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Die Beladenen

Von Gerhard Lechner aus Jaroslaw

Politik
Großer Grenzverkehr: Um Zoll zu sparen, werden selbst riesige Warensendungen auf viele einzelne "Einkäufer" aufgeteilt. Diese haben dann aber immer noch viel Gepäck.
© WZ / Gerhard Lechner

Eine Zugfahrt von Minsk nach Lemberg zeigt, wie unterschiedlich sich Weißrussland und die Ukraine seit Sowjet-Zeiten entwickelt haben.


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Jaroslaw. Den Stempel. Wie konnte man ihn nur vergessen. Das wichtigste Utensil der verblichenen Sowjetunion. Die Allzweckwaffe, die alle Unbill seitens des übermächtigen Staates - zumindest manchmal - abzuhalten vermag. "Wo haben Sie Ihre Registrierung?", fragt der weißrussische Grenzbeamte um eins in der Früh im Nachtzug von Minsk ins ukrainische Lemberg. "Registrierung? Welche Registrierung?" "Sie sagen, Sie haben in Brest im Hotel übernachtet. Dafür braucht es eine Registrierung auf Ihrer Migrationskarte. Sehen Sie, hierher gehört ein Stempel. Und ich sehe keinen Stempel." "Und was sollen wir jetzt tun?" "Aussteigen und mit uns mitkommen", sagt der Beamte mit der übergroßen Tellermütze. Die Hoffnung, dass die manchmal helfende Hand der Korruption die Situation retten könnte, verfliegt in Zeiten von Körperkameras bereits vor dem Versuch. "Sie haben gegen das Gesetz der Republik Belarus verstoßen. Und Gesetz ist Gesetz. Sie können schon weiterfahren. Aber mit dem nächsten Zug."

Beinahe hätte man Alexander Lukaschenkos "Staat fürs Volk", wie der belarussische Präsident sein autoritäres Staatsmodell nennt, schon schätzen gelernt. Sicher, das Land ist eine lupenreine Diktatur. Der Staatschef hat vollen Zugriff auf den gesamten Machtapparat und lenkt den Staat von seiner Präsidialadministration aus. Lukaschenkos Herrschaft nimmt sogar - ähnlich wie in den zentralasiatischen Staaten - monarchische Züge an. Sein erster Sohn Wiktor hat im allmächtigen Sicherheitsapparat eine Schlüsselrolle inne. Sein zweiter Sohn, der noch minderjährige kleine Nikolaj, soll zum Nachfolger aufgebaut werden. Er nimmt an fast allen Terminen des Präsidenten teil, auch bei Militärparaden, auch beim Treffen mit Christine Lagarde, der Chefin des Internationalen Währungsfonds. Die weißrussischen Medien sorgen mit einer Jubelberichterstattung für die nötige gute Stimmung im modernisierten Sowjet-Freilichtmuseum Belarus - gerade jetzt vor den anstehenden Präsidentenwahlen am 11. Oktober. Und berauschend erfolgreich kann man die Bilanz des seit 20 Jahren regierenden Lukaschenko auch nicht nennen: Das Wirtschaftswunder der 2000er Jahre endete in der Krise, der weißrussische Rubel wurde mehrfach abgewertet. Millionär zu werden ist in Weißrussland allzu leicht.

In Weißrussland ist es nicht nötig, Ärzte zu bestechen

Und dennoch: Die aus westlicher Sicht reformfeindliche Haltung des Präsidenten hat der Bevölkerung von Belarus jene schlimmsten Verwerfungen der Post-Sowjet-Ära erspart, wie sie die russische und ukrainische Bevölkerung in den 1990er Jahren erleiden musste. Der weißrussische Staat sorgt halbwegs für die soziale Sicherheit der Bevölkerung. Das Gesundheitssystem funktioniert, die Bürger haben es nicht nötig, Ärzte für ihre Leistungen zu bestechen wie in der benachbarten Ukraine.

Die Korruption im Land hat bei weitem nicht jenes Ausmaß wie in Moskau oder gar in Kiew erreicht. Und es hat sich auch keine Kaste von Oligarchen herausgebildet, die den Staat wie einen Selbstbedienungsladen plündert. Die vergleichsweise volleren Kassen wirken sich für die Normalbürger positiv aus: Die Straßen sind weitgehend frei von den sonst üblichen Schlaglöchern, die Züge, auch die kleinen Dieselzüge, sind behutsam modernisiert. Die Gehälter und Pensionen sind bescheiden, werden aber ausgezahlt.

Erreicht wird diese Ordnung durch Druck von oben, durch staatlich angeordnete Disziplin, ganz wie in der UdSSR. Lukaschenko sieht sich als "Hosjain doma", als Hausherr, der sein Volk morgens weckt und abends zu Bett bringt. Sinnsprüche von ihm sind auch in der Grenzstation bei Pinsk zu finden, etwa der, dass die Grenzbeamten die Visitenkarte der Republik Belarus darstellen.

Der Eintritt in die Ukraine ist wie eine kalte Dusche, ein Übergang in eine andere Welt. Der ukrainische Dieselzug entbehrt jeden Komforts, statt halbwegs bequemer Sitzmöglichkeiten gibt es Holzbänke, auf denen sich die Menschen drängen. Der vor Schmutz starrende Zug hat sich seit der Sowjetzeit bereits beträchtlich abgenutzt. Die Fenstergläser sind eher milchig als durchsichtig. Vor allem aber die Menschen bieten ein Bild des Elends.

