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Die Bora-Bora-Strände von Albanien

Von Martyna Czarnowska

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Der Tourismus ist in dem kleinen südeuropäischen Land eine wachsende Branche – und sein Potenzial ist bei weitem noch nicht ausgeschöpft.


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Ari hat viel von der Welt gesehen. Im Internet. Per Mausklick ist der 29-jährige Albaner viel herumgekommen, selbst war er allerdings noch nie im Ausland. Doch er weiß, dass seine Heimat den Vergleich mit anderen Tourismusdestinationen nicht zu scheuen braucht. "Hast du gewusst, dass es im Süden ein Fleckchen gibt, wo es genauso aussieht wie auf den Stränden von Bora Bora?" fragt er.

Ari, der ein Wettbüro samt kleinem Lokal in Tirana betreibt, zieht es kaum ins Ausland. Ähnlich wie er scheinen etliche seiner Landsleute zu denken: Der Massenexodus, die Zeit der späten 1990er Jahre, als jeder vierte Albaner emigrierte, ist vorbei.

Trotz einer Arbeitslosenquote von rund 13 Prozent und Durchschnittsgehältern unter 300 Euro, trotz Stromausfällen und immer noch weit verbreiteter Korruption versuchen die meisten Menschen, im eigenen Land über die Runden zu kommen. Manche bekommen dabei Unterstützung von ihren im Ausland lebenden Verwandten: Die Geldüberweisungen von dort machen nach Angaben der Wirtschaftskammer Österreich immerhin 12 Prozent des albanischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil zur wirtschaftlichen Besserstellung des Landes könnte der Tourismus leisten. Welches Potenzial darin steckt, versteht, wer beispielsweise einmal über den Llogara-Pass vom Norden aus in den Süden Albaniens gefahren ist.

In Haarnadelkurven windet sich die Straße den saftig grünen Hang hinauf auf 1000 Meter Höhe, um dann in Serpentinen wieder hinabzugleiten. Auf der anderen Seite, unterhalb des Südhangs, dessen Tannenwälder von rostroten Felsformationen unterbrochen werden, ist schon die albanische Riviera zu sehen. Kilometerlange Strände, die meisten mit Kies bedeckt, säumen die Küste. Die Farbe des Meeres wechselt hier vom Türkisen ins Azurblaue. Am Horizont zeichnet sich die griechische Insel Korfu ab, die gerade einmal 50 Kilometer entfernt ist.
Doch Luxusherbergen sind in dieser Gegend rar. Einfache Pensionen werden gebaut, deren Zimmer im Erdgeschoss vermietet werden, während der erste Stock noch im Bau ist. Die Fahrbahnen können voller Schlaglöcher sein, auch wenn ein großer Teil des Staatsbudgets in den Straßenbau geht. Der Ausbau der Infrastruktur ist eine der größten Herausforderungen für Albanien. Dabei können viele Investitionen nur mit internationaler Finanzhilfe, teils Entwicklungshilfe, getätigt werden.
Dennoch lobte Premier Sali Berisha vor kurzem den Tourismus als eine der wichtigsten Wirtschaftsbranchen. Mehr als zwei Millionen Touristen haben heuer bis Anfang August Urlaub in Albanien gemacht – das waren fast 412.000 Menschen mehr als im Vorjahr im gleichen Zeitraum.

Doch gibt es da auch noch das Problem des Abfalls, der die Straßen säumt oder auf wahllos eingerichteten Mülldeponien die Luft verpestet. Das störe das Image Albaniens bei den ausländischen Besuchern, befand Berisha – und forderte seine Landsleute zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit dem Abfall auf. Was allerdings ohne gut funktionierende Abholung und Verwertung nicht alle Sorgen beseitigt.

Mittlerweile fahren aber auch immer mehr Albaner ins Ausland auf Urlaub – mehr als zuvor, seit im Vorjahr der Visumzwang für Reisen in die EU aufgehoben wurde.

Ari aus Tirana drängt es nicht einmal dazu. Vor allem ein bestimmter Teil Europas, zu dem etwa Rumänien gehört, erfüllt ihn mit Furcht. "Die Osteuropäer", sagt der Amateur-Kickboxer und Harley-Davidson-Fahrer: "Sie machen mir ein wenig Angst."