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Die botanischen Schätze der Habsburger

Von Christina Mondolfo

Wissen
Orangeriegebäude und Orangerieparterre in Schönbrunn sind in der warmen Jahreszeit "Tummelplatz" vieler exotischer Pflanzen.
© Österreichische Bundesgärten

Für die Habsburger waren sie von wissenschaftlichem Interesse und Objekte der Begierde: exotische Pflanzen.


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Wer durch die riesige Parkanlage von Schönbrunn geht, findet in der warmen Jahreszeit unzählige exotische Pflanzen in Kübeln und Töpfen, die das Areal zieren. Zitrusgewächse, verschiedene Palmen, Oliven, Myrten oder Granatäpfel verbreiten südliches Flair, und in den Rabatten wetteifern Blumen in allen Farben. Doch auch im Winter gibt es exotische Pflanzen zu bewundern – im Palmenhaus etwa werden blühende Azaleen und Kamelien gezeigt, das Sonnenuhrhaus, besser bekannt als Wüstenhaus, wartet mit seltenen Kakteen und Sukkulenten auf, und alle bringen Farbe und Exotik in das Grau der kalten und düsteren Jahreszeit.

Rund 130.000 Pflanzen in etwa 14.000 Arten von allen Kontinenten werden heute in den Glashäusern von Schönbrunn gepflegt und gehegt, im Schlosspark gedeihen knapp 7.000 Bäume und Gehölze, viele von ihnen stammen aus Nordamerika. Damit kann sich die ehemalige Kaiserresidenz rühmen, die größte Pflanzensammlung des europäischen Kontinents zu beherbergen. Begonnen hat alles aber schon lange vor Schönbrunn, mit einigen wenigen Pflanzen und sehr viel Lehrgeld…

Die "Goldenen Äpfel"

Macht und Reichtum eines Kaisers oder Königs zeigten sich nicht nur in der Größe seines Reiches oder der Zahlenstärke seiner Armeen, sondern auch in Statussymbolen. Und dazu gehörte alles, was andere nicht hatten oder sich nicht leisten konnten – auch exotische Pflanzen. In ihrem Prestigeanspruch bildeten die Habsburger in dieser Hinsicht keine Ausnahme und so war der Stolz vermutlich groß, als die ersten Zitruspflanzen, nämlich Bitterorangen, 1538 ihren Weg aus Italien an den Prager Hof fanden. Vier Jahre später, 1542, kamen sie auch in die Wiener Hofburg. Allerdings hatte man hierzulande keine Ahnung von der Pflege dieser wertvollen Schönheiten, also brachte man die italienischen Gärtner gleich mit. Doch weil es noch keine passenden Räumlichkeiten gab, in denen man die empfindlichen Pflanzen überwintern konnte, gingen viele von ihnen rasch wieder ein. Dieses Versagen galt fatalerweise als persönlicher Misserfolg des Kaisers. Doch warum importierte man überhaupt Zitrusfrüchte, die aus völlig anderen klimatischen Bedingungen kamen und nördlich der Alpen damals nur wenig Chancen auf Überleben hatten?

Citrus x aurantium "Foetifera".
© Österreichische Bundesgärten

"Da spielen wohl Herakles und die Goldenen Äpfel der Hesperiden eine Rolle", erklärt Claudia Gröschel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Österreichischen Bundesgärten, im Gespräch mit dem "Wiener Journal". "Der Halbgott aus der griechischen Mythologie sollte als Sühne für den Mord an seinen eigenen Kindern dem König von Mykene, Eurystheus, dienen. Dieser befahl ihm, zwölf Aufgaben zu erfüllen. Eine davon war der Raub der Goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden. Es gelang ihm und mit dieser Tat – und natürlich vielen anderen – wurde er zu einer Identifikationsfigur barocker Herrscher. Also wollten auch sie Goldene Äpfel besitzen und da man annahm, dass diese Zitrusfrüchte gewesen seien, holte man die exklusiven Pflanzen an den Hof." Dass Herakles trotz aller hehren Motive dennoch genaugenommen ein Dieb war und Eurystheus die Goldenen Äpfel zurückgab, denn kein Sterblicher sollte sie je besitzen, wirft allerdings ein seltsames Licht auf die Herrscher, sich gerade Herakles zum Vorbild zu nehmen…

Um den Fehler früherer Jahre nicht zu wiederholen, errichtete man in der Folge sogenannte "Pomeranzenhütten", das waren Holzbuden, die im Herbst über den wertvollen Bitterorangen und Zitronen errichtet und die sogar beheizt wurden, nur um im Frühjahr wieder abgerissen zu werden. In Schönbrunn, das seit 1569 im Besitz der Habsburger war, findet sich der früheste Vermerk dazu aus dem Jahr 1637, doch wo genau diese Hütten standen, ist unbekannt. Abgesehen davon, dass die Auf- und Abbauarbeit mühselig und zeitaufwendig und der Schutzcharakter nur bedingt gegeben war, waren die Hütten wohl auch kein attraktiver Blickfang.

