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Die dem Tod ins Auge sehen

Von WZ-Korrespondentin Birgit Svensson

Politik

Kurdische Peschmerga-Kämpfer sind die wichtigste Stütze im Kampf gegen die islamistischen IS-Terroristen geworden. | Nach Rückschlägen bringen ihnen nun die US-Luftangriffe neue Hoffnung.


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Dohuk. "Dort, dort drüben sind sie", sagt Faisal Abdullah. Er zeigt geradeaus und gibt sein Fernglas weiter. Doch selbst damit sind die Männer, auf die der Major der kurdischen Peschmerga hinweist, nur schwer zu erkennen. Wie schwarze Strichmännchen bewegen sie sich vor der Linse. "Das ist Daash", sagt der Kurde in braun-grün gefleckter Uniform mit je einem fliegenden Vogel auf den Schulterklappen. "Sie haben Bärte und sind schwarz gekleidet, manche tragen lange Gewänder wie in Afghanistan."

Abdullah kommandiert für die Peschmerga im Irak eine kleine Kompanie von etwa 60 Kämpfern und kommt gerade vom Mossul-Damm, wo er und seine Männer 15 Tage lang gegen die Terrorgruppe Islamischer Staat (IS, vormals Isis) gekämpft haben, die seit nunmehr zwei Monaten Angst und Schrecken im Irak verbreitet. Der alte Freiheitskämpfer mit sonnenverbranntem Gesicht ist müde, erschöpft und deprimiert. Zwar hätten er und seine Leute den Mossul-Damm vorerst zurückerobert, aber das ginge seit Tagen schon ständig hin und her.

Der Mossul-Damm und seine Schleusen sind ein strategisch wichtiges Element für das islamische Kalifat, das der IS, der unaufhaltsam Landgewinne macht, im Irak und in Syrien errichten will. Wasser ist dafür unentbehrlich. Der Kampf um die Ressource wird im Zweistromland derzeit genauso erbittert geführt wie die Schlacht ums Öl. Während der IS oder Daash, wie das arabische Wort für die Terrororganisation heißt, bereits die Provinz Anbar nordwestlich von Bagdad fest im Griff hat und damit das Wasser des Euphrat kontrolliert, will er jetzt auch das Sagen über den Tigris haben. Sollte dies gelingen, wäre die Wasserversorgung des Irak gänzlich von den Terroristen abhängig. Sie könnten über Trockenheit oder Flut bestimmen, über das Lebenselixier von 33 Millionen Menschen. "Das können wir nicht zulassen", sagt der Major.

In Erbil will man noch keine Entwarnung geben

Seitdem die USA den Kurden zu Hilfe geeilt sind, hat sich die Lage im Nordirak etwas entspannt. Luftangriffe auf die von IS eroberte Stadt Makhmur südwestlich von Erbil zeigen erste Wirkung. Die Stadt konnte von Peschmerga-Kämpfern zurückerobert werden. Aber noch immer sind unzählige Dörfer und Städte entlang den kurdischen Autonomiegebieten in der Hand der brutalen Dschihadisten. Auch in der Kurdenmetropole Erbil will man noch keine Entwarnung geben. Am Wochenende waren auf den Überlandstraßen die Truppenbewegungen nicht zu übersehen. Lange Konvois mit Militärlastwagen und Jeeps brachten die Soldaten in die Berge von Irakisch-Kurdistan und mischten sich mit den unzähligen Flüchtlingstrecks, die vor den IS-Terroristen flohen.

Am späten Mittwochabend vergangener Woche begann die zweite Angriffswelle der Dschihadisten von Mossul aus nach Osten Richtung Erbil, der Hauptstadt der autonomen Kurdenregion und nach Norden in Richtung Dohuk. Davor haben die Schwarz-Bärtigen von Syrien aus kommend schon die Stadt Sinjar, in der Angehörige der religiösen Minderheit der Jesiden lebten, angegriffen, brachten Zammar am Mosul-Stausee unter ihre Kontrolle und verschanzten sich zum Stellungskampf am Damm.

