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Der technologische Wandel hat neue Chancen eröffnet, insbesondere den besseren Zugang zu Bildung - denn Bildung ermöglicht uns die größte Vernetzung von Wissen in der Zukunft.
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Es ist faszinierend, wie Menschen im Zeitalter von Digitalisierung und Globalisierung über das Internet miteinander kommunizieren, gemeinsam denken und voneinander lernen. Informationen verbreiten sich heute in Echtzeit rund um den Globus. Jedem von uns steht heute ein Vielfaches an Informationen zur Verfügung.
"Von der Welt lernen" - dieses Leitbild hat mich immer geprägt. Dafür hat uns der technologische Wandel neue Chancen eröffnet, insbesondere den besseren Zugang zu Bildung - denn Bildung ermöglicht uns die größte Vernetzung von Wissen in der Zukunft.
Mehr Informationen bedeutet aber auch mehr Unsicherheit. Deswegen müssen wir uns gerade jetzt um Wahrheit und Vertrauen kümmern. Denn die Dinge haben sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert: Online-Nachrichten und Social Media verstärken die Auswirkungen von Irrtum und Irreführung. Buchstäblich jeder, vom Präsidenten bis zum einfachen Bürger, kann seine Ansichten in die Welt senden. Wenn diese Ansichten aber als exakte Informationen ausgegeben werden, kann dies gravierende Folgen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft haben. In solchen unsicheren Zeiten sind Vertrauen, Offenheit und Gemeinschaft wichtig. Sie sind es, die Gesellschaften formen und zusammenhalten.
Vereinsamung und gesellschaftliche Zersplitterung
Auf die heute scheinbar allgegenwärtigen schlechten oder beunruhigenden Nachrichten reagieren die Menschen unterschiedlich: Einige sehnen sich nach der "guten alten Zeit", in der alles vermeintlich besser war und die Welt ein schönerer Ort. Andere ziehen sich in virtuelle Welten zurück. Die Folge: Die Vereinsamung und damit die Zersplitterung innerhalb der Gesellschaften nimmt zu. Die Chancen für ein gemeinsames Verständnis der Gesellschaft werden kleiner. Denn Fakten und wissenschaftliche Beweise werden heute infrage gestellt. Absichtliche Fehlinformationen breiten sich mehr und mehr aus - und das oft in Sekundenschnelle.
Ich frage mich oft:
- Wahrnehmung ist subjektiv. Aber ist es nicht Voraussetzung für das Tagesgeschäft im politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bereich, dass die Realität anerkannt wird?
- Wer sind die Haupttreiber verzerrter Realitäten und was sind ihre Motive?
- Wie können wir das Vertrauen in Fakten und wissenschaftliche Beweise zurückgewinnen?
- Wie können wir die Kontrolle über die Daten und die daraus resultierenden technologischen Entwicklungen wiedererlangen?
Diese Fragen prägen nicht nur die Politik unserer Tage, sondern auch die Gedanken und Sorgen vieler Menschen in ihrem Alltag. Wir wissen, was vor zehn Jahren war. Wir wissen aber nicht, was in zehn Tagen sein wird. Und die digitale Revolution schreitet immer schneller voran.
Schwieriger Umgang mit manipulierten Nachrichten
Populisten überall auf der Welt nutzen gezielt Falschinformationen für ihre politischen Ziele. Die Gegner der Demokratie gewinnen an Einfluss. Wir leben inzwischen in einem "postfaktischen" Zeitalter. Das ist nicht gleichzusetzen mit Lügen. Es beschreibt mehr die Tatsache, dass öffentliche Meinungen manipuliert werden und objektive Fakten weniger Einfluss haben als Emotionen und persönliche Überzeugungen. Wir leben also in zerrissenen Realitäten.