Mit dem Wandel der Gartenkultur und des Gartenstils im 17. Jahrhundert wurden allerorts Orangerien gebaut, die den Pflanzen nicht nur besseren Schutz im Winter boten, sondern auch ein gestalterisches Highlight der Gartenanlage waren und für Feste und Veranstaltungen genutzt werden konnten. Die Ausrichtung der großen Fenster nach Süden sorgte für ausreichend Licht, Fußbodenheizungen brachten die richtige Wärme (die Orangerie in Schönbrunn wird heute noch mit der originalen Rauchkanalheizung und Holz aus dem Park beheizt) und die florale Dekoration für die Tafel war sofort zur Hand.

Doch der ästhetische Aspekt war nur einer von vielen: "Exotische Pflanzen wurden auch nach ihrem Nutzen bewertet, das heißt nach ihren medizinischen oder nahrungstechnischen Qualitäten. Und gerade bei den Zitruspflanzen war der Duft ungeheuer wichtig – schließlich war die Körperhygiene damals nicht auf dem heutigen Stand", erklärt Claudia Gröschel schmunzelnd. "Und konnte man eine Pflanze erstmals beschreiben, brachte das hohes Prestige."

Sammelleidenschaft

Die Habsburger machten das Sammeln exotischer Pflanzen zu einer ihrer größten Aufgaben und sie fanden viele Wege, um an sie zu kommen. So finanzierte bereits 1754 Franz I. Stephan eine Expedition in die Karibik und beauftragte den jungen Gelehrten und Arzt Nikolaus von Jacquin, lebende Pflanzen und Tiere, Mineralien, Münzen und Artefakte jeglicher Art nach Wien zu bringen, um damit die "Kunst- und Wunderkammer" zu bestücken. Darunter verstand man ein Sammlungskonzept, das unterschiedliche Objekte gemeinsam präsentierte. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurden die Kunst- und Wunderkammern von spezialisierten Museen, besonders den Naturkundesammlungen mit ihrem wissenschaftlichen Anspruch, abgelöst oder gingen zum Teil in diesen auf. Deshalb findet man das Herbarium, also die Sammlung getrockneter und gepresster Pflanzen, heute im Naturhistorischen Museum und nicht in Schönbrunn.

Beste Bedingungen für die Kakteen in einem der vielen Glashäuser in Schönbrunn.
© Österreichische Bundesgärten

Jacquin wurde vom Gärtner Richard van der Schot und zwei italienischen Vogelfängern begleitet; von den Basislagern auf Martinique und Curaçao aus durchforsteten sie die Karibikinseln und entdeckten Unmengen an Schätzen aus Flora und Fauna, die auf Handelsschiffen nach Wien transportiert wurden.

Der Erfolg dieser ersten, fünf Jahre dauernden Expedition konnte mit der nächsten wiederholt werden: 1783 ging es erneut in die Karibik, diesmal sollten jedoch Samen und Stecklinge gebracht werden, die in Akklimatisierungsgärten auf Martinique vorgezogen wurden und dank des Wissens der einheimischen Bevölkerung, die man beobachtet und befragt hatte, später in Wien erfolgreich gediehen. Zuvor hatten die Expeditionsteilnehmer unter der Führung des Schönbrunner Gärtners Franz Boos jedoch das südliche Nordamerika durchstreift; sie taten das auf dem Rückweg aus der Karibik erneut und sammelten Pflanzen und Gehölze, die sie nach Wien mitbrachten. Viele von ihnen finden sich heute im Park von Schönbrunn.

