Die Energiewende soll mit Biogas gelingen

Von Marijana Miljković

Wirtschaft

Österreich kann mit Biomethan bis zu 20 Prozent russische Importe ersetzen - vorausgesetzt, der rechtliche Rahmen steht.


Dass Russland derzeit die Liefermengen so stark einschränkt, halte ich nur für kurzfristig intelligent. Hätte man die Liefermengen beibehalten, hätte man nicht den Effekt hervorgerufen, der jetzt da ist. Ich bin überzeugt davon, dass wir die Energietransformation dadurch um Jahre, nicht Monate, vorverlagern werden", sagt Christian Helmenstein. Der Ökonom ist überzeugt davon, dass Österreich die Umstellung auf Erneuerbare Energien in Riesenschritten bewältigen kann.

"Die Zeitenwende besteht nicht darin, dass wir aus fossilen russischen Gasimporten aussteigen, sondern, dass der Interessengegensatz zwischen Ökologie, Ökonomie und Sicherheitspolitik aufgehoben ist", so Helmenstein. Die Grundlage dazu bildet eine Studie seines Economica Instituts, in der das Potenzial von Biogas bewertet wurde. Mit heimischem Biomethan beziehungsweise Biogas könnten 20 Prozent der Russland-Importe ersetzt werden, hat die Untersuchung ergeben.

Biogas wird verstromt

Das Potenzial von Biogas, für Unternehmen und Haushalte, ist groß, aber verkannt. Derzeit wird Biogas großteils nicht in das Gasnetz eingespeichert, sondern zur Stromerzeugung verwendet. "Das ist eine besonders ineffiziente Verwendung eines so wertvollen Energieträgers", sagt Studienautor Helmenstein. In der Industrie werde für hochkalorische Prozesse Gas benötigt, das auch nicht so einfach substituierbar sei, während Strom auch aus anderen Quellen hergestellt werden könne. "Biogas zur Stromerzeugung zu verbrennen, ist sowohl aus ökonomischer als auch aus umwelttechnischer Sicht extrem schmerzlich", meint Helmenstein.

In der Studie habe man eine sehr vorsichtige Annahme gemacht und nur das Potenzial biogener Abfälle zu Biogaserzeugung herangezogen - auch, um die Tank-Teller-Diskussion zu vermeiden. Durch das Vergären von andere Abfällen, etwa aus der Holzindustrie, oder spezieller Energiepflanzen, wäre das Potenzial ungleich höher, und man könnte fossiles Gas noch viel schneller ersetzen - bei gleichzeitiger Einsparung, die ebenfalls notwendig sei, so Helmenstein.

Bei der Berechnung der Studie, die im Auftrag des Fachverbands Gas Wärme im Frühjahr erstellt worden war, sei nicht sicher gewesen, ob Österreich die Ziele des Erneuerbaren-Ausbau-Gesetzes (EAG) erreichen könne. "Daran habe ich inzwischen gar keinen Zweifel. Das kann jetzt nur noch durch überlange Planungs- und Genehmigungsverfahren verhindert werden. An der Investitionsbereitschaft und dem Realisierungszeitraum kann es nicht liegen", sagt Helmenstein, zumal sich auch der Gaspreis verdoppelt hat.

300 Biogasanlagen werden derzeit in Österreich betrieben, die wenigsten sind jedoch an das Gasnetz angebunden. Der niedrige Gaspreis hatte etliche Marktteilnehmer in den vergangenen Jahren gezwungen, aufzugeben. Zudem wurde in der Vergangenheit Ökostrom aus Biogas gefördert, Biomethan hingegen wurde nicht gefördert. "Die Stromförderungen für Biogasanlagen laufen langsam aus, mittlerweile rechnet sich auch Biogas", sagt Sascha Grimm, Experte für Gas bei der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW), einem Regulator für Netzbetreiber. Die Infrastruktur und die rechtlichen Rahmenbedingungen, damit sich Biogas rentiert, fehlen allerdings noch.

Gesetz fehlt

"Einmal in der Woche frage ich nach, ob sich etwas tut", erzählt Grimm anekdotisch. "Ohne das Gesetz traut sich niemand, ein Investment zu machen," so Grimm. Für den Fall, dass der Gaspreis wieder sinke, brauche es auch Marktprämien. Diese seien derzeit nicht vorgesehen. Es spießt sich unter anderem auch darin, dass die Politik den Ausstieg aus Gas in Privathaushalten und bei der Mobilität forciere. Auch Umweltorganisationen traten in der Vergangenheit für das Verbot von Gasheizungen ein.

Dabei kann Biogas tatsächlich nachhaltig sein; zum Beispiel, wenn es aus biologischen Reststoffen hergestellt wird. "Für uns gilt nur das als Potenzial, was nicht mit Tierfutter- oder Nahrungsmittel in Konkurrenz steht und da fällt genug an", sagt Grimm.

Derzeit verbraucht Österreich rund 90 Terawattstunden (TWh) Gas, wobei 92 Prozent importiert werden. Der Biogasanteil ist mit 0,15 Prozent verschwindend gering. Die Biogas-Erzeugung liegt bei 2 bis 3 TWh, laut Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz sollen bis 2030 zusätzlich 5 TWh Biogas ins Gasnetz eingespeist werden. Sinnvoll wäre es laut Helmenstein, die gesamte Biogasproduktion ins Gasnetz überzuführen. Denn anders als bei der Stromerzeugung aus Photovoltaik oder Windanlagen, die das Stromnetz zusätzlich belasten, ist Gas speicherbar, und es wird eine andere Infrastruktur dafür verwendet.

Laut einer Studie des Klimaministeriums könnte Österreich 20 TWh seines Gasverbrauchs mit Biogas ersetzen. Laut Berechnungen des ÖVGW könnten sogar 40 Prozent ersetzt werden, wenn man andere Stoffe zur Biomethanherstellung hinzuziehe, sagt Grimm.

Geschlossene Kreisläufe

Prinzipiell könne jeder eine Biogasanlage bauen, doch prädestiniert dafür wären Landwirte, bevorzugt in viehwirtschaftlich genutzten Räumen, sind sich die von der "Wiener Zeitung" befragten Experten einig. Vor der Ausbringung der Gülle und landwirtschaftlicher Abfälle zur Düngung auf die Felder, könnten diese in einem ersten Schritt in eine Biogasanlage wandern. Nach der Verwertung des Biomethans würde die Gülle erst im zweiten Schritt auf die Felder ausgebracht werden - ein geschlossener Kreislauf, der das schädliche Methan gut verwertet. Neben dem positiven Effekt für die Umwelt, wäre auch die Wertschöpfung in der Region hoch, so Helmenstein.

Von allen Erneuerbaren weist laut Helmenstein Biomethan die höchste Refinazierungsquote auf, gefolgt von Wasser und Wind. Beim Ausbau von Biogasanlagen zählt die Größe: je größer, desto niedriger die Produktionskosten.