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"Die CO<sub>2</sub>-Schäden zahlen auch wir"

Von Marina Delcheva

Wirtschaft
"Infrastruktur ist Aufgabe desStaates", meint Verbund-VorstandWolfgang Anzengruber zu etwaigen Privatisierungsszenarien.
© Christoph Liebentritt

Verbund-Chef Anzengruber über die Grenzen der erneuerbaren Energie und das neue Standortentwicklungsgesetz.


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Wien. Für Verbund-Chef Wolfgang Anzengruber gab es härtere Sommer als diesen. Die Strompreise steigen, was für die Verbraucher schlecht ist, für den Verbund aber gut. Das erste Halbjahr lief mit einem Konzerngewinn von 227,5 Millionen Euro mehr als gut, die Aktie steigt. Die anhaltende Hitzewelle und der niedrige Wasserstand machen aber der heimischen Energieerzeugung zu schaffen. Die Situation im Sektor erneuerbarer Energie ist angespannt.

"Wiener Zeitung": Zumindest wegen der Bilanzen mussten Sie diesen Sommer nicht schwitzen.

Wolfgang Anzengruber: Wir haben die Gewinnerwartung für den Rest des Jahres erhöht anlässlich des Halbjahresberichts. Es läuft ganz gut.

Der niedrige Wasserspiegel macht sich auch in Ihrem Geschäft bemerkbar. Die großen Wasserkraftwerke fahren nur noch mit halber Kraft, die kleinen überhaupt mit einem Drittel. Muss man sich Sorgen um die Stromversorgung machen?

Wir sehen, dass vor allem im August die Wasserführung deutlich unter dem Durchschnitt liegt. Wir reden hier von 40 Prozent unter dem 30-jährigen Durchschnitt. Wenn wir aber das gesamte Jahr betrachten, liegen wir bei zwei Prozent unter dem Durchschnitt. Die Speicherkraftwerke sind programmgemäß gefüllt. Dort macht sich das stärkere Abschmelzen der Gletscher bemerkbar. Wir sehen aber schon eine langfristige Veränderung in der Wasserführung. Bei der Ökostromerzeugung spielt der Wind eine große Rolle und wir haben hier auch eine Flaute. Die Photovoltaik kann das nicht kompensieren. In Summe ist die Situation im erneuerbaren Bereich angespannt. Das Gaskraftwerk im Mellach wird fast täglich abgerufen, um die Stromversorgung zu stabilisieren.

Die Klimastrategie der Bundesregierung sieht vor, dass die heimische Stromproduktion ab dem Jahr 2030 bilanziell zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammen muss. Jetzt sind wir bei 75 Prozent. Ist das realistisch?

Ja, das ist technisch grundsätzlich möglich. 2030 ist aber sehr ambitioniert. Die Volatilität der erneuerbaren Energie ist, wenn man so will, ihr Nachteil. Erneuerbare haben sehr viele Vorteile, aber was den Einsatz betrifft, sind sie volatil. Wir brauchen eine noch dichtere Vernetzung in Europa, um den Strom von dort, wo er produziert wird, dorthin zu bringen, wo er gebraucht wird. Heute leiden wir eher an den Engpässen der Übertragungsnetze. Die zweite Facette ist, dass wir mehr Energiespeicher brauchen werden. Die Energiespeicher, die wir jetzt haben, sind im Wesentlichen fossile Speicher - Kohle, Gas, Erdöl. Im erneuerbaren Bereich haben wir nur die Pumpspeicher. Der dritte Aspekt, um die Volatilität auszugleichen, ist intelligente Digitalisierung; die Volatilität der Erzeugung mit der Flexibilität beim Verbraucher zu verbinden.

Das alles kostet aber viel Geld.

Das kostet Geld, aber wir dürfen nicht vergessen, dass die heutige Situation auch viel Geld kostet. Wir importieren um hunderte Millionen fossile Treibstoffe. Und wir emittieren enorme Mengen an CO2. Die Schäden zahlen natürlich auch wir, über eine andere Rechnung, aber wir zahlen sie.

Warum soll auf jedem Dach eine Photovoltaik-Anlage stehen?

Der Strom macht heute nur 20 Prozent unseres Energiebedarfs aus. Um die Klimaziele zu erreichen, muss der Stromanteil steigen, auch bei Wärmeversorgung und Mobilität. Wenn wir die österreichische Geografie betrachten, dann haben wir noch 10 bis 15 Prozent an Ausbaupotenzial bei der Wasserkraft, und dann geht da nicht mehr viel. Beim Wind wird man vielleicht noch ein bisschen durch Leistungssteigerung machen können. Das große Potenzial ist die Photovoltaik. Eigentlich dürften wir in Zukunft kein Haus mehr ohne PV-Anlage bauen.

