Die blinden Flecken der Pandemie

Von Martin Tschiderer

Politik

Österreich weiß zu wenig über wichtige Details des Infektionsgeschehens, denn vorhandene Daten werden kaum verknüpft. Aber welche Informationen bräuchte es konkret? Und warum fehlen sie bisher?


Auch die dritte Corona-Welle dürfte hierzulande ihren Höhepunkt überschritten haben. Infektions- wie Auslastungszahlen der Intensivbetten gehen, langsam aber doch, zurück. Neben den vielen Tests steigt nach schleppendem Beginn nun auch die Zahl der Geimpften stetig. In einem weiteren Bereich, der für die Eindämmung der Pandemie entscheidend ist, hapert es hierzulande aber deutlich, wie Expertinnen und Experten schon lange kritisieren: bei der Datenlage zu Infektionen und deren Hintergründen.

Durch sinnvoll verknüpfte Gesundheitsdaten wäre etwa nachvollziehbar, welche Berufsgruppen besonders ansteckungsgefährdet sind; wie sehr bestehende Vorerkrankungen oder die Einnahme von Medikamenten den Covid-19-Verlauf beeinflussen; oder wie oft Schulkinder ihre Eltern anstecken und umgekehrt. Ebenso ließe sich etwa herausfinden, welchen Anteil einzelne Maßnahmen wie die FFP2-Maskenpflicht oder der Gastro-Lockdown beim Rückgang des Infektionsgeschehens hatten.

Dieses Wissen könnte entscheidend sein, um auch die Ausläufer der Pandemie zielgerichtet zu bekämpfen - und eine etwaige vierte Welle im Herbst bereits im Keim einzudämmen. Dieses Wissen haben wir in Österreich aber kaum, sagen Fachleute. Ganz im Gegensatz zu den skandinavischen Ländern. So umstritten etwa die Corona-Strategie Schwedens war, so sehr war das Land einst Vorreiter in Digitalisierungsprozessen, die in der Pandemie nun nützlich sind.

"Auch abseits von Corona erhebt Österreich viele Daten, die für Evaluierungen nötig wären, gar nicht", sagt Gesundheitsökonom Thomas Czypionka vom Institut für Höhere Studien zur "Wiener Zeitung". Das gelte etwa auch für bestimmte Arbeitsmarktdaten. Schon bei der Gesetzgebung würde oft nicht berücksichtigt, dass Informationen erhebenswert sein könnten. Daten werden hierzulande meist aus rein administrativen Gründen gesammelt, nicht aber zur gezielten Evaluierung von Maßnahmen. Hinzu kommt: Auch mit bestehenden Gesundheitsdaten wird in Österreich restriktiv umgegangen, zudem lagern sie fragmentiert in Ministerien, Sozialversicherung und Spitälern.

"Politische Gestaltung nicht ohne Evaluierung"

Die Corona-Ampelkommission fordert daher, die Gesundheitsdaten von Bund, Ländern und Sozialversicherungsträgern miteinander zu verknüpfen - aus Datenschutzgründen anonymisiert. Aktuell sind die relevanten Informationen zur Pandemie vor allem auf drei Bereiche aufgeteilt: Corona-Infektionsdaten (etwa: Wie viele Menschen welcher Altersgruppe wurden wann und wo positiv getestet?) finden sich im bundesweiten Epidemiologschen Meldesystem (EMS); Informationen zu bestehenden Erkrankungen oder von niedergelassenen Ärzten verschriebenen Medikamenten lagern bei den Sozialversicherungen; Daten zu behandelten Corona-Infektionen und deren Verlauf wiederum führen die von den Bundesländern betriebenen Krankenhäuser - sie landen bei den Landes-Gesundheitsfonds.

Selbst die Daten der Intensivstationen werden in Krankenhäusern derzeit allerdings nicht mit jenen der "normalen" Spitalsbetten verknüpft. Wissenschaftler, die Informationen zu Modellberechnungen auswerten, "wissen also nicht, wann ein Patient mit welchen Vorerkrankungen von der Normal- auf die Intensivstation gekommen ist", erklärt Czypionka.

