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Die entführte Sicherheit

Von Antje Krüger

Politik

Neben der Arbeitslosigkeit ist die Kriminalität die zweitgrößte Sorge der Argentinier - und ein täglicher Begleiter auf den Straßen von Buenos Aires. Korrupte Polizisten sind in die anhaltende Entführungswelle verwickelt. Die Unsicherheit der | Bevölkerung wird möglicherweise als politischer Machtfaktor zur Destabilisierung der Regierung Kirchner ausgespielt.


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Es war ein Sonnabend wie jeder andere. Der 18-jährige Juan Gómez ging mit seinen Freunden tanzen. Am Eingang der Disco ein Trupp von Animateuren, die ihn zu einem Gewinnspiel einluden. Juan füllte den Fragebogen mit seinen persönlichen Daten aus und verschwand dann im Dunkel der Tanzfläche. Kurz darauf schrillte bei seinen Eltern das Telefon. "Wir haben ihren Sohn entführt. Wenn wir bis nachts um 3 Uhr 1.000 Dollar Lösegeld haben, kommt er in den Morgenstunden unversehrt nach Hause", sagte eine Stimme am anderen Ende der Leitung. Entsetzt kramten die Eltern jeden Peso zusammen, den sie auf die Schnelle auftreiben konnten. Als der neue Tag dämmerte, kam der Sohn müde, aber vergnügt aus der Disco zurück. Das Gewinnspiel hatte er schon längst vergessen. Erst als ihn seine Eltern völlig aufgelöst in die Arme nahmen, musste er feststellen, dass der Fragebogen eine Falle war und der "Preis" auf Kosten seiner Familie ging.

Diese Geschichte, die wie ein böser Bubenstreich klingt, ist bittere, alltägliche Wahrheit in Argentinien. Nicht immer wird das Opfer nur virtuell entführt. Vor allem Angehörige bekannter Persönlichkeiten im Land werden zur Erpressung missbraucht. Im Schnitt kommt es alleine in der Provinz Buenos Aires zu einer Entführung pro Tag. Das Vorgehen der Entführer wird dabei immer brutaler. Abgeschnittene Finger dienten bei den letzten Entführungen als Druckmittel.

Ordnungshüter in Verruf

Die Verwicklung vor allem der Polizei in diese Fälle ist inzwischen nachgewiesen. Die beiden Chefs der Bundes- und Provinzpolizei von Buenos Aires, Roberto Giacomino und Alberto Sobrado warten nun auf ihren Prozess, weitere zum Teil ranghohe Polizisten sitzen in Haft. "Niemand kann am helllichten Tage bewaffnet in den gut gesicherten Bezirken der Reichen jemanden entführen, ohne von der Polizei gedeckt zu werden", sagte ein Mitglied einer Bande im Gefängnis aus. Doch die mafiösen Strukturen, die Polizei und Verbrecher miteinander verbinden, sind nur schwer zu durchbrechen.

Es sind vor allem diese Verflechtungen, die das Gefühl von Angst und Ohnmacht in der Bevölkerung schüren. Dabei ist laut Statistik, nachdem sich in den letzten fünf Jahren die Morde verdoppelt und andere Verbrechen verdreifacht haben, die Zahl der kriminellen Handlungen im Jahr 2003 erstmalig rückläufig gewesen. Doch sind Unsicherheit und Misstrauen inzwischen zum alltäglichen Begleiter in Argentiniens Megametropole geworden.

Kein Fenster ohne Gitter, die Jalousien in der ersten Etage sind auch bei Tage immer heruntergelassen. Die Türen von Restaurants und Läden bleiben verschlossen. Begehrt man als Kunde Einlass, muss man klingeln. Die sogenannten "Barrios Cerrados", eingezäunte Wohnviertel mit Sicherheitspersonal und Kontrolle am Eingang, boomen seit einigen Jahren. Und im Taxi erfolgt der Griff zur Türverriegelung schon automatisch. Es gibt kaum eine Institution, der noch zu trauen ist. "Als wir mit dem Geld die Bank verließen, sind wir nur zwei Straßen weiter gelaufen, da kamen sie schon mit einem Motorrad. Einer mit Revolver stieg ab und verlangte das Geld. Der wusste genau, wieviel wir haben. Irgendwer in der Bank muss uns verraten haben. Bevor sie abfuhren, schlugen sie noch meinen 70-jährigen Vater zu Boden", erzählt Horacio Lovaglio.

Horacio wird sein Geld nie wieder sehen. Von 1.000 Verbrechen werden nur 16 bestraft. Und selbst dann lassen Gefängniswärter nachts Häftlinge frei und machen halbe-halbe mit der Beute, die diese von ihren Raubzügen mitbringen. Das Problem der Kriminalität wird dabei offensichtlich immer mehr zu einem politischen Schlachtfeld, einem Ringen um die Macht auf Kosten der Bevölkerung. Es halten sich hartnäckig die Gerüchte, dass die Entführungen und die Unsicherheit missbraucht werden, um die Position des Präsidenten zu untergraben, denn in der Provinz von Buenos Aires, der mächtigsten und konfliktreichsten zugleich, hat Eduardo Duhalde, Intimfreund und -feind von Néstor Kirchner, das Sagen.