Zwar haben sich einige auch unter den schweren Bedingungen, die im Land derzeit vorherrschen, die typisch ukrainische Fröhlichkeit bewahrt. Doch die meisten Menschen in dem Zug wirken abgekämpft und ausgelaugt, ihre Kleidung ärmlich. Sie blicken apathisch und resigniert auf die vorbeiziehende ukrainische Landschaft mit ihren einfachen, aber schönen Häusern.

Trotz der wundervollen Herbstsonne will keine Idylle aufkommen. Es handelt sich um keine Freizeitfahrt. Vor allem viele Frauen haben, so scheint es, in Weißrussland groß eingekauft: Im Zug stapeln sich in Plastik eingepackte Waren und Rollen von Stoffen bis hinauf zur Decke. Die Passagiere stolpern durch den Gang, der Eingang in den Waggon ist mit Stoffrollen verstellt. Der letzte Schrei im Grenzhandel scheinen Kuschelhunde in der Höhe von Schaukelpferden zu sein. Die Kinderspielzeuge, mit denen sich freilich nicht schaukeln lässt, werden hineingestopft, wo noch Platz ist. Sie haben bei den ukrainischen Einkäufern, die gar nicht so aussehen, als hätten sie so viel Geld, rasenden Absatz gefunden.

Enttäuschung über das Leben nach der Revolution

"Die Sache ist relativ einfach", klärt eine freundliche Frau auf, die Mariana heißt. "Nicht wir haben diese Waren gekauft. Ein Mann hat sie gekauft. Und der will natürlich keinen übermäßigen Zoll zahlen. Also lässt er viele "Einkäufer" rufen, die die Sachen über die Grenze bringen. Dafür bekommen wir immerhin ein paar Grivna, um unsere kärgliche Pension oder unser Einkommen aufzubessern. Und die beträgt derzeit nur etwa 40 Euro im Monat." Und tatsächlich: Bald gehen Frauen durch den Zug, die die Gelder auszahlen, und es hebt ein lautstarkes Hauen und Stechen um die paar ukrainischen Grivna an, die das Weiterleben irgendwie erleichtern.

"He, das ist meine Rolle!", brüllt eine Mittvierzigerin. Die Frau, die durchgeht, fragt: "Wem schulde ich noch was? Aljona?" - "Nein, mir!", wird sie unterbrochen. Bei der ersten Station nach der Grenze wird alles hektisch, die Waren werden ausgeladen, die Stoffrollen und -hunde verschwinden, dafür steigen noch mehr Menschen ein. Abgekämpft sind auch sie. "Nach der Revolution auf dem Maidan haben wir gehofft, jetzt wird es vielleicht besser. Aber nein, es ist alles nur zweimal schlimmer geworden", sagt Mariana. Das Leben im ukrainischen Polesse-Gebiet ist ein ständiger Überlebenskampf.

Das ist es auch für Oleh. Der etwa 60-Jährige sitzt im Bahnhof in Zdolbuniv bei Rivne. Er tut im Grunde nichts. Er redet mit Menschen. Und er träumt von noch einer Revolution in der Ukraine, von einem neuen Maidan. Ganz wie der Taxifahrer Serhij.

Ob der ukrainische Patriotismus immer noch so groß sei wie einst, jetzt, nach über einem Jahr Krieg? "Der Patriotismus ist sehr, sehr groß in der Ukraine", meint der junge Mann, während er sein Auto durch die Nacht lenkt. Auch er ist für einen neuen Maidan. "Derzeit leidet vor allem das einfache Volk", sagt er. "Die Leute sterben, und für was? Es hat sich doch nichts zum Positiven verändert", sagt Serhij. Es bräuchte eine Revolution, die endlich die Ukrainer an die Macht brächte. Dieser Ansicht ist auch Oleh, der einen Zeitungsartikel vorzeigt, der Präsident Petro Poroschenko als von Moskau gekauft beschreibt. Die Schuldigen an der ukrainischen Misere hat Oleh schon gefunden: "Wir werden doch von Fremden beherrscht", orakelt er. "Von Juden." Mit dem Oligarchen-Unwesen müsse Schluss gemacht werden. Die Sehnsucht nach der harten Hand, die durchgreift, ist groß.

Als Vorbild für diese harte Hand wird von vielen Ukrainern ausgerechnet Lukaschenko gesehen. Sowohl bei den prorussischen Rebellen in der Ostukraine als auch bei den ukrainischen Freiwilligenverbänden ist der weißrussische Präsident hoch angesehen. Dass er die Opposition unterdrückt, dass es in Belarus keine freien Wahlen gibt, wird ihm eher angerechnet als vorgehalten. Sie sehen in ihm den starken Mann, der die Oligarchen bändigt und dem Volk zu seinem Recht verhilft. Angesichts des Ukraine-Kriegs sind auch in Weißrussland selbst Lukaschenkos Aktien gestiegen. "Wir haben keinen Krieg hier. Wir haben Brot, wir haben Milch. Wir leben. Ein bisschen arm, aber wir leben", meint ein weißrussischer Taxifahrer.