Dies ist das Thema beim diesjährigen Salzburger Trilog. Diese Konferenz veranstalten der ehemalige Bundeskanzler Wolfgang Schüssel und ich seit 18 Jahren. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Kantar im Auftrag der Bertelsmann Stiftung anlässlich des Salzburger Trilogs 2019 zeigt: Für die Mehrheit der Befragten in Deutschland und Österreich ist es schwierig, korrekte von manipulierten Nachrichten zu unterscheiden. 61 Prozent der Deutschen schätzen es als "eher schwierig" bis "sehr schwierig" ein, in Österreich sehen das 59 Prozent so.
Zu dieser Entwicklung trägt die Künstliche Intelligenz bei. Nachrichten werden heute auch von Algorithmen im Netz verbreitet. Wer wirklich der Absender ist, ist in der Tat schwer herauszufinden. Roboter und Algorithmen ersetzen Menschen in vielen Bereichen des täglichen Lebens. Maschinen werden irgendwann selbst Maschinen bauen können. Am Ende sind Maschinen sogar uns Menschen überlegen. Denn eine Maschine vergisst nichts.
Wir müssen dieZukunft neu denken
Die Megatrends Globalisierung und Digitalisierung haben Folgen für unser ganzes Leben. Keiner von uns war sich zu Beginn der Globalisierung bewusst, was "global" in der digitalen Umsetzung wirklich bedeutet. Wir haben die Größe der Probleme und ihre Folgen für die Menschen und Gesellschaften unterschätzt. Wir konnten sie nicht einmal erahnen. Wir haben auch unterschätzt, wie viele Auswirkungen sie auf alle Bereiche des Lebens hat. Die Globalisierung stellt Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft weltweit vor Herausforderungen, wie wir sie so noch nie erlebt haben.
Ich sehe die Folgen der Digitalisierung und Globalisierung heute mit anderen Augen. Viele Menschen sind durch all diese Entwicklungen verunsichert. Sie sind auf der Suche nach einer Heimat. Sie haben Ängste und suchen nach Halt, Geborgenheit, Struktur und Orientierung. Ich sehe daher Gewinner, ich sehe aber leider auch Verlierer. Ich sehe Licht- und Schattenseiten. Selbst im entlegensten Teil der Welt können Menschen über das Internet lernen. Die Digitalisierung ermöglicht die größte und schnellste Vernetzung von Menschen auf der ganzen Welt. Das verändert unser Miteinander. Es braucht Brücken der Verständigung über kulturelle und nationale Grenzen und Unterschiede hinweg. Erst, wenn wir uns begegnen, austauschen und kennenlernen, entsteht Vertrauen. Und Vertrauen ist heute wichtiger denn je.
Verantwortung in einer globalen und vernetzten Welt
Die Erwartungshaltung der Menschen an die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger hat sich verändert. Es ist an uns allen, über unseren persönlichen Umgang mit Informationen kontinuierlich nachzudenken. Dies wird in einer zunehmend komplexeren Welt immer wichtiger. Dies verlangt mehr Reflexion und eine wertebasierte Auseinandersetzung mit dem Thema Information und Kommunikation. Wir müssen bei Kindern und Jugendlichen anfangen und ihnen mehr Informationskompetenz beibringen.
Wir wissen aus unserer täglichen Arbeit: Es gibt nicht die eine einfache Lösung in einer komplexer werdenden Welt. Wir brauchen ein gemeinsames Verständnis darüber, was Verantwortung in einer globalen und vernetzten Welt heißt. Für mich ist beim technologischen Wandel besonders die Frage der Ethik und Gesetze wichtig. Werte wie Offenheit, Respekt, Solidarität und Menschlichkeit sind dafür eine wichtige Grundlage. Es ist an uns allen - Politikern und Privatpersonen, Jung und Alt -, sich für diese Werte einzusetzen. Auf Grundlage der Ethik brauchen wir neue, internationale Gesetze.
Der Wandel ist gegenwärtig. Wir müssen ihn als Chance begreifen und unsere Welt von morgen neu gestalten. Dies funktioniert, wenn die neuen Technologien der Digitalisierung sinnvoll und ethisch verantwortlich eingesetzt werden. Bei diesem Veränderungsprozess müssen wir die Menschen mitnehmen und mit- und voneinander lernen. Dafür brauchen wir wieder mehr positive Vorbilder.

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