Ab 1. Oktober wird die Trennung der gemeinsamen Strompreiszone zwischen Österreich und Deutschland vollzogen. Was bedeutet das für die Strompreise?

Die gemeinsame Strompreiszone hat sehr gut funktioniert. Die Probleme sind entstanden, weil Deutschland mehr Windstrom an der Nordsee erzeugt, dort aber keine Verbraucher hat. Die sind im Süden. Man muss den Strom von der Nordküste in den Süden transportieren und hat dafür zu wenig Leitungskapazitäten. Aus diesem Grund ist Deutschland zum Schluss gekommen, den Strommarkt zu teilen. Wir verstehen das Problem, aber die Trennung an der deutsch-österreichischen Grenze ist der falsche Weg, weil es hier keinen Engpass gibt. Den gibt es innerhalb Deutschlands. Man hätte das gemeinsam auch billiger lösen können. Wenn Sie große Märkte in kleinere trennen, entstehen unterschiedliche Preise. Und kleinere Märkte sind immer teurer als größere. Wir gehen von einem Preisanstieg von rund sieben Prozent im österreichischen Markt aus.

Das müsste Sie doch freuen, wenn die Preise steigen?

Das ist kurzfristig gedacht. Der höhere Strompreis ist auch für die Industrie relevant. Wenn es meinen Kunden nicht gut geht und sie nicht investieren, habe ich mittelfristig auch ein Problem.

Sie haben als Verbund auch eine Stellungnahme zum umstrittenen Standortentwicklungsgesetz abgegeben, die nicht ganz so kritisch war wie andere.

Bei großen Infrastrukturprojekten im Energiebereich kann es oft zu deutlichen Überschreitungen der Genehmigungszeiten kommen. Im Extremfall 10 bis 15 Jahren. Deshalb sind wir natürlich daran interessiert, beschleunigte Abläufe in den Genehmigungsverfahren zu haben. Man muss aber aufpassen, das Kind nicht mit dem Bad auszuschütten. Wir haben ein Umweltverträglichkeitsprüfungsgesetz, das gut ist. Ursprünglich hatte der Gesetzgeber festgelegt, dass die erstinstanzlichen Verfahren neun Monate dauern dürfen, die zweitinstanzlichen sechs. Eigentlich müsste jedes Projekt in 15 Monaten abgewickelt sein. Natürlich müssen alle Betroffenen eine reale Chance haben, ihre Position mitzuteilen. Es muss aber irgendwann einen Redaktionsschluss geben. Bei komplexen Materien wäre es aus unserer Sicht gut, wenn es Bundessachverständige gäbe.

Sollte automatisch jedes "standortrelevante" Projekt nach einem Jahr bewilligt werden?

Bei einem Bewilligungsautomatismus muss man sehr vorsichtig sein. Da verstehe ich die Kritik. Ich hoffe dennoch, dass man eine vernünftige Lösung findet. Keiner kann es allen recht machen, aber wir brauchen gesellschaftlich und klimapolitisch tragbare Lösungen.

Der Verbund gehört zu 51 Prozent der Republik. Börse-Chef Christoph Boschan etwa sprach sich für eine Privatisierung aus. Wie sehen Sie das?

Das ist eine Entscheidung der Eigentümer. Der Vorteil wäre, dass die Liquidität steigen würde, weil man in den Fokus internationaler Fonds rückte. Das ist klar, dass der Börse-Chef das fordert, weil das für den Börsehandel mehr Umsatz bedeuten würde. Der Nachteil ist, dass man ohne klaren Eigentümer Spielball von Spekulationen werden kann. Wir haben in unserem Portfolio sehr viel Infrastruktur. Ich bin sehr marktaffin. Aber als Österreicher möchte ich den Gestaltungsraum bei der Infrastruktur behalten.

Wie viel Staat und wie viel privat ist bei der Infrastruktur eine gute Relation?

Strom, Gas, Wasser, Telekommunikation, Straßen- und Schienennetze - das ist für mich die regulierte Infrastruktur. Hätten wir da einen Wettbewerb, würden zum Beispiel die Netze dorthin gebaut werden, wo sie die größten Umsätze bringen. Infrastruktur ist Aufgabe des Staates. Hier muss er sich darum kümmern, dass sie perfekt ist, damit der Standort nicht darunter leidet. Mit 50 Prozent Eigentum an einem Unternehmen können Sie gestalten, mit 25 nur noch verhindern.

Zur Person

Wolfgang Anzengruber ist seit 2009 Vorstandsvorsitzender heimischen Verbund AG. Davor war der studierte Maschinenbauer Vorstandsvorsitzender des Hebe- und Ladevorrichtungshersteller Palfinger.