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Die Duisenberg-Prophezeiung

Von Christian Ortner

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Christian Ortner.

Indem sie die Tradition der deutschen Bundesbank über Bord geworfen hat, mindert die EZB das Vertrauen in den Euro, und das ist nicht gut so.


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Es ist jetzt ziemlich genau zehn Jahre her, dass der mittlerweile verstorbene Holländer Wim Duisenberg, der erste Präsident der Europäischen Zentralbank, das Wesen der damals blutjungen Einheitswährung so charakterisiert hat: "Wahrscheinlich repräsentiert keine andere Währung das gegenseitige Vertrauen, welches das Fundament einer Gemeinschaft ist, besser als der Euro. Er ist die erste Währung, die nicht nur ihre Bindung an Gold, sondern auch an den Nationalstaat gelöst hat. Hinter ihm steht weder die Wertbeständigkeit des Metalls noch das Gewicht des Staates. Für den Euro gilt, was Sir Thomas More vor 500 Jahren über Gold sagte: Es sei für die Menschen gemacht und empfange seinen Wert durch sie."

Was damals, 2002, durchaus modern, wenn nicht gar nach avantgardistischer geldpolitischer Statik und in eine neue ökonomische Ära weisend klang, hat heute, im Strudel der europäischen Schuldenkrise und angesichts des Überlebenskampfes des Euro, einen nahezu prophetisch-bedrohlichen Unterton.

Denn das "gegenseitige Vertrauen, welches das Fundament der (Europäischen) Gemeinschaft ist", ist mittlerweile deutlich erodiert, alte innereuropäische Konfliktlinien sind längst wieder aufgebrochen. Die fehlende Bindung an Gold oder einen Nationalstaat wird nicht mehr zwingend als Riesenvorteil verstanden; dass "weder die Wertbeständigkeit des Metalls noch das Gewicht des Staates" hinter dem Euro stehen, beunruhigt so manchen Europäer.

Duisenberg wies damals, und zwar völlig zu Recht, auf ein Faktum hin, das die EZB seit einigen Jahren unter dem Druck der Politik nicht hinreichend beachtet: dass eine Währung, die so konstruiert ist wie eben der Euro, noch viel mehr vom Vertrauen der User und Märkte abhängig ist als etwa eine hunderte Jahre alte, direkt an den Wohlstand einer reichen Nation gebundene Währung. Seit die EZB - entgegen allen diesbezüglichen politischen Versprechen - sukzessive immer mehr die Staatsfinanzierung insolvenzbedrohter EU-Staaten übernommen hat, steigt das Misstrauen gegenüber dem Euro deshalb deutlich an. Jüngsten Umfragen zufolge glaubt bereits jeder sechste Österreicher, dass es den Euro in drei Jahren nicht mehr geben wird - für eine so junge und freischwebende Währung wie den Euro ein katastrophales Ergebnis. Mit ziemlich unguten Folgen, wenn die Euro-Skeptiker erst einmal die ökonomischen Konsequenzen ziehen und ihre Bankkonten abräumen, wie etwa in Spanien.

Wenn mittlerweile da und dort wieder über eine Rückkehr zum Goldstandard diskutiert wird, deutet das weniger auf die zwingende ökonomische Überlegenheit dieser Geldpolitik hin. Vielmehr dürfte es schiere Verzweiflung darüber sein, dass die Politik offenkundig einfach nicht die Druckerpresse loslassen kann, wenn es einmal echt eng wird.

Jenes Vertrauen, das der relativ junge und fragile Euro dringender braucht als Franken oder Dollar, kann die EZB nicht durch Gelddrucken wiederherstellen, sondern im Gegenteil nur durch eine Rückkehr zur Stabilitätspolitik nach Art der Bundesbank, wie es der EZB ja rein rechtlich auch vorgeschrieben ist. Davon ist leider nichts zu sehen.

ortner@wienerzeitung.at