Schon 1782 hatte der Direktor des Königlich Botanischen Gartens auf Mauritius, Jean-Nicolas Céré, Kisten mit Pflanzen aus diesem Garten an das Kaiserhaus in Wien geschickt. Der größte Teil dieser Pflanzen hatte jedoch die Reise nicht überlebt, aber Kaiser Joseph II. war fasziniert und wollte sie unbedingt besitzen. Also schickte er Franz Boos, kaum dass dieser in Wien angekommen war, 1785 gleich wieder auf Reisen, diesmal nach Mauritius, La Réunion und Südafrika. Aus Südafrika brachten Boos und sein Begleiter, der Gartengehilfe Johann Georg Scholl, nicht nur Pelargonien und Eriken mit, sondern auch eine Sukkulente: die Fockea capensis oder Fockea crispa. Die Pflanze aus der Familie der Seidenpflanzengewächse kam 1799 nach Wien und galt am Naturstandort bereits als ausgestorben.

Fockea capensis, die "Alte Dame" von SChönbrunn.
© Österreichische Bundesgärten

"Kaum jemand würde sie wohl als Schönheit bezeichnen – mit ihrem dicken Fuß, den kleinen, gekräuselten Blättern, die für viele Monate im Jahr abfallen, und den unscheinbaren gelben Blüten ist sie kein ‚Hingucker‘ im herkömmlichen Sinn. Doch diese Pflanze ist geschätzte 600 Jahre alt und die älteste in den Österreichischen Bundesgärten kultivierte Topfpflanze. Wir nennen sie hier liebevoll ‚Alte Dame‘", erzählt Claudia Gröschel stolz. "Sie wurde im Jahr 1900 sogar auf der Pariser Weltausstellung präsentiert und den Zweiten Weltkrieg überlebte sie auf der Fensterbank eines Gärtners. Erst 1972 gelang es, sie durch Samen zu vermehren. Die ‚Alte Dame‘ verbringt heute ihre Tage im Glashaus, sie wird nicht mehr ausgestellt, ihre Töchter aber schon." Die "Alte Dame" ist auch nicht die letzte ihrer Art, 1907 wurde ein weiteres Exemplar einer Fockea capensis am Naturstandort gefunden – das tut der schönen Geschichte um die außergewöhnliche Schönbrunner Lady aber keinen Abbruch …

Weitere Expeditionen folgten, etwa 1817 nach Brasilien (die die riesige Sammlung von Aronstabgewächsen in Schönbrunn begründete) oder die Novara-Weltumseglung 1857 bis 1859. Das Kaiserhaus beauftragte aber auch Diplomaten, exotische Pflanzen nach Wien zu bringen, oder erhielt besondere Gewächse als Geschenk von anderen Herrschern.

Anton Hefkas Entdeckung

Besonders beliebt waren auch Orchideen, allerdings konnte man sie nur schwer vermehren: Man versuchte es durch die Teilung der Rhizome, doch das funktionierte nur in den wenigsten Fällen. Mittlerweile war die Nachfrage jedoch so groß, da auch das wohlhabende Bürgertum sich teure Pflanzen leisten konnte, dass Pflanzenjäger beauftragt wurden, für Nachschub zu sorgen. Die räumten in der Folge ganze Regionen leer und viele Orchideenarten standen vor dem Aussterben.

Nach Wien kamen die ersten Orchideen wohl 1759 mit Nikolaus von Jacquin, bedeutende Zuwächse erzielte die Sammlung ab 1893 – rund 1.400 Arten drängten sich in einem nur fünfzehn mal fünf Meter kleinen Glashaus, das sich die fragilen Schönheiten noch dazu unter anderem mit fleischfressenden Pflanzen, den Nepenthes, teilen mussten. Zum Glück hatte man einen begabten jungen Gärtner gefunden, der sich um die Orchideenkultur besonders verdient machte: Anton Hefka fand heraus, dass Orchideensamen Mykorrhizapilze zur Keimung benötigten. Er platzierte die winzigen Samen also auf Rindenstücken und Fichtensägemehl und tatsächlich wuchsen und blühten die Orchideen innerhalb kürzester Zeit. Auch dank seiner Arbeit und seiner Erfolge in der Züchtung von Hybriden konnte das Sammeln wildwachsender Orchideen eingestellt werden.

In Schönbrunn wurde bald ein derartiger Überschuss produziert, dass man sämtlichen Anfragen für blühende Orchideen zu Dekorationszwecken mühelos nachkommen konnte und viele Exemplare sogar an Floristen und private Liebhaber verkaufte. Heute widmen sich die Schönbrunner Gärtner wieder dem Arterhalt und der Vielfalt und konzentrieren sich auf Wildarten und alte Sorten. Mehr Platz haben die Orchideen heute selbstverständlich auch: Rund 20.000 Orchideen in mehr als 3.000 Arten wachsen und gedeihen in Glashäusern auf 1.200 Quadratmetern.

