Zum Hauptinhalt springen

Die Durchstarter

Von Eva Stanzl

Wissen
Natürlich ist es langweilig, dieses Foto schon wieder zu sehen. Aber in keiner anderen Aufnahme kristallisieren sich Bedeutung und Geschichte der Nasa besser als in dieser von Edwin Aldrin (im verspiegelten Visier Kommandant Neil Armstrong) bei seinem Spaziergang auf dem Mond am 20. Juli 1969.
© Nasa

Die Nasa ist 60 Jahre alt. Nur eine bemannte Marslandung könnte die historische Mondlandung toppen.


Hinweis: Der Inhalt dieser Seite wurde vor 5 Jahren in der Wiener Zeitung veröffentlicht. Hier geht's zu unseren neuen Inhalten.

Sie machte dem Katzenjammer ein Ende. Knapp ein Jahr nach der Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Truppen des Warschauer Paktes, die die westliche Demokratie in Ohnmacht versetzt hatte, landeten die Amerikaner am 20. Juli 1969 auf dem Mond. Mitten im Kalten Krieg demonstrierten die USA auf der Weltbühne ihre politische, ökonomische und technische Überlegenheit.

"Die Mondlandung war weitaus mehr als eine wissenschaftliche Mission oder eine Übung zur Stärkung des Nationalstolzes", sagt der US-Physiker Michael Douglas, von 2005 bis 2009 Chef der US-Raumfahrtbehörde Nasa, zum britschen "Economist": "Sie war ein moralischer Sieg, galt als Härtetest für die Lebensfähigkeit unserer offenen Gesellschaft und verteidigte nicht zuletzt die freie Welt."

Tatsächlich hatten die Apollo-Missionen etwas Heldenhaftes. Sie faszinierten die Menschheit, versprachen ein neues, fortschrittsgetriebenes Weltbild und zeigten unseren Planeten erstmals als fragilen, blauen Punkt in einem dunklen, scheinbar leeren Universum aus dem Blickpunkt der ewigen Mondwüste. Noch immer ist dieses Bild ein Symbol für alles, was größer ist als die Gier nach Profit. Die Nasa hatte das Rennen zum Mond gewonnen. Am Sonntag wird die US-Weltraumbehörde 60 Jahre alt.

National-strategische Interessen

Am 29. Juli 1958 wurde die National Aeronautics and Space Administration als zivile Bundesbehörde für Raumfahrt und Flugwissenschaft mit Sitz in Washington gegründet. Heute beschäftigt die weltgrößte Raumfahrtagentur 17.000 Mitarbeiter und verfügt über ein Haushaltsvolumen von 18,01 Milliarden US-Dollar (15,4 Milliarden Euro). Sie führt in der Weltraumforschung, ist in den Geowissenschaften nicht wegzudenken und stellt die meisten Forschungsgelder für Klimawissenschaften bereit. Ihre Ursprünge sind jedoch in nationalstrategischen Interessen verwurzelt.

Bereits im Ersten Weltkrieg im Jahr 1915 gründeten die USA das National Advisory Committee of Aeronautics (Naca) für Grundlagenforschung in der Luftfahrt. Die Behörde koordinierte die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Wirtschaft für Innovationen im Flugzeug- und Antriebsbau für die amerikanische Luftfahrtindustrie. Zu den bekanntesten Entwicklungen zählen optimierte Tragflächenprofile, neue Rumpfformen für Überschallflüge und eine leisere Strahltriebwerkstechnik. "Wer die technologische Vorherrschaft hat, kontrolliert das Machtgefüge der Welt", betonte Nasa-Chef Jim Bridenstine bei einer Jubiläumskonferenz des US-Zentrums für Strategische und Internationale Studien am Montag in Washington. Er brachte das Ziel der Naca auf den Punkt.

Selten wurde dieses Ziel so konsequent verfolgt wie nach dem Zweiten Weltkrieg, als sich die Siegermächte 1945 die Gebiete aufteilten. "Die Russen bekamen Ostdeutschland. Im Gegenzug verschafften sich die USA Zugang zu den technischen Entwicklungen der Nazis, indem sie deutsche Wissenschafter einluden, in Amerika zu leben", erläuterte Bridenstone: "Chemische Waffen, Atomwaffen, der Marschflugkörper V1 und die Rakete V2 hätten in den falschen Händen verheerende Folgen gehabt. Die Frage war also, wer kontrollierte diese Erfindungen?"

Sternstunde war dasRennen ins All

Die Amerikaner holten sich so viele Technologien nach Hause wie möglich. Als die Sowjetunion 1957 mit Sputnik 1 den ersten Satelliten ins All schickte, waren sie in der Lage zu antworten. Obwohl das russische Raumfahrtprogramm in den Kinderschuhen steckte, sah der US-Kongress in dessen Erfolg eine Gefahr für die nationale Sicherheit. Präsident Dwight D. Eisenhower entschied sich für eine durchdachte Reaktion. Am 29. Juli 1958 unterzeichnete er den "National Aeronautics and Space Act", der eine Behörde für nichtmilitärische Weltraumaktivitäten vorsah. Die Sternstunden der Nasa, die am 1. Oktober 1958 mit vier Laboratorien und 8000 ehemaligen Mitarbeitern der Naca ihre Arbeit aufnahm, konnten beginnen.

