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Die beste Zentralbank mit einer der härtesten Währungen der Welt

Von Andreas Kubin

Gastkommentare
Andreas Kubin ist seit drei Jahrzehnten spezialisiert auf internationale Finanzmärkte, Wirtschaftspolitik sowie Fundamentalanalysen über börsennotierte Unternehmen und Privatinvestor. Er war 25 Jahre Beamter im Staatsdienst und etwa 15 Jahre in der Privatwirtschaft tätig.
© privat

Was das Direktorium der Nationalbank der Schweiz besser macht als die meisten Zentralbanken.


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Eine Analyse der "Entscheidungsfindung zur Aufteilung des Vermögens auf verschiedene Anlageklassen" (im Fachjargon: "Asset Allocation") von "Devisenreserven und Frankenanleihen" der Schweizerische Nationalbank (SNB) fördert folgendes zu Tage: Die EZB kauft kurz gesagt im Vergleich zur SNB beträchtlich viele "Schrottpapiere" im Zuge ihrer zahlreichen Ankaufprogamme, die gemäß eingehender Finanzanalysen nicht jenen fairen inneren Vermögenswert aufweisen wie Papiere von erfolgreichen Aktiengesellschaften.

Nur auf den ersten Blick blieb die Vermögenszuteilung von Devisenreserven der SNB, was Aktien betrifft, gleich hoch. Prozentual verändert sich diese eine gewisse Zeit lang nicht mehr. Noch Ende des 3. Quartals 2020 lag sie bei 20 Prozent. Bei genauerer Analyse springt ins Auge, dass der monetäre Wert des weltweit gestreuten Aktienanteils im SNB-Portfolio dennoch gewaltig anstieg. Doch nicht nur das, nun stieg auch der prozentuale Aktienanteil der Schweizer Devisenreserven, wie von manchem bereits antizipiert, auf beachtliche 25 Prozent.

Hoher Aktienanteil an Devisen

Springen wir zurück in die Vergangenheit: 10 Prozent von 189 Milliarden Schweizer Franken im Jahr 2011 machen einen Aktienanteil an den Devisenreserven von 18,9 Milliarden Franken in der SNB-Bilanz aus. Die "Wirtschaftswoche" schrieb am 17. Mai 2013: "Die Schweizerische Nationalbank hat ihren Aktienbestand erhöht. Anfang April 2013 steckten 15 Prozent ihrer Devisenreserven in Aktien, das waren Beteiligungen für knapp 67 Milliarden Franken (54 Milliarden Euro)." Bei Devisen handelt es sich um Zahlungsmittel beziehungsweise Forderungen, die auf Fremdwährungen lauten und im Ausland unmittelbar eingelöst oder zur Zahlung verwendet werden können, mit Ausnahme von Bargeld beziehungsweise Valuten.

Das englischsprachige Online-Medium "Zerohedge.com" hob am 7. Mai 2015 unter dem Titel "‚Mystery‘ buyer of stocks in the first quarter has been identified" ("‚Geheimnisvoller‘ Käufer von Aktien im ersten Quartal wurde identifiziert") hervor, dass 18 Prozent des Vermögens der SNB in ausländischen Aktien gehalten werden. Um es präziser zu definieren: Die SNB besaß damals somit Anteile an 2.548 speziell in den USA notierten Aktiengesellschaften im Gegenwert von damals 37 Milliarden US-Dollar.

In der Bilanz der SNB waren per 31. Dezember 2019 Devisenanlagen in Höhe von 794 Milliarden Franken ausgewiesen. Prozentual sieht die Steigerung auf damals 20 Prozent nach gar nicht so viel aus. Man muss jedoch beachten, von welcher Summe prozentual ausgegangen wird. 2019 machten 20 Prozent von 794 Milliarden Franken eine Veranlagungssumme von 158,8 Milliarden Franken in internationalen Aktien aus.

Im September 2020 betrugen diese Devisenanlagen bereits 176,8 Milliarden Franken. Auch, weil der Aktienanteil an den Devisenreserven damals bei 20 Prozent lag. Dem Leser dürfte bezüglich der Stärke des Franken spätestens jetzt ein Licht aufgehen. Per Ende Juni 2022 betrugen die Devisenanlagen der SNB schon 884,4 Milliarden Franken. Im Jänner 2022 waren sie sogar kurzfristig bis auf den Rekordwert von 976 Milliarden Franken angeschwollen. Demnach stieg deshalb die gesamte Veranlagungssumme der SNB in internationale Aktien insgesamt auf den Rekordstand von beachtlichen 221,1 Milliarden Franken (Stand: Juni 2022), da der Aktienanteil an den Devisenreserven nun schon 25 Prozent ausmacht.