Das Palmenhaus – eine weltberühmte und unverkennbare Konstruktion aus Stahl und Glas - beherbergt auch im Winter eine Vielzahl an blühenden exotischen Pflanzen.
© Österreichische Bundesgärten

Der Schlosspark Schönbrunn wurde um 1779 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und ist seither ein beliebtes Erholungsgebiet für die Wiener Bevölkerung und ein "Must-see" für Touristen. Der Schlosspark wurde 1996 gemeinsam mit dem Schloss Schönbrunn in das Verzeichnis des Welterbes der Unesco aufgenommen. "Was die Pflanzensammlung in Schönbrunn zusätzlich so außergewöhnlich macht – abgesehen von der Vielfalt und der riesigen Anzahl von exotischen Pflanzen –, ist, dass sie über die Jahrhunderte sämtliche Widrigkeiten und Wirrnisse nahezu unbeschadet überstanden hat. Sogar die Bomben des Zweiten Weltkriegs haben keinen großen Schaden angerichtet. Deshalb dürfen wir uns glücklich schätzen, so viele unglaublich alte Pflanzen und Gewächse in Schönbrunn zu haben.

Ihre Geschichte und die des Schlosses und des Parks ist aber immer noch nicht völlig erforscht und wissenschaftlich bearbeitet, es gibt so viele Dokumente, die wir noch nicht studieren konnten. Aber wir arbeiten daran und hoffen, viele weitere Erkenntnisse über die botanischen Schätze der Habsburger zu gewinnen", sagt Claudia Gröschel – und macht sich auf den Weg, genau das zu tun.

Ambra Edwards: "Pflanzenjäger. Wie exotische Pflanzen in unsere Gärten kamen", Gerstenberg, 304  Seiten, 42,50 Euro.

© Gerstenberg

Die Beute von Pflanzenjägern prägte Imperien, sorgte für wirtschaftlichen Aufschwung oder stürzte ein Land in finanzielle Nöte, revolutionierte die Medizin und förderte unser Verständnis der Naturwissenschaft. Dieses Buch präsentiert Männer und Frauen – Forscher, Abenteurer und Mediziner, aber auch Plünderer und Diebe –, die auf der Suche nach dem "grünen Gold" in alle Winkel der Erde reisten. Das Hauptaugenmerk in diesem Buch liegt jedoch auf den Pflanzen und Kontinenten, von denen sie stammen. Die außergewöhnliche Bebilderung liefern über 100 Illustrationen aus den Archiven der Königlichen Botanischen Gärten von Kew. Aufschlussreich, spannend und wunderschön!

Bernd Brunner: "Von der Kunst, die Früchte zu zähmen. Eine Kulturgeschichte des Obstgartens", Knesebeck, 288  Seiten, 22,95 Euro.

© Knesebeck

Bereits die frühen Menschen aßen wildwachsende Früchte und Beeren. Mit Beginn des Ackerbaus begann man, erste Obstgärten anzulegen, die nicht nur als Nahrungsquelle dienten, sondern auch Ruheoasen waren und Künstler inspirierten. Die Geschichte der Fruchtkultivierung ist damit auch eine Geschichte der Menschheit. Bernd Brunners Buch erzählt diese Geschichte; sorgfältig recherchiert, fesselnd geschrieben und reich illustriert, ist "Von der Kunst, die Früchte zu zähmen" ein faszinierendes Porträt der Obstgärten und ihrer Früchte.

Kej Hielscher / Renate Hücking: "Pflanzenjäger. In fernen Welten auf der Suche nach dem Paradies", Piper, 272 Seiten, 12,90 Euro.

© Piper

Durch Pflanzenjäger wurden europäische Gärten zu blühenden Paradiesen, kamen exotische Pflanzen in unsere Gewächshäuser und Wintergärten. Die Autorinnen porträtieren acht deutsche Wissenschafter und Forscherinnen, darunter Alexander von Humboldt und Amalie Dietrich, und widmen sich den Lebenshintergründen, den Motiven für die langen und mühseligen Reisen, den Erfolgen und Misserfolgen, dem Lohn
für die Mühen, vor allem aber den
Pflanzen, die wir diesen
Abenteurern verdanken. Spannend wie ein Krimi!