Die ersten Projekte zur bemannten Raumfahrt standen unter dem Druck des Wettlaufs ins All. Das Mercury-Programm untersuchte ab 1958, ob und wie Menschen im Weltraum überleben könnten. Doch schon am 12. April 1961 umrundete der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch die Erde. Drei Wochen später folgte am 5. Mai 1961 Alan Shepard als erster Amerikaner mit einem Bogen-Flug ins All. Der erste Amerikaner, der die Erde umkreiste, war John Glenn am 20. Februar 1962.

Das Gemini-Programm unternahm erste Experimente zur Mondlandung. Im Oktober 1968 wurde das Apollo-Programm gestartet, das Menschen in die Nähe des Mondes bringen sollte. Eine Richtungsänderung erfuhr Apollo durch die Absicht von US-Präsident John F. Kennedy, bis 1970 "einen Menschen auf dem Mond abzusetzen und ihn wieder sicher auf die Erde zurückzubringen". Es sollte die aufregendste Etappe des Space Race werden. "Die Welt kam für einen kurzen Moment zusammen und freute sich gemeinsam", berichtet der US-Astrophysiker John O’Meara vom Saint Michael‘s College in Vermont.

Pleiten, Pech, Pannen und Ende des Shuttle-Programms

Manche Kritiker sind der Ansicht, die Nasa hätte es dabei belassen sollen. Danach hätten dem größten technischen Forschungszentrum der Welt Ziele gefehlt, die es zu verfolgen lohnte. Das öffentliche Interesse und die Bereitschaft des Kongresses, immer höhere Budgets sicherzustellen, flachten ab.

1967 war das erste Unglück in der Geschichte der Nasa passiert. Alle drei Besatzungsmitglieder der Apollo-1-Mission kamen um, als bei einem Bodentest Feuer im Raumschiff ausbrach. Am 28. Jänner 1986 zerbrach die Raumfähre Challenger in 15 Kilometern Höhe beim schwersten Unfall der US-Raumfahrtgeschichte. Alle sieben Astronauten starben. Eine zweite komplette Crew kam beim Wiedereintritt der Columbia-Fähre in die Erdatmosphäre um.

Die Nasa stellte ihr veraltetes Shuttle-Programm ein und ist seither auf russische Sojus-Kapseln angewiesen. Die Amerikaner benötigten ein neues Flaggschiff und frische Ziele. Mit Sonden erkundet die US-Agentur das Planetensystem und blickt mit Weltraumteleskopen tief in die Weiten des Universums. Tausende Exoplaneten wurden entdeckt und unzählige Galaxien. "Es liegt in unseren Möglichkeiten, in den nächsten 20 Jahren definitiv herauszufinden, ob es außer uns noch Leben im Universum gibt", betont O’Meara. Zusammen mit anderen Ländern hat die Nasa die Internationale Raumstation ISS als Außenposten der Menschheit aufgebaut.

Ziele ändern sich mitjedem Präsidenten

Im Jänner 2004 verkündete Präsident George W. Bush, eine weitere Mondlandung ab 2015 und später eine bemannte Marsmission durchführen zu wollen. Sechs Jahre danach strich Barack Obama den Mond in Reaktion auf die Wirtschaftskrise 2008 von der Liste. Um 2030 wollte er den Mars direkt ansteuern, allerdings ohne Budget für eine neue Raumkapsel. Im Oktober 2017 holte US-Präsident Donald Trump den Trabanten auf die Agenda zurück, "diesmal nicht um bloß Fußabdrücke und Flaggen zu hinterlassen, sondern um den Grundstein für eine Mondbasis zu legen und danach Amerikaner auf den Mars und noch weiter zu bringen."

Vor dem Hintergrund der politischen Zerrissenheit konzentrieren sich die Nasa-Ingenieure auf neue Hardware. Das Raumschiff Orion soll ISS-, Mond-, Mars- und Asteroidenflüge durchführen können. Ob Orion einen ersten bemannten, für 2023 geplanten Mondflug machen kann, wird letztlich von der Finanzierung abhängen. Immer intensiver prüft die Nasa die Sicherheit privater Raumfahrzeuge, damit die Industrie einen Teil der Transporte übernehmen kann.

18 Milliarden Dollar sind viel Geld. Doch die Bandbreite der Nasa-Forschung erfordert eine kluge Aufteilung. Mit Technik und Mammon kämpft auch der Star der Flotte: Das neue James-Webb-Teleskop, ein Joint Venture von USA, Europa und Kanada, startet nicht wie geplant heuer, sondern 2021. Zusätzlich zu den vorgesehenen 8,7 Milliarden Dollar Budget muss der Kongress mindestens weitere 800 Millionen genehmigen. Das neue himmlische Auge soll mit Infrarotlicht in die Vergangenheit des Kosmos blicken. Für die Aliensuche ist es aber nur unzureichend gerüstet. Es wurde in den 1990er Jahre geplant, als niemand ahnte, wie viele Kandidaten für erdähnliche Planeten es eigentlich geben würde.