Fantasie" hätte, was seinen Fokus der Porträtmalerei öffnete.

Spürbar ist auch die zunehmende Geschwindigkeit einer Epoche, in der Kunststile sich ablösten, die Motorisierung Fahrt aufnahm, das politische System umgestürzt und die Republik zu errichten war. Assoziationen zu den durchgreifenden Umwälzungen der Gegenwart liegen nahe. Dass der Adelstitel des Males im Buchtitel steht, erklärt der Republikaner Pfarl damit, dass dieser "sich durchaus über das Verbot der Adelsprädikate hinweg setzen konnte, zumal er ein Künstler mit Namen war".

Sachbuch

Heinrich von Angeli: Ein paar Tage im Sommer 1924

Wolfgang Pfarl

Verlag der Apfel, 280 Seiten