Dividenden für die SNB

Besonders stark investiert ist die SNB an der Wall Street. Per Report vom 30. Juni 2022 hält die Swiss National Bank alleine am Nasdaq 2.817 Aktienpositionen (Ende September 2020 waren es erst 2.427) zum Marktwert von 161,35 Milliarden US-Dollar (gegenüber 138,99 Milliarden Dollar Ende September 2020). Nun, da die Bilanzsumme der SNB immer weiter ansteigt, spricht man hier von "bilanzverlängernden Auswirkungen" auch durch das "Drucken" von Schweizer Franken.

Gleichzeitig generiert die SNB mit dieser klugen Anlagestrategie weiteres Vermögen, denn sie kassiert die Dividendenausschüttungen der Unternehmen, an denen sie beteiligt ist. Diese bewirken gleichfalls eine weitere Bilanzverlängerung. Am Rande bemerkt besitzt die SNB natürlich schon auch "Gold und Forderungen aus Goldgeschäften" im Ausmaß von 58,07 Milliarden Franken (Stand: 30. Juni 2022).

Betrachten wir demgegenüber nun die EZB und das Verbot der monetären Staatsfinanzierung in der Eurozone. Schon im Juni 2020 warnte Thorsten Polleit, Chefvolkswirt der Degussa, Honorarprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth und Adjunct Scholar am Ludwig von Mises Institute in Auburn (USA), erschreckend deutlich: "Die unbequeme Wahrheit lautet: Ohne die monetäre Staatsfinanzierung durch die EZB und die nationalen Euro-Zentralbanken droht der ‚Euro-Systemkollaps‘. Anders gesagt: Der nominale Erhalt des Euro und der wirtschaftlichen und politischen Strukturen, die er hervorgebracht hat, wird ohne Verstoß gegen das Verbot der monetären Staatsfinanzierung nicht möglich sein. Das muss nicht nur Zweifel an der künftigen Kaufkraft des Euro wecken. Denn wenn das Ziel, die Staaten um jeden Preis flüssig zu halten, alle anderen Ziele beginnt zu überlagern, dann werden auch die Grundlagen der freiheitlichen Gesellschaft und Wirtschaft aufgehoben."

Kein Verwässern der Währungen

Gleichzeitig warnen zahlreiche Experten vor einem derartigen Verwässern der Währungen schon alleine, weil es mit Enteignungen bei angespartem Geldvermögen einhergeht. Ob uns ein solches Negieren von Expertenwissen auch in der europäischen Geldpolitik, nicht eines Tages ganz schön auf den Kopf fallen wird?

Höchst interessant wäre nun herauszufinden, wie das Direktorium der SNB in Zukunft zu agieren gedenkt. Denken wir an die Zeit zurück, wo man den Euro nicht stärker werden ließ als bei 1,2 Franken. Offensichtlich sind die Eidgenossen nicht mehr gewillt, den Franken zu verwässern. Man wirft nun nicht mehr ungeheure Mengen an Franken auf den Markt, nur um die eigene Währung zu schwächen. Sehr gut! Mittel- und längerfristig wird es sich eines Tages sowieso als die bessere Strategie erweisen. Sehr spannend und aufschlussreich wird es auf alle Fälle bleiben, die Zuteilung (Allokation) der SNB-Devisenreserven weiterhin scharf im Auge zu behalten.

Wer sich also von seinem Euro-Ersparten auch später noch halbwegs etwas anschaffen will, genauso wie damals in Schilling- oder D-Mark-Zeiten, sollte in Betracht ziehen, vielleicht einen Teil des hart ersparten Kapitals in Schweizer Valuten (sprich Banknoten) auf die hohe Kante zu legen. Dieser Gastkommentar stellt aber freilich keine Aufforderung zum Kauf von Valuten dar. Jedermann muss sich bewusst sein, dass auch Währungen untereinander Schwankungen unterliegen.