Die Zusammenführung der Daten aus diesen drei Bereichen wäre laut dem Experten sowohl für die Behandlung der einzelnen Patientinnen und Patienten, als auch für die Bewertung der Pandemie-Maßnahmen entscheidend. "Idealerweise hat man dann auch noch eine Kontrollgruppe", sagt Czypionka. Bei Erhebungen zu den neurologischen Folgen von "Long Covid" habe man etwa Influenza-Patienten als Vergleichsgruppe herangezogen. Die entsprechenden Vergleichsdaten wären nicht nur für Ärzte, sondern auch für Prognostiker und Gesundheitsökonomen wertvoll. Ebenso wie systematischere Sequenzierungen der einzelnen Virusvarianten, um deren Verbreitung besser nachvollziehen zu können. Zuletzt kritisierten Fachleute zudem vielfach, dass die Öffnungen in der "Modellregion" Vorarlberg nicht ausreichend wissenschaftlich begleitet und evaluiert worden seien.

Auch das Impfregister würde verknüpft mit anderen Gesundheitsdaten wertvolle Erkenntnisse liefern, sagt der Komplexitätsforscher Peter Klimek. Auf diesem Weg könnte man etwa nachvollziehen, wie viele Menschen sich nach der Impfung noch mit Covid-19 anstecken und wie viele davon einen schweren Verlauf entwickeln. Als entscheidendste Daten, die aktuell gar nicht erhoben werden, sieht der Experte aber die Diagnoseerfassung im niedergelassenen Bereich - kurz gesagt: Warum gehen die Leute zum Arzt?

Informationen zu Beruf und sozioökonomischem Status könnten zudem Licht ins Dunkel "der leidigen Debatte um Migrationshintergrund von Infizierten" bringen, sagt Klimek. Die technischen Möglichkeiten, um all diese Daten zusammenzuführen, sind übrigens bereits vorhanden - nur erlaubt ist die personalisierte Verknüpfung aktuell nicht. Das könnte sich mit einer Parlaments-Entscheidung aber demnächst ändern.

"Politische Gestaltung sollte nicht ohne Evaluierung stattfinden", sagt die auf Gesundheitspolitik spezialisierte Politikwissenschafterin Katharina T. Paul. "Erst recht in der Phase der Pandemie, wo sehr schnell sehr weitreichende Entscheidungen getroffen werden müssen." Gute Datenlage sei da auch eine Frage der demokratischen Qualität bei der Entscheidungsfindung. Auch Paul nennt hier den Datenmangel zum sozioökonomischen Status von Corona-Positiven: "Das macht die Evaluierung äußerst schwammig."

Unwille der Länder zur Vergleichbarkeit

Warum aber ist es in Österreich so schlecht bestellt um gut verwertbare Daten? Ein wichtiger Aspekt: Vorbehalte bei Austausch und Zusammenführung sind im föderalistischen System traditionell groß. Gegen die Verknüpfung von Daten wird häufig die grundsätzlich berechtigte Forderung nach Datenschutz ins Treffen geführt. Tatsächlich gebe es aber auch starke Eigeninteressen von Organisationen und Institutionen, die Hoheit über die "eigenen" Daten zu behalten, meinen sowohl Czypionka als auch Paul.

Gerade in der Politik ist das Interesse an allzu großer Transparenz oft enden wollend. Für Landeshauptleute mag es bisweilen etwa attraktiver scheinen, Maßnahmen nicht ausschließlich an harten Zahlen, sondern auch an der Stimmung der Bevölkerung auszurichten. Und je schlechter Zahlen und Daten der Bundesländer vergleichbar sind, desto einfacher lässt sich die eigene Pandemiebekämpfung als Erfolg verkaufen. "Das Nichtwissen und die Unsicherheit haben eine Funktion", sagt Politologin Paul. "Es kann für die Politik sehr nützlich sein."