Sie wollen für denDschihad sterben

Ihr offensichtliches Ziel: Im gesamten Raum zwischen der syrischen Grenze und den kurdischen Autonomiegebieten soll die Flagge des Kalifats wehen. Dafür bombardierten und beschossen sie christliche, jesidische, turkmenische und kurdische Dörfer und Städte, trieben die Einwohner in die Flucht, setzten Kirchen und Grabmäler in Brand, plünderten Häuser und Geschäfte von Christen und Jesiden, ermordeten jeden, der sich ihnen in den Weg stellte. Hunderttausende suchen derzeit Zuflucht in Erbil, Dohuk und den Bergen Kurdistans.

"Das sind keine Menschen" charakterisiert Major Abdullah die mordende und brandschatzende Truppe. Ihre Psychologie sei Sterben für den Dschihad, "während wir Leben erhalten wollen". Am Freitag zogen sich die Peschmerga zurück - resigniert, ernüchtert, gedemütigt. Viele Städte und Orte waren in die Hände von Daash gefallen. Die Terrororganisation ist bis auf 40 Kilometer an Erbil herangerückt und steht 50 Kilometer vor Dohuk. Die kurdische Regionalregierung spricht von 150 toten Kämpfern und von 500 Verletzten.

"Alleine werden wir mit denen nicht fertig", schätzt Faisal Abdullah die Möglichkeiten der Peschmerga pessimistisch ein. Jetzt steigt der Major erst einmal in seinen Jeep und fährt nach Hause, um sich auszuschlafen.

Peschmerga ist der kurdische Begriff für die irakisch-kurdischen Freiheitskämpfer und heißt übersetzt "die dem Tod ins Auge Sehenden". Es sind die bewaffneten Einheiten der kurdischen Parteien KDP (Demokratische Partei Kurdistans) und PUK (Patriotische Union Kurdistans). Von manchen werden die Peschmerga auch als Kurdenmiliz bezeichnet.

Ihre historischen Wurzeln reichen zurück in die Zeit des Untergangs des Osmanischen Reiches, das bis in die 1920er Jahre hinein das Kurdengebiet beherrschte. In dieser Zeit erstarkte die kurdische Unabhängigkeitsbewegung, die bis heute ihren Fortbestand hat. Kämpfe für mehr Autonomie gegen die Zentralregierung in Bagdad beherrschten seit den 1960er Jahren die Agenda der Peschmerga. Saddam Hussein konterte mit Giftgas, Deportationen und Massenhinrichtungen. Bei dem Einmarsch der amerikanischen und britischen Truppen im Frühjahr 2003, marschierten Peschmerga-Kämpfer stellvertretend in den Städten Mossul und Kirkuk ein, da das türkische Parlament den US-Truppen den Durchzug durch die Türkei in den Nordirak untersagte. Nach dem Sturz Saddam Husseins in Bagdad zogen sich die Kurden aus diesen Gebieten zugunsten der US-Amerikaner wieder zurück, beanspruchen aber seitdem die Verwaltungshoheit über Kirkuk und einige andere mehrheitlich von Kurden bewohnte Orten außerhalb der drei Kurdenprovinzen Erbil, Dohuk und Suleimanija.

"Danke Obama" und "Raus mit den Arabern"

Im Juni dann ergriffen "die dem Tod ins Auge Sehenden" ihre Chance. Auf Befehl der kurdischen Regionalregierung sicherten Peschmerga-Einheiten nach der Flucht irakischer Truppen vor der Terrortruppe IS Gebiete um Kirkuk und nördliche Teile von Mossul bis zur syrischen Grenze, sodass diese seitdem de facto zum kurdischen Autonomiegebiet zählen. Jetzt will Daash diese Gebiete für sich beanspruchen.

Kürzlich hat US-Präsident Barack Obama seine Unterstützung für die Kurden im Kampf gegen IS verkündet und Luftangriffe angeordnet. Daraufhin brach in Dohuk Jubel aus. Spontan versammeln sich zumeist junge Menschen im Stadtzentrum zu einer Demonstration zur Unterstützung der Freiheitskämpfer, sangen patriotische Lieder und schwenkten kurdische Fahnen. "Danke Obama", rufen sie, "auf geht’s Peschmerga" und: "Raus mit den Arabern!" Inzwischen sind auch moderne Waffen, Munition und anderes militärisches Gerät für die Peschmerga auf dem Flughafen in Erbil eingetroffen. Der Kampf geht in